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Corona-Impfung: Ärzte laufen Sturm gegen Spahns Pläne zur Biontech-Deckelung

  • Die Ärzteschaft kritisiert die Pläne des Gesundheitsministeriums, den Biontech-Impfstoff zu deckeln und verstärkt Moderna zu impfen.
  • „Endlose Diskussionen mit Impflingen“, befürchtet die Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg.
  • Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen weist darauf hin, dass bestimmte Gruppen mit Biontech geimpft werden müssen.
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Hannover. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann hat den geschäftsführenden Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) deutlich dafür kritisiert, die Belieferung mit dem Biontech-Impfstoff rationieren zu wollen.

„In welcher Welt muss man leben, um zu diesem Zeitpunkt eine solche Entscheidung zu treffen?“, sagte Plassmann am Samstag in Hamburg. „Die Booster-Impfkampagne nimmt gerade Fahrt auf, diese Entscheidung wird sie sofort wieder abwürgen.“

Plassmann: „Endlose Diskussionen mit Impflingen“

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Spahn hatte am Freitag verfügt, dass die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ab kommender Woche noch fünf Fläschchen pro Woche erhalten sollten; dies entspricht 30 Dosen. Impfzentren und mobile Impfteams erhalten 1020 Dosen. Im übrigen solle der Impfstoff von Moderna gespritzt werden. Andernfalls drohten eingelagerte Moderna-Dosen ab Mitte des ersten Quartals 2022 zu verfallen, was aber vermieden werden müsse.

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Plassmann wies darauf hin, dass die Impftermine nicht nur auf viele Wochen im Voraus vergeben worden sind, sondern dass sie auch auf einen bestimmten Impfstoff gebucht sind. „Wenn jetzt statt Biontech das Mittel von Moderna gespritzt werden soll, wird dies zu endlosen Diskussionen mit den Impflingen führen“, warnte Plassmann. Zwar gebe es keinen nennenswerten qualitativen Unterschied zwischen beiden Wirkstoffen, aber die Menschen seien auf Biontech eingestellt.

„Steuern auf einen Impfrekord zu“

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In einer Mitteilung widersprechen zudem die Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen und Stephan Hofmeister, der Darstellung des Bundesgesundheitsministeriums, dass es genügend Impfstoff für alle und für schnelle Auffrischimpfungen in den nächsten Wochen gebe. „Es ist unverantwortlich, nun so zu tun, als sei alles paletti mit den Impfstoffmengen, und es hänge ausschließlich an den Ärzten, möglichst schnell zu impfen“, heißt es dort. Dem sei mitnichten so.

„Wir steuern in der nächsten Woche auf einen Impfrekord zu. Da ist es fatal, wenn uns das BMG Knüppel zwischen die Beine wirft.“

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Moderna nicht für alle einsetzbar

Auch die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen wies die angekündigte Begrenzung der Biontech-Auslieferungen als eine „weitere Fehlorganisation“ zurück. „Das Hauptproblem ist, dass wir den Moderna-Impfstoff nach der neuesten Stiko-Empfehlung bei bestimmten Personengruppen nicht einsetzen dürfen.

Alle unter 30 Jahre - Kinder, Jugendliche und Erwachsene und zudem alle Schwangeren - müssen mit Biontech geimpft werden“, sagte Martina Wenker am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Stiko ist die Abkürzung für Ständige Impfkommission.

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Spahn: Impfen allein reicht nicht mehr
0:39 min
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht Deutschland in einer "nationalen Notlage". Impfen alleine reiche nicht, um die vierte Corona-Welle zu brechen.  © AFP

Aktuelle Analysen zeigten, dass Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen bei Jungen und jungen Männern sowie bei Mädchen und jungen Frauen nach der Impfung mit Moderna (Spikevax) häufiger beobachtet würden als nach der Biontech-Impfung.

Kritik auch von Kinder- und Jugendärzten

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Der Moderna-Impfstoff sei gut, effektiv und hervorragend geeignet für über 30-Jährige, betonte Wenker, die als Oberärztin und Lungenfachärztin in einer Klinik arbeitet. Seit der Einführung beider Präparate ist laut Stiko bekannt, dass sie „in seltenen Fällen“ Herzmuskel- und/oder Herzbeutelentzündungen bei jüngeren Menschen zur Folge haben können.

Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen schlossen sich ebenfalls der Kritik an. Die „fehlende Verlässlichkeit“ in der Impfstoffbelieferung werde zu immensen Problemen in den Impfsprechstunden der niedergelassenen Ärzte führen, warnte Tilman Kaethner, Landesverbandsvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte BVKJ. Viele Praxisinhaber hätten für Wochenenden Impfkampagnen geplant. Diese Planungen würden durch die Beschränkungen über den Haufen geworfen.

Spahn verteidigt Begrenzung von Biontech-Impfungen

Währenddessen hat der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Spahn hat die Begrenzung von Bestellmengen beim Corona-Impfstoff von Biontech verteidigt. „Ich weiß, dass diese kurzfristige Umstellung für viele engagierte Helferinnen und Helfer vor Ort in den Arztpraxen und Impfzentren viel zusätzlichen Stress bedeutet.

Und das bedauere ich ausdrücklich“, sagte der CDU-Politiker am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Die Nachfrage nach Biontech sei in den letzten zwei Wochen so stark gestiegen, dass sich das Lager sehr schnell leere. Allein in der neuen Woche würden fast sechs Millionen Dosen an die impfenden Stellen geliefert. Das sei mehr, als es bisher überhaupt an Booster-Impfungen in Deutschland gegeben habe.

Aus einer Übersicht des Gesundheitsministeriums zu Impfstofflieferungen geht zudem hervor, dass Deutschland in diesem Monat voraussichtlich fast 8,8 Millionen Dosen Biontech über die Initiative Covax an Drittstaaten spenden wird oder gespendet hat.

RND/dpa

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