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Merkels Impfgipfel: Pharmabranche bremst die Hoffnungen

  • Der Druck ist groß, wenn die Kanzlerin heute Nachmittag mit den Ministerpräsidenten und Vertretern der Pharmabranche zusammenkommt.
  • Die Länderchefs fordern, der „Impfgipfel“ müsse Klarheit über Lieferungen und Verabreichung des Corona-Impfstoffs geben.
  • Der Verband der Arzneimittelhersteller dämpft allerdings die Erwartungen.
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Berlin. Die Erwartungen sind riesig, wenn an diesem Montagnachmittag Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie einige ihrer Minister per Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten der Länder und vor allem mit Vertretern der deutschen Pharmaindustrie zu einem „Impfgipfel“ zusammenkommen. Unter den Teilnehmern sind auch Vertreter der EU-Kommission, die für die gesamte EU Impfstoff bei verschiedenen Herstellern einkauft.

Kein Wunder: Angesichts des schleppenden Impfbeginns und Schwierigkeiten bei der Terminvergabe sowie der Engpässe bei Lieferungen und Produktion bei den Herstellern wächst die Unzufriedenheit mit dem europäischen und deutschen Immunisierungsprogramm, das kurz vor Jahreswechsel begonnen hatte.

2,2 Millionen Dosen verimpft

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Dafür zeigt inzwischen sogar Gesundheitsminister Jens Spahn Verständnis – und warb vor dem Gipfel um Vertrauen: „Es kommen jede Woche Impfstoffe, und es werden auch mehr, Zug um Zug.“ Ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie habe die EU drei zugelassene Impfstoffe: Außer den Mitteln von Biontech/Pfizer und Moderna hatte die EU am Freitag auch das von Astrazeneca zugelassen.

Bislang seien in Deutschland mehr als 3,5 Millionen Dosen ausgeliefert und 2,2 Millionen gespritzt. Bis 22. Februar würden weitere fünf Millionen Impfdosen ausgeliefert, darunter 1,747 Millionen zusätzliche Dosen von Biontech und Astrazeneca, die die Engpässe bei Moderna ausglichen.

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Spahn ist bei EU-Zulassung offen für russischen Impfstoff
1:02 min
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigt sich im Falle einer erfolgreichen EU-Zulassung, für den Einsatz von Corona-Impfstoffen aus Russland und China offen.  © dpa

Allerdings gibt es noch wenig Daten über die Wirksamkeit von Astrazenecas Impfstoff bei älteren Patienten, sodass die Ständige Impfkommission das Mittel in Deutschland nur für Menschen zwischen 18 und 64 empfiehlt. In Italien soll er sogar nur bis 55 Jahren gegeben werden. Spahn kündigte bereits eine Überarbeitung der Impfverordnung an. Sie dürfte eins der Themen beim Impfgipfel werden.

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Hauptsächlich dürfte es allerdings um eine Erhöhung der Impfstoffproduktion gehen. Die Ministerpräsidenten mehrerer Länder hatten sich über die Lieferengpässe geklagt: Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) forderte einen „verlässlichen Lieferplan für die nächsten Wochen und Monate“, auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) beklagte, trotz der angekündigten fünf Millionen weiteren Impfdosen habe man nicht einmal für vier Wochen Lieferklarheit.

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Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) mehr Tempo beim Impfen: „Wir können das öffentliche Leben nicht auf Dauer herunterfahren. Schon jetzt haben wir mit massiven wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen“, sagte sie mit Blick auf die Gespräche mit Bund, EU und Herstellern. Und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hatte via Twitter geklagt: „Gerade teilt das Bundeskanzleramt mit, dass jetzt auch die zugesagten Lieferungen der Moderna-Impfstoffe reduziert werden. Wie soll man da Impfungen planen?“

Entsprechend große Erwartungen äußerte die Opposition im Bundestag an die Impfkonferenz: „Die Impfsituation ist dramatisch schlecht. Millionen Ältere warten sehnlichst auf die Impfung“, sagte Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Norbert Walter-Borjans, Vorsitzender der SPD, kritisiert die Impfstoffhersteller. © Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/

Dem Gesundheitsminister warf der Linke vor, die Lage zu beschönigen: Bis heute seien 500.000 Dosen weniger ausgeliefert worden als vor Tagen angenommen. „Es bedarf jetzt konkreter Ergebnisse und Verabredungen“, so Bartsch. Wenn nun Sanofi und Novartis den Biontech-Impfstoff abfüllen werden, müsse Spahn Druck und Anreize erhöhen, damit andere Hersteller das ebenfalls tun.

Aber auch der Chef von Koalitionspartner SPD, Norbert Walter-Borjans, übte vor dem Gipfel scharfe Kritik an den Impfstoffherstellern. „Ich bin schockiert über den Mangel an Sensibilität und Verantwortungsbewusstsein“, sagte er dem RND. „Es geht hier nicht um Schokolade, sondern um ein Produkt, an dem Existenzen und der Zusammenhalt der Gesellschaft hängen.“

Walter-Borjans: Impfgipfel muss Klarheit über Termine schaffen

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Das Agieren der Impfstoffhersteller irritiere ihn zutiefst, verkündete der SPD-Chef: „Was sind das für Manager, die mitten in einer gesellschaftlichen Notsituation ohne mit der Wimper zu zucken gegebene Zusagen wieder zurücknehmen? Die Unternehmen haben eine Gesamtverantwortung für die Gesellschaft – besonders, wenn sie mit Millionen Euro aus Steuermitteln gefördert worden sind. Ich erwarte von den Unternehmenslenkern, dass sie dieser Verantwortung gerecht werden.“

Der Impfstoffgipfel müsse nun Klarheit darüber liefern, wer wann geimpft werde, forderte der SPD-Chef. „Wir sind in einem Wettlauf mit dem Virus und seinen Mutationen auf der einen Seite und einer ausreichenden Immunisierung durch Impfung auf der anderen. Wir müssen verhindern, dass Ärzte gezwungen sind, über Leben und Tod von Patienten entscheiden zu müssen“, sagte Walter-Borjans dem RND.

Die Pharmaunternehmen warnen dagegen vor überzogenen Erwartungen an den Gipfel. „Eine Impfstofffabrik ist kein Bücherregal aus dem Möbelhaus, das man schnell aufbauen kann“, sagte Han Steutel, Präsident des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller, dem RND. „Wäre es so, hätten wir es doch längst gemacht.“

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Aus der Branche heißt es, für die komplexe Herstellung von Impfstoffen brauche es geeignete Produktionsanlagen und qualifiziertes Personal. Selbst Firmen, die ihre Kapazitäten schnell ausweiten könnten, bräuchten dafür sechs bis neun Monate.

Tatsächlich haben die Unternehmen mit den am weitesten entwickelten Covid-19-Impfstoffen schon seit Monaten nicht nur die eigenen Produktionsmöglichkeiten ausgeweitet, sondern auch zunehmend andere Firmen einbezogen. Nach Umrüstung der Anlagen und Schulung des Personals übernehmen diese parallel zu den Originalherstellern einzelne Fertigungsschritte oder stellen den Impfstoff eigenständig her.

RND/tim/ani

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