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  • Corona-Impfung in Deutschland: Warum die Kampagne ab April besser werden könnte

Trotz Astrazeneca-Chaos: Wie die Impfkampagne in Deutschland einen Schub bekommen soll

  • Im April soll es mit den Corona-Impfungen in Deutschland schneller vorangehen.
  • Große Lieferungen der Hersteller stehen an, die Hausärzte dürfen ihre Patienten in ihrer Praxis mit Vakzinen versorgen.
  • Der Fall Astrazeneca droht aber die Impfpläne wieder durcheinanderzubringen.
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Berlin. Prognosen, so stellte einst der Schriftsteller Mark Twain fest, seien schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft beträfen. Das gilt in Zeiten einer Pandemie umso mehr. In den nächsten Tagen, zum Beginn des zweiten Quartals, soll ein neues Kapitel im Kampf gegen die Pandemie aufgeschlagen werden: In den kommenden drei Monaten wird ein Mehrfaches der bisher gelieferten Impfdosen in Deutschland erwartet. Außerdem werden die Arztpraxen regulär in das Impfen einsteigen.

Doch am Dienstag kam eine Hiobsbotschaft, die viele Pläne wieder durcheinanderbringt: Wegen neuer Fälle von lebensgefährlichen Hirnvenenthrombosen soll der Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens Astrazeneca ab sofort nur noch bei über 60-Jährigen verimpft werden.

Dabei hatten die Behörden vor knapp zwei Wochen noch Entwarnung gegeben: Nach einem Impfstopp war das Vakzin wieder freigegeben worden. Doch mittlerweile sind 31 Erkrankungsfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung bekannt – neun Menschen starben. Deshalb empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) nun diese Einschränkung – wobei bei Jüngeren eine Impfung „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoakzeptanz nach sorgfältiger Aufklärung“ möglich bleiben soll – heißt: Wer unbedingt will, kann sich weiter mit dem Vakzin impfen lassen.

Rückschlag für Jüngere

Die neuen Erkenntnisse könne man nicht ignorieren, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am späten Abend nach Beratungen mit den Länderchefs. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von einem Rückschlag. Doch er versuchte, Optimismus zu verbreiten: Durch die neue Regelung könnten nun Ältere schneller geimpft werden – zumal der Astrazeneca-Impfstoff ab sofort für alle über 60 freigegeben werde.

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Als Hausärztin Ulrike Petri vor ein paar Tagen ihre Bestellung für Impfstoffe ausfüllt, ist diese Entwicklung noch nicht abzusehen: „30 Covid-Impfstoffdosen plus erforderliches Impfzubehör“ hat die Ärztin auf dem „Formular 16“ für die Apotheke vermerkt, aus der sie auch normalerweise den Bedarf für ihre Praxis bezieht. „Endlich geht es los“, sagt die Medizinerin erleichtert, die im brandenburgischen Kloster Lehnin Hunderte Patienten betreut.

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Dass Astrazeneca teilweise ausfällt, ist zumindest am Anfang kein Problem für die Ausweitung der Impfkampagne auf die Praxen, weil zunächst ohnehin nur das Vakzin von Biontech/Pfizer an die Ärzte geliefert werden soll. Das Impfen in den Praxen, so hatte es der Chef der Kassenärzte, Andreas Gassen, formuliert, werde der „Gamechanger“ bei der bisher schleppend verlaufenden Impfkampagne werden.

Eine Frage des Vertrauens

Davon ist auch Hausärztin Petri überzeugt. „Ich hätte gern von Beginn an meine Patienten geimpft – auch außerhalb der Sprechzeiten und an Wochenenden“, sagt sie. „Ich habe nie verstanden, warum man extra Impfzentren aufgebaut hat.“ Sie kennt ihre Patienten.

Da ist der 80-Jährige, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und einen Blasenkatheter brauchen würde, um die lange Fahrt ins Impfzentrum zu überstehen. Oder der junge Mann im Wachkoma, der nur schwer transportfähig ist und zu Hause von Intensivpflegekräften betreut wird. „Er fällt bei den aktuellen Impfregeln durchs Raster, wenn ich ihn nicht zu Hause impfe“, weiß Petri.

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Die Hausärztin Ulrike Petri in ihrer Praxis. © Quelle: privat

„Frau Doktor, Ihnen vertraue ich, von Ihnen will ich geimpft werden, und deshalb warte ich lieber noch“ – das hätten in den vergangenen Wochen viele ihrer Patienten gesagt. Sobald die Impfdosen da sind, will sie zuerst die hochbetagten und immobilen Patienten versorgen, die sie im Hausbesuch betreut. Sollte am Abend etwas übrig bleiben, plant sie diejenigen zu impfen, die mit einer chronischen Erkrankung zwar erst in die zweite Impfkategorie fallen, aber mobil sind. „Die können wir dann anrufen und rasch in die Praxis bitten. Bei uns muss nichts weggeworfen werden.“

Jetzt hofft sie, „dass ich bald so viel Impfstoff bekomme, um alle meine Patienten impfen zu können“. Das ist auch die Hoffnung der Politik. Während von Januar bis März erst rund 16 Millionen Dosen geliefert wurden, sollen es nach der Prognose des Bundesgesundheits­ministeriums im zweiten Quartal bis zu 73,5 Millionen Dosen sein – 40,2 Millionen von Biontech/Pfizer, 6,4 Millionen von Moderna, zwischen 12,4 und 15,4 Millionen von Astrazeneca und 10,1 Millionen von Johnson & Johnson.

Eingeplant im zweiten Quartal sind auch 1,4 Millionen Dosen vom deutschen Hersteller Curevac, obwohl eine Zulassung des mRNA-Impfstoffs noch nicht absehbar ist. Der russische Impfstoff Sputnik V ist dagegen in keiner der Lieferprognosen berücksichtigt. Zu unsicher ist, ob – und wenn ja, wann – er von der EU-Arzneimittelbehörde zugelassen wird.

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Astrazeneca: Forscher sieht möglichen Grund für Thrombosen
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Ein Wissenschaftler hält einen bestimmten Mechanismus für die Ursache der möglichen Thrombosefälle nach einer Astrazeneca-Impfung.  © TNN-Videoservice/dpa
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Selbst unter der ungünstigen Annahme, dass sich niemand mehr mit dem Astrazeneca-Vakzin impfen lassen möchte, könnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihr Versprechen einlösen, dass jedem Bürger bis Ende September – also bis zum Ende des dritten Quartals – ein Impfangebot gemacht wird. Immerhin sollen zwischen Anfang Juli und Ende September weitere 120 Millionen Dosen geliefert werden, mehrheitlich wieder das Vakzin von Biontech/Pfizer.

Lieferung nicht garantiert

Aber wie sicher sind die Lieferpläne? „Die Zahlen beruhen auf Prognosen und sind mit Unsicherheiten behaftet. Änderungen sind nicht ungewöhnlich!“, warnt das Gesundheitsministerium in roter Schrift auf allen Tabellen. Der Ausfall einer Fabrik oder Lieferengpässe bei Grundstoffen können zu Verzögerungen führen.

Allerdings verweist das Ministerium darauf, dass sich die Belieferung in den vergangenen Wochen stabilisiert hat. Und: „Letztlich profitieren wir in Europa auch vom enormen Impffortschritt in den USA und Großbritannien. Je schneller dort geimpft wird, desto früher fallen deren Exportbeschränkungen.“

Absehbar ist jedenfalls, dass die Impfzentren der Länder die Liefermenge schon in den kommenden Wochen nicht mehr allein werden verimpfen können. Um die 300.000 Dosen täglich schaffen die über 400 Zentren bundesweit. In den Arztpraxen können dagegen nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung täglich etwa eine Million Impfdosen gespritzt werden. Angenommen wird, dass die 50.000 Hausarztpraxen wöchentlich jeweils rund 100 Impfungen schaffen.

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Wie sich das auswirkt, zeigt eine aktuelle Simulation des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Werden weiterhin nur die Impfzentren genutzt, dauert es den Berechnungen zufolge noch bis kurz vor Weihnachten, bis die gesamte Bevölkerung einmal geimpft ist. Die Zweitimpfungen sind dann erst 2022 abgeschlossen. Wird das Impfen dagegen weitgehend auf die Praxen verlagert, ist die Erstimpfung bis 18. Juli und die Zweitimpfung bis 15. August zu schaffen.

Dennoch sollen die Zentren noch mehrere Monate weiterbetrieben und auch bevorzugt beliefert werden. Die Länder, die ihre mit viel Geld aufgebauten Impfzentren auslasten wollen, setzten durch, dass sie bis auf Weiteres pro Woche 2,25 Millionen Dosen bekommen. Das führt dazu, dass die Praxen bis weit in den April hinein wöchentlich nur etwa eine Million erhalten – gerade einmal 20 Dosen pro Praxis und damit nur ein Fünftel der möglichen Kapazität. Die Praxen dürften nicht zur „Resterampe“ werden, beschwerte sich denn auch der Chef des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt.

Der Brandenburger Hausärzteverband forderte seine Mitglieder sogar indirekt auf, die Impfzentren, in denen viele niedergelassene Mediziner freiwillig helfen, fortan zu boykottieren. Man könne jetzt nur noch „mit den Füßen abstimmen“, heißt es in einem Brief an die Mitglieder, der dem RND vorliegt. Es sei schließlich „unser Altruismus und unsere Gutmütigkeit, die dieses System bisher am Leben gehalten“ haben, argumentiert der Verband und appelliert an die Ärzte: „Denken Sie daran, wenn Sie wieder um Übernahmen von Diensten im Impfzentrum gebeten werden.“

Ärzte wollen durchstarten

Offen sagt es keiner, aber gegen ein Impfen bei den Ärzten spricht nach Auffassung der Länder auch, dass die Priorisierung dann nicht mehr durchzuhalten ist. Andere sehen das entspannt. „Jetzt kommen so viele Dosen, dass es nun auch egal ist, wenn sich ein Arzt mal nicht exakt an die Reihenfolge hält“, sagt ein Krankenkassenmanager. „Da müssen wir uns als Deutsche auch mal locker machen. Jeder Geimpfte ist ein Gewinn, Hauptsache, wir starten endlich durch.“

Durchstarten fordert auch Kassenärztechef Gassen. Nahezu alle Länder, die schneller impfen würden als Deutschland, bekämen die Pandemie in den Griff, sagt er. In Israel und Großbritannien sänken die Infektions- und Sterbezahlen: „Während andere Länder impfen, wo und wie es nur geht, doktert Deutschland an immer neuen Verordnungen und anderen bürokratischen Vorgaben – statt die Praxen einfach machen zu lassen.“

Hausärztin Petri weiß, wovon Gassen spricht. Denn mit einem Piks ist es eben nicht getan. Der bürokratische Aufwand sei extrem, kritisiert sie. Allein der Aufklärungsbogen umfasse fünf Seiten und müsse mehrfach unterschrieben werden. Und die Meldung über die Impfungen müsse täglich abgeliefert werden, „bis spätestens 23.59 Uhr – wie es in der Anweisung warnend heißt“, berichtet sie.

Gleichwohl ist die Medizinerin optimistisch, dass das Impfen nun endlich schnell vorankommt. „Das wird sich einspielen“, sagt sie, „trotz der Probleme mit den Liefermengen und der Bürokratie.“

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