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Warum der Intensiv­mediziner­chef trotz drohender Überlastung keine Impfpflicht will

Gernot Marx ist Intensivmediziner und seit Anfang 2021 gewählter Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

Berlin.Herr Marx, im Frühjahr sagten Sie, wir hätten die Pandemie im Herbst überwunden. Was genau ist nun schief gelaufen?

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Im Wesentlichen spielen zwei Faktoren eine Rolle: Die Delta-Variante und die Impfquote. Zum einen ist die Delta-Variante wesentlich ansteckender als alle vorherigen, das hat uns kalt erwischt. Zum anderen hatte ich durchaus die Hoffnung – und offen gestanden habe ich die weiterhin – dass wir bei der Impfquote über die 80 Prozent kommen. Wir wären dann in einer vollkommen anderen Lage. Das wäre der Riesenschritt zur Pandemiebewältigung.

Könnte dabei eine Impfpflicht für das Gesundheitswesen helfen?

Das ist eine politische Entscheidung. Als Divi sind wir dagegen, denn wir müssen die Menschen überzeugen, nicht verpflichten. Sonst ziehen sich die Zweifler noch weiter zurück aus der Gesellschaft. Große Kampagnen wären jetzt wünschenswert. Wären wir da, wo Portugal, Spanien oder Dänemark sind – es geht ja nur um 10 Prozent Unterschied – dann wären wir nicht in dieser Lage. Auch ohne Impfpflicht.

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Eine Umfrage hat nun aber ergeben, dass die Mehrheit der Deutschen eine Impfpflicht befürworten würde.

Emotionen sind nach 22 Monaten Pandemie nur allzu verständlich. Im Kern ist die politische Aufgabe aber eine andere: Einheitliche Regeln zu schaffen, mit denen es uns als Gesellschaft gelingt, durchzukommen. Es wird ja auch eine Zeit nach der Pandemie geben, in der wir gemeinsam in diesem Land leben. Ein Auseinanderdividieren führt nicht zum Erfolg, wir müssen weiterhin miteinander sprechen können. Das erreichen wir nicht durch Zwang.

Wie denn dann?

Die Situation ist sehr angespannt, das wird jetzt auch sichtbarer – ich hoffe, dass viele dadurch realisieren, dass die Impfung die richtige Entscheidung ist. Und dass sie ohne Impfung ein hohes Risiko eingehen. Auch jüngere Menschen, die keine Vorerkrankungen haben, können an Covid-19 sterben. Wir sehen das auf unseren Stationen.

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Was ist sonst noch zu tun, um die Lage zu verbessern?

Die Politik muss eine zweite große Impfkampagne fahren und aktiv auf die Ungeimpften zugehen. Und wir müssen nach sechs Monaten sofort boostern, vor allem die Älteren und auch die Pflegenden, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. In den Kliniken brauchen wir wieder echte Testkonzepte.

Sind wir insgesamt zu sorglos geworden?

Durchaus. Vollständig Geimpfte haben oft den mehr als nachvollziehbaren Wunsch, dass jetzt alles so sein soll wie vorher – und verhalten sich oft entsprechend. Aber auch als Geimpfter kann man das Virus unbemerkt weitertragen, das ist eine reale Gefahr. Wir alle müssen also klug und vorsichtig handeln und in Innenräumen weiterhin Masken tragen. Ich werde in diesem Jahr auf keine Karnevalssitzung gehen. Insgesamt steigen mit den Infektionen auch die schweren Verläufe. Es geht weiterhin darum, Übertragungen zu vermeiden.

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Diese Abwägung müssen die politisch Verantwortlichen vornehmen. Die Divi wird sich als Vereinigung hier nicht positionieren. Uns geht es darum, die gesundheitliche Versorgung sicherzustellen – und dafür alles zu tun, was in unserer Hand liegt.

Sie müssen mit immer weniger Pflegenden eine immer komplizierter werdende Pandemie bewältigen. Wie frustrierend ist das?

Die Teams auf den Intensivstationen, allen voran die Pflegekräfte, brauchen endlich ernsthafte Unterstützung. Wir haben gemeinsam mit dem Pflegebeauftragten der Bundesregierung einen Katalog erarbeitet und bei der Gesundheitsministerkonferenz vorgestellt. Da ging es um Bezahlung, Kompetenzerweiterung, um insgesamt bessere Bedingungen. Umgesetzt wurde davon bisher überhaupt nichts. Und jetzt haben wir 4000 Intensivbetten weniger als im vergangenen Jahr – das Material ist zwar da, aber die Menschen sind es nicht. Wir müssen jetzt akut etwas nachholen. Zum Beispiel: Nacht- und Wochenendarbeit sind ab sofort steuerfrei. Wir brauchen Verbesserungen, die jetzt und sofort spürbar sind.

Wir dürfen uns in diesem Jahr also deutlich weniger Intensivpatienten erlauben, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten?

Das ist richtig. Wenn sich diese Dynamik fortsetzt, können wir sehr bald nur noch Notfall- und Covid-Patienten behandeln. Das müssen wir dringend verhindern.

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Ist inzwischen klar, wie viele Geimpfte unter den Intensivpatienten sind?

Die genaue Zahl ermitteln wir derzeit, das hätte sicher auch schneller gehen können. Aber es wird sie geben. Klar ist schon jetzt: Geimpfte, die nicht sehr alt oder schwer vorerkrankt sind, sterben nicht an Covid-19. Der weit überwiegende Teil unserer Intensivpatienten ist ungeimpft.

Wie groß ist Ihre Empathie für ungeimpfte Intensivpatienten?

Genauso groß wie für alle anderen Patienten, das ist vollkommen klar. Der Impfstatus spielt für uns überhaupt keine Rolle, das ergibt sich schon aus unserem Berufsethos. Es ist eher andersrum: Da sind Menschen auf unseren Stationen, die sonst nichts haben, die mitten im Leben stehen. Und plötzlich liegen sie vor einem, nur, weil sie sich gegen die Impfung entschieden haben. Mir tut das wahnsinnig leid.

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