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Protest und Verschwörungstheorien: Impfgegner und „Querdenker“ im Ausland

  • In Krisen wie der Corona-Pandemie treten immer wieder Verschwörungsideologen und Leugner auf den Plan.
  • Auch in Deutschland wird diese Minderheitengruppe regelmäßig sichtbar, etwa bei Demonstrationen gegen die Corona-Politik.
  • Wie sieht es in anderen Ländern aus? Ein weltweiter Überblick.
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Querdenker und Corona-Leugner gibt es nicht nur in Deutschland. Auch international finden sich Teile in der Bevölkerung, die die Pandemie nicht wahrhaben wollen – und sogar krude Theorien über Verschwörungen hinter den weltweit auftretenden Infektionen mit dem Coronavirus sehen wollen. Unser Korrespondentennetzwerk gibt einen Überblick:

USA: Fake News im Fernsehen

In der tief gespaltenen Gesellschaft der USA ist auch die Corona-Impfung längst zu einem Politikum geworden. Obwohl sich Ex-Präsident Donald Trump einst brüstete, die Entwicklung des Vakzins vorangetrieben zu haben, weigert er sich bis heute, zur Immunisierung aufzurufen.

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Im Umfeld der Republikaner gedeihen unzählige Verschwörungslegenden bis hin zur falschen Behauptung einer Moderatorin des rechten Senders Newsmax, das Impfserum enthalte den biologischen Leuchtstoff Luziferin. Entsprechend groß ist die Zahl der Impfgegner unter republikanischen Wählern.

Impfgegner bei einem Protest in den USA. © Quelle: Getty Images/Boston Globe

In den USA sind bundesweit inzwischen 58 Prozent der Bevölkerung voll geimpft. Doch gibt es gewaltige regionale und kulturelle Unterschiede. Während im progressiven Vermont 71 Prozent der Bevölkerung voll immunisiert sind, liegt die Quote im konservativen West Virginia bei nur 41 Prozent. Republikanische Gouverneure tuen sich auch demonstrativ im Kampf gegen die von Präsident Joe Biden erlassenen Impfpflichten hervor.

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Es fühlt sich an wie ein leichtes Déjà-vu: Wir stehen mal wieder vor einem ziemlich langen Corona-Winter. Und keiner weiß so richtig, wie es jetzt weiter geht.  © RND

Russland: Kultur des zivilen Ungehorsams

Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen: Die AHA-Regeln galten in Russland seit Ausbruch der Pandemie genauso wie in Deutschland. Doch im Alltag gingen die Russen damit stets sehr leger um: In den dicht besetzten Metro-Waggons oder Bussen des Moskauer Nahverkehrs tragen viele Passagiere immer noch entweder gar keine Maske oder ziehen sie sinnfrei zum Kinn hinunter, sodass der Atemschutz nicht mehr gegeben ist. Im öffentlichen Diskurs Russlands war Corona auch nie das Riesenthema, das in Deutschland phasenweise jede andere Fragestellung verdrängt zu haben schien.

Die Pandemie und wir Unser Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Und das, obwohl die Zahl der Corona-Toten in Russland schon immer hoch war und seit dem Ausbruch der aggressiven Delta-Variante des Virus im Juni stetig angestiegen ist. Am Samstag erreichte sie einen neuen Rekordwert von 1188 Opfern binnen Tagesfrist.

Auf diese alarmierenden Zahlen haben die Behörden zwischendurch mit Teil-Lockdowns in vielen Regionen Russlands reagiert. Aber: In Moskau zum Beispiel wurde das öffentliche Leben trotz des nach wie vor sehr bedrohlichen Infektionsgeschehens nun nach zehn Tagen schon wieder hochgefahren.

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Neue Gräber auf dem Jastrebkowskoje-Friedhof in Moskau, der als eine der Begräbnisstätten für die an dem Coronavirus Verstorbenen dient. © Quelle: Dmitry Serebryakov/AP/dpa

Das dürfte zwei Gründe haben. Erstens: Der russische Staat kann sich auf Dauer Lockdowns ökonomisch einfach nicht so leisten wie Deutschland, eine der reichsten Wirtschaftsnationen der Welt. Zweitens: Während in Deutschland große Grundsatzdiskussionen zwischen „Querdenkern“ und anderen Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen und deren Befürwortern ausgefochten werden, ist es der russischen Mentalität fremd, sich mit Grundsatzfragen dieser Art zu verkämpfen. Man hält es hier lieber mit einer Kultur des zivilen Ungehorsams.

Wenn Restaurants wegen des Infektionsschutzes keine Gäste mehr empfangen dürfen, dann tun sie es einfach trotzdem: „Wir werden schon ein Plätzchen für Sie finden, wo Sie ein möglicher Kontrollbeamter nicht behelligen wird“, heißt es dann. Ein harter Lockdown, wie es ihn in Deutschland zwischen 1. Oktober 2020 und dem 30. Juni 2021 gegeben hat, würde von der russischen Bevölkerung schlicht und einfach nicht mitgemacht werden. Gesetz hin oder her. Und dann braucht man auch keine Querdenker.

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Großbritannien: Angriffe auf Schulen

Von Glasgow und Cardiff über London und Manchester: Seit dem Beginn der Pandemie wird in Großbritannien immer wieder von Protesten von Impfgegnern berichtet. Die Demonstrationen häufen sich, seit die Regierung vor einigen Wochen ein Programm zur Impfung von Kindern und Jugendlichen gestartet hat.

Im September versuchten Hunderte Impfgegner im Osten Londons die britische Gesundheitsbehörde zu stürmen. Dabei wurden vier Beamte verletzt. Zuletzt kam es insbesondere vor Schulen zu Versammlungen. Dabei wurden Flugblätter mit verschwörerischen Inhalten verteilt.

Eine Gedenkmauer für Opfer des Coronavirus in Westminster (London). © Quelle: Kirsty Wigglesworth/AP/dpa

Die „Association of School and College Leaders“ (ASCL) berichtete Ende Oktober von Hunderten betroffenen Einrichtungen. Demonstranten hätten sich Zugang zu Schulen verschafft und Lehrern Gewalt angedroht, hieß es. Die britische Innenministerin Priti Patel sagte, dass die Demonstrationsfreiheit zwar ein grundlegender Bestandteil der Demokratie sei, es jedoch völlig inakzeptabel sei, dass Kinder, Lehrer oder Eltern vor der Schule belästigt werden. Labour-Oppositionschef Keir Starmer schlug vor, dass Schulen zusätzlichen Schutz erhalten sollen.

Frankreich: „Querdenker“ immer weniger präsent

Eine Zahl vorab: 62 Prozent der Franzosen befürworten den von der Regierung verordneten „Gesundheitspass“, der eine vollständige Impfung oder einen in den letzten drei Tagen durchgeführten negativen Corona-Test bestätigt. Ihn muss vorzeigen, wer ein Café oder Restaurant, Kino oder Konzert besucht oder eine Fernreise mit Bus, Zug oder Flugzeug unternimmt. Mehr als drei von vier Franzosen sind geimpft.

Die Kritiker an den Corona-Maßnahmen befinden sich also klar in der Minderheit. Zeitweise waren sie dennoch stark hör- und sichtbar: Seit dem Sommer versammelten sich an jedem Samstag bis zu 237.000 Menschen landesweit, um gegen den „Gesundheitspass“ zu demonstrieren und seine Rücknahme zu fordern.

Ein Demonstrant hält während einer Demonstration vor dem Eiffelturm ein Plakat mit der Aufschrift "Nein zum Gesundheitspass" hoch. © Quelle: Thibault Camus/AP/dpa

Die meisten fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt und halten das Coronavirus für ungefährlicher als die Impfung dagegen. Tatsächlich ist die Zahl der Teilnehmer bei den diversen Veranstaltungen seit August kontinuierlich gesunken, auf zuletzt 25.000. Ein harter Kern der französischen „Querdenker“ bleibt. Doch die Regierung ignoriert sie weitgehend. Auch von den anderen Parteien bekommen die französischen Impfgegner wenig Unterstützung.

Spanien: Jung und „unverletzlich“?

Hin und wieder gehen auch in Spanien Menschen gegen die Corona-Politik ihrer Regierenden auf die Straße. Zuletzt demonstrierten im August ein paar Tausend Madrider gegen die Impfung Minderjähriger. Aber ihr Diskurs wird wenig gehört. Impfgegner waren in Spanien auch vor der Corona-Pandemie eine besonders kleine Minderheit, und das hat sich grundsätzlich nicht geändert.

"Unverletzlich"? Noch im August tanzten vor allem junge Menschen bei den Feierlichkeiten im Stadtteil Gracia in Barcelona auf der Straße. © Quelle: Lorena Sopêna/EUROPA PRESS/dpa

Bisher sind knapp 80 Prozent aller Spanier und an die 90 Prozent aller Spanier ab 12 Jahren geimpft. Die meisten Impfmuffel gibt es unter den 20- bis 40-Jährigen, von denen sich viele unverletzlich fühlen. Die Gesundheitsbehörden versuchen, die Verweigerer zu überzeugen: per SMS oder mit Anrufen, aber „mit sehr beschränktem Erfolg“, gesteht Francisco Javier Falo ein, der Generaldirektor für Öffentliche Gesundheit in Aragón.

Knapp die Hälfte der Spanier befürwortet deswegen eine Impfpflicht, rund ein Viertel ist klar dagegen. Weil es aber zurzeit ganz danach aussieht, als sei das Schlimmste dieser Pandemie in Spanien vorüber, steht das Thema nicht auf der politischen Agenda.

Italien: Nur wenige Impfgegner – die Pandemie war zu schlimm

Die geimpften und genesenen Italiener amüsieren sich derzeit über die Vorgänge in Triest: Dort ist es nach einem Protest von rund 3000 Impfgegnern und Hafenarbeitern Mitte Oktober zu einem spektakulären Corona-Ausbruch mit 140 Infizierten gekommen; ein halbes Dutzend von ihnen landete im Krankenhaus. In der Folge haben die Behörden in der Hafenstadt im Nordosten des Landes alle Demonstrationen von Impfgegnern bis Ende des Jahres verboten.

In Italien hatten Impfgegner von Anfang an einen schweren Stand: Nach 130.000 Toten und einem der härtesten und längsten Lockdowns Europas hat die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung kein Verständnis für die Haltung und die Argumente dieser Minderheit.

Die Impfbereitschaft ist vergleichsweise hoch: Inzwischen haben 86 Prozent der Bevölkerung über 12 Jahre mindestens eine Dosis erhalten. „Wer dazu aufruft, sich nicht zu impfen, der ruft dazu auf, zu sterben – oder andere sterben zu lassen“: Dieser Satz von Ministerpräsident Mario Draghi sagt alles darüber aus, wie die Regierung und die Mehrheit der Bevölkerung über die Impfgegner denken.

Protestteilnehmer und Polizisten stießen im Oktober während einer Demonstration gegen den Corona-Gesundheitspass in Rom aufeinander. © Quelle: Cecilia Fabiano/LaPresse via ZUM

Die Einführung der 3G-Pflicht am Arbeitsplatz Mitte Oktober – eine sehr einschneidende Maßnahme – hat die Impfgegner in Italien indessen radikalisiert und ihnen neuen Zulauf verschafft: Inzwischen besteht die Bewegung nicht nur aus den „No Vax“, sondern auch aus den „No Green Pass“. Letztere protestieren gegen das Impfzertifikat, das auch für die Benutzung von Schnellzügen, Schiffen, Flugzeugen sowie für Restaurantbesuche, Museen, Theater und Fußballstadien obligatorisch ist. Wer in Italien einen Green Pass besitzt, darf praktisch alles, die anderen praktisch nichts, nicht einmal arbeiten.

Brasilien: Der erste „Querdenker“ ist der Präsident

Das deutliche ärmere Brasilien hat zumindest was die Quote bei Erstimpfungen angeht, das reiche Industrieland Deutschland inzwischen überholt. Mit 74,88 Prozent lag sie in dieser Woche um rund 6 Prozent höher als in Deutschland.

Es gibt auch in Brasilien eine „Querdenker“-Szene, die vor Impfungen warnt, sie ist weitgehend deckungsgleich mit dem harten Kern der Anhänger des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Der hat schon eine Covid-19-Infektion überstanden und verzichtet bislang auf eine Impfung, stattdessen verbreitet Bolsonaro immer wieder Gerüchte.

Impfkritiker demonstrieren in Rio de Janeiro. © Quelle: Tobias Käufer

Zuletzt hatte er über die (wissenschaftlich nicht belegten) negativen Auswirkungen der Corona-Impfstoffe für HIV-Infizierte gesprochen. Seine Frau Michelle, als auch seine Söhne haben sich zuletzt allerdings impfen lassen – zum Teil in den USA.

Dass sich die Menschen trotzdem impfen lassen, hängt vor allem mit den dramatischen Folgen der Pandemie zusammen. Das Land hat inzwischen über 600.000 Tote zu beklagen, fast jeder Brasilianer kennt in seinem direkten oder erweiterten Umfeld einen Todesfall. Eine Untersuchungskommission des Senats empfahl wegen der Versäumnisse Bolsonaros in der Corona-Politik eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Japan: Protest eher durch die Hintertür

Erstens: Querdenker heißen in Japan nicht so und gehen auch nicht in nennenswerter Größe auf die Straße zum Demonstrieren. Zweites liegt allerdings auch daran, dass in Japan ohnehin keine starke Kultur des öffentlichen Protests besteht. Seinen Unmut drückt man eher im privaten Kreis aus, oder aber zunehmend im Internet.

Verschwörungstheorien, wie sie in anderen Ländern kursieren, etwa rund um die sogenannte „Qanon“-Verschwörung oder den vermeintlichen Coup der Industrie, durch Impfstoffe eine neue Einnahmequelle zu erschließen, bereiten auch in Japan Kopfschmerzen.

Fußgänger überqueren eine Straße in Tokio. Dort sind kürzlich Beschränkungen für Restaurants aufgehoben worden, wie auch in den drei umliegenden Präfekturen Kanagawa, Saitama und Chiba sowie Osaka. © Quelle: Christopher Jue/XinHua/dpa

Zahlenmäßig lässt sich ihre Größe schwer ausdrücken. Lange Zeit aber war Japans Impfbereitschaft im internationalen Vergleich gering. Dies führte dazu, dass die Regierung nicht nur die Zahlen der Impfstoffhersteller prüfen, sondern auch die umfangreichen Tests zur Prüfung selbst durchführen wollte. Dies kostete Zeit, sollte aber öffentliches Vertrauen generieren.

Zudem nehmen Prominente und Personen aus der Forschung seit Monaten an PR-Kampagnen für das Impfen teil. Auch wenn Japan im Sommer noch weit hinterherhinkte: Mittlerweile hat das ostasiatische Land mit 73 Prozent einen höheren Anteil vollständig geimpfter Personen als etwa Deutschland.

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