Freizeitpark und Gutscheine: Brauchen wir jetzt Anreize für die Corona-Impfungen?

  • Immer wieder lassen Bürgerinnen und Bürger ihre Impftermine ausfallen.
  • Dabei betonen Politik und Wissenschaft, wie wichtig die Impfquote angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante des Coronavirus jetzt ist.
  • An Impfbereitschaft mangelt es grundsätzlich nicht, sagen Expertinnen und Experten.
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Berlin. Etwa ein halbes Jahr lang waren die Impfzentren essenzieller Teil der deutschen Impfkampagne, nun steht ihr Ende bevor: Die Gesundheitsminister der Bundesländer haben sich am Montag darauf geeinigt, den Betrieb bis zum Herbst zurückzufahren und anschließend auf staatliche oder kommunale Impfangebote zu setzen.

Tatsächlich scheint der Bedarf an den Zentren zu sinken: Die Zahl verschobener oder abgesagter Termine nimmt vielerorts zu. So hat etwa eine Stichprobe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in den sächsischen Impfzentren gezeigt: In der Woche vom 8. bis zum 15. Juni wurden von mehr als 60.000 geplanten Zweitimpfungen nur gut 53.000 durchgeführt. Auch in Niedersachsen haben sich zwischen April und Juni laut zuständigem Ministerium 44.492 Menschen gegen ihren Termin für eine zweite Injektion entschieden. In Mecklenburg-Vorpommern schwankte die Zahl der Absagen tageweise zwischen 15 und 40 Prozent.

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20 Prozent der Impfungen in Berliner Impfzentren abgesagt oder verschoben

Dass dahinter aufkommende Impfmüdigkeit steckt, bezweifeln Experten allerdings. So meldet Berlin „weitestgehend ausgelastete“ Impfzentren. „Die Mehrheit der Menschen möchte nach wie vor geimpft werden“, sagte der Sprecher des Berliner DRK-Teams, Karsten Hintzmann.

Dennoch seien in den vergangenen Wochen bis zu 20 Prozent der Injektionen abgesagt oder verschoben worden, und etwa 2 Prozent der Impflinge seien ohne Rückmeldung nicht erschienen, so der Senat. Die Behörde startet daher eine Kampagne, um die Einwohner „auf die Impfangebote aufmerksam zu machen“.

Solche Kampagnen fordern die Grünen bundesweit. „Diejenigen, die verunsichert sind, müssen durch gezielte Information und Aufklärung über die Wirkung und Sicherheit der Impfstoffe informiert werden“, sagte die pflege- und altenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Kordula Schulz-Asche, dem RND.

Als Grund für die Verschiebungen und Absagen vermutet der Berliner Senat etwa kurzfristig wahrgenommene Termine bei Hausärzten: „Das kann unter anderem daran liegen, dass die Junitermine in den Impfzentren zum Teil schon im März gebucht wurden.“ Tatsächlich beobachten aber auch die niedergelassenen Ärzte eine ähnliche Entwicklung: „Absagen oder No-Shows nehmen auch in den Hausarztpraxen zu“, sagte der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, dem RND.

Anreize: Corona-Impfung im Freizeitpark?

Obwohl die bundesweite Inzidenz am Dienstag laut Robert Koch-Institut (RKI) nur noch bei 5,4 liegt, ist sich FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus sicher: „Um der Ausbreitung der Delta-Variante entgegenzuwirken, müssen wir so schnell wie möglich den Impffortschritt voranbringen.“ Ein Problem sieht sie hierbei vielmehr bei begrenzten Kapazitäten als bei einer sinkenden Bereitschaft, sich vor Sars-CoV-2 zu schützen. „Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass Ärzte mehr und zuverlässig Impfmittel erhalten. Dann können die Impfzentren demnächst auslaufen“, sagte Aschenberg-Dugnus dem RND.

Anreize zum Impfen zu schaffen wie etwa die USA oder Griechenland, wo es neuerdings einen 150-Euro-Gutschein für die erste schützende Spritze gegen Covid‑19 gibt, hält die FDP-Politikerin grundsätzlich für sinnvoll, zum Beispiel in Freizeitparks oder Naturkundemuseen. „Wer sich dort impfen lässt, kann dann den Rest des Tages die Attraktionen oder das Museum nutzen.“

Grüne fordern „endlich eine klare Strategie“ für die Corona-Impfungen

Gegen eine zeitnahe Schließung der Impfzentren spricht sich dagegen Grünen-Politikerin Schulz-Asche aus. „Es gilt, die Impfzentren für die Bevölkerung derzeit offen zu halten, damit zusätzlich weiter leichter Zugang zur Impfung besteht“, sagte sie. Ziel sei eine flächendeckende Impfquote von mindestens 70 Prozent. Hierfür riet Schulz-Asche zu zielgruppengerechten Kampagnen, begleitet von „sinnvollen Public-Health-Maßnahmen“ wie mobilen Impfteams.

Dass zu diesem Vorgehen ein weiterer Impffortschritt gehört, steht für DRK-Sprecher Hintzmann außer Frage. „Eine Herdenimmunität ist noch längst nicht erreicht. Deshalb darf in den Anstrengungen nicht nachgelassen werden.“

Fast 36 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind dem RKI zufolge mittlerweile vollständig gegen das Coronavirus geimpft. 44.886.784 Menschen, also rund 54 Prozent, haben demnach zumindest eine erste schützende Spritze gegen Covid‑19 bekommen. Am Montag wurden in der Bundesrepublik 588.066 Corona-Impfungen verabreicht, wie aus Zahlen des Impfdashboards von Dienstag (Stand: 10 Uhr) hervorgeht. Die bisher meisten Injektionen wurden bislang am 12. Mai 2021 vorgenommen – mit insgesamt 1.410.365 Dosen.

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