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  • Corona-Hotspots bei Tönnies und Co.: Vorboten einer zweiten Welle?

Man kann das Coronavirus nicht im Sozialwohnblock wegsperren

  • Hotspots in Göttingen, Berlin-Neukölln und im Umfeld der Tönnies-Fleischfabrik: Nicht nur weltweit erlebt die Corona-Pandemie ein Comeback, auch in Deutschland wächst die Sorge vor der zweiten Welle.
  • Der Versuch, das Virus im Sozialwohnblock wegzusperren, ist nicht nur politisch brisant, er ist auch epidemiologisch naiv.
  • Deutschland sollte seinen guten Kurs weder aus Ermüdung noch aus Leichtsinn aufgeben, kommentiert Steven Geyer.
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Berlin. Die Laune im Lande bessert sich nach den Wochen des coronabedingten Stubenarrests gerade, weil in den Restaurants wieder bewirtet und in den Kitas wieder betreut werden darf und weil nach den Sommerferien wohl sogar die Schulen wieder regulär öffnen könnten. Doch noch vor der sanften Brandung am Badestrand rauscht die gefürchtete zweite Welle auf die Deutschen zu.

Weltweit erlebt Corona ein Comeback – vor allem da, wo man die Vorbeuge-Maßnahmen besonders optimistisch gelockert hatte: Sei es in Iran oder Israel, in Schweden oder den USA, die Zahl der Infektionen und Todesfälle steigt wieder. Schon warnt die Weltgesundheitsorganisation, gerade seien innerhalb eines Tages so viele Neuinfektionen gemeldet worden wie nie zuvor.

Das Gefährliche an dieser Phase: Die Angst um die eigene Gesundheit hat sich abgenutzt, und damit bei vielen Menschen auch der Ehrgeiz, sich an Mund- und Nasenschutz sowie Mindestabstand zu halten.

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Krisenstab: Vertrauen in Firma Tönnies bei null
1:59 min
In der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wurden 1029 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Bewohner im Kreis Gütersloh sind verärgert.  © Steven Geyer/Reuters

Göttingen, Neukölln, Tönnies und die wachsende Sorge

Vor diesem Hintergrund blickt auch Deutschland mit wachsender Sorge auf seine neuen Hotspots: Erwächst aus den Corona-Ausbrüchen in Göttingen, Berlin-Neukölln und im Umfeld der Fleischbetriebe im Kreis Gütersloh auch eine neue deutsche Welle?

Völlig losgelöst von den beherzten Lockerungen der Corona-Beschränkungen sei der Infektionsherd beim Wurstmacher Tönnies, sagt der zuständige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet. Und auch an diesem Sonntag wollte er noch keine landesweiten Maßnahmen einleiten, schließlich sei der Infektionsherd lokal klar eingrenzbar auf den Kreis Gütersloh.

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Das mag stimmen. Doch gerade deshalb stellt sich die Frage, warum die Behörden vor Ort nicht konsequentere Maßnahmen verhängen. Hatten sich Bund und Länder nicht auf striktere Schritte für Kreise mit wöchentlich mehr als 50 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner geeinigt? Diese Grenze ist in Gütersloh klar überschritten.

Wenn Kreis und Land trotzdem eine Quarantäne allein für die Tönnies-Mitarbeiter für ausreichend halten, zeigen sie großes Vertrauen in deren Abschottung – womöglich zu großes: Schon gibt es Meldungen, wonach etliche Arbeiter trotz Quarantäne abgereist seien. Wie will man mehr als 6000 Betroffene auch wirksam kontrollieren?

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Diese Frage stellt sich ebenso für die anderen deutschen Hotspots, denn auch bei den betroffenen Wohnblocks von Göttingen und Berlin trifft die Übersetzung des englischen Fachbegriffs ins Schwarze: “Brennpunkte”.

Denn wo es eng wird für die Bewohner, wird es auch eng für die Virusabwehr. Wer ohnehin schon mit schwierigen Wohn- und Lebensbedingungen gestraft ist, soll nun noch exklusive Ausgangssperren und das soziale Stigma als Virenschleuder erdulden? Das kann auf Dauer nicht gutgehen – nicht politisch, aber auch nicht epidemiologisch: Die Vorstellung, man könne das Virus im Sozialwohnblock wegsperren, dürfte sich als naiv erweisen.

Gleiches gilt für die Freude von Gesundheitsminister Jens Spahn darüber, dass die Corona-Warn-App in Deutschland schon mehr als zehn Millionen heruntergeladen worden sei – allerdings nur von Besitzern modernster Smartphones. Bleibt zu hoffen, dass der Effekt nicht ähnlich symbolisch ist wie das beliebte Tragen des Mundschutzes am Kinn.

Viele hatten nach Massendemos mit steigenden Fallzahlen gerechnet

Wobei auch solche Symbole nicht unnütz sind. Immerhin halten sie die Deutschen bestenfalls wachsam. Vielleicht ist Deutschland auch deshalb weit entfernt von einer zweiten Welle, die mit der ersten vergleichbar wäre – geschweige denn mit den damaligen Zuständen in Italien und Spanien.

Bundesweit wird die 50-Fälle-Obergrenze fast überall eingehalten. Ein Viertel der Landkreise hat in der vorigen Woche keine einzige Neuinfektion gemeldet – zur Überraschung vieler Wissenschaftler, die nach immer weiteren Lockerungen und Massenaufläufen wie den Großdemos gegen Rassismus mit steigenden Fallzahlen gerechnet hatten.

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Laschet: Lockdown in Gütersloh nicht ausgeschlossen
1:46 min
Ministerpräsident Armin Laschet kündigte an, dass die Quarantäne der infizierten Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies durch die Polizei durchgesetzt werde.  © Steven Geyer/Reuters

Das lässt hoffen – schließlich will niemand mehr das Virus bis zur “Herdenimmunität” laufen lassen, seit dieser Versuch in Schweden gescheitert ist. Für eine Eindämmung jedoch muss man wachsam bleiben: Auch in Deutschland war die Zahl der täglichen Neuinfektionen gerade so hoch wie seit einem Monat nicht mehr.

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Wachsam bleiben

Deutschland hat einen guten Kurs gefunden, der offene Debatten über die richtigen Maßnahmen ebenso umfasste wie konsequentes Eingreifen, aber auch freiwillige Einschränkungen des Einzelnen zum Wohl der Allgemeinheit. Wir sollten ihn weder aus Ermüdung noch aus Leichtsinn aufgeben.

RND


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