Corona-Hotspot gleich AfD-Hochburg? Eine Spurensuche

  • In den 20 Landkreisen mit den höchsten Corona-Inzidenzen wählen durchweg überdurchschnittlich viele Menschen AfD.
  • Experten warnen wohl zu Recht vor voreiligen Schlüssen.
  • Eine Spurensuche lohnt sich trotzdem. Der Versuch einer Erklärung.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie sich in den vergangenen Tagen und Wochen beim Blick auf die Deutschland-Karte mit den Corona-Infizierten auch schon mal gefragt, warum es vor allem im Osten der Republik so viele Regionen mit hoher Inzidenz gibt? Sicher, die Nähe zu Tschechien, einem Land, das die Krise nicht in den Griff bekommt, spielt eine Rolle. Aber: Ist möglicherweise auch die politische Gesinnung der Menschen von Bedeutung? 17 der 20 Kreise mit der höchsten Corona-Inzidenz gehörten zugleich bei der letzten bundesweiten Wahl, der Europawahl 2019, zu den Hochburgen der AfD. Während die Partei damals bundesweit auf 11 Prozent kam, erzielte sie hier mindestens das Doppelte.

Die Frage, ob sich Corona in Regionen mit besonders vielen AfD-Wählern schneller und ungehinderter ausbreiten kann als anderswo, beschäftigt Wissenschaft und Politik zugleich.

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Auffällig sind zumindest einige wahrhaft verblüffende Phänomene. So sieht man sowohl hohe Corona-Inzidenzen als auch hohe AfD-Anteile mehr ringförmig rund um ostdeutsche Städte als in den Städten selbst. Amerikanische Forscher beschreiben bereits seit Jahren einen „halo effect“ rund um Metropolen, eine Art Ringbildung des Rechtspopulismus. In diesem Milieu stellen Soziologen weltweit wachsende Unzufriedenheit fest – und eine nachlassende Akzeptanz für Regeln und Vorgaben aller Art.

Ein Team aus Soziologen des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena erforscht die AfD-Corona-Relation derzeit tiefer, in aller Ruhe und auf der Ebene von 400 Landkreisen und kreisfreien Städten in ganz Deutschland. Ein Veröffentlichungs­termin steht noch nicht fest, vorab will man keine Kommentare abgeben. Die bisher analysierten Daten seien aber „statistisch stark und signifikant“, besonders in Sachsen. In einer längeren Darlegung auf Twitter schrieb der Gründungs­direktor des Instituts schon im Dezember: „Wir waren von der Stärke des Effekts überrascht, mit so einem deutlichen Ergebnis hatten wir nicht gerechnet.“

Chefautor Matthias Koch hat sich selbst auf Spurensuche in einigen der östlichen Hotspots begeben, hat bei Politikern und Anwohnern nachgefragt und dabei festgestellt: So wirklich von der Hand zu weisen sind die Zusammenhänge aus politischer Motivation, gleichzeitiger Ablehnung der Corona-Maßnahmen und einer damit verbundenen überdurchschnittlichen Corona-Inzidenz nicht – wenngleich in der Pandemie selbstverständlich auch andere Ursachen zu hohen Infektionszahlen führen.

In einigen Landkreisen und Städten ist es hingegen schon geschafft: Sie haben das politische Ziel von weniger als 50 Coronavirus-Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen auf 100.000 Einwohner erreicht. Dabei fallen auch drei Städte als gelbe Inseln inmitten roter Gebiete auf der Inzidenzlandkarte des RKI ins Auge. Was könnte Münster, Tübingen und Rostock zum Erfolg verholfen haben? Die Gründe sind unterschiedlicher Natur. In Münster gibt es viele Singlehaushalte. Tübingen hat ein eigenes Testmodell. Rostock kontrolliert die Corona-Schutzkonzepte der Pflegeheime. Gesundheits-Expertin Saskia Bücker schaut in ihrem Bericht genauer hin und unterzieht die Konzepte einer eingehenden Überprüfung.

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Interessant übrigens: Die Stadt Münster war 2017 bei der Bundestagswahl der einzige von 299 deutschen Wahlkreisen, in dem die AfD unter 5 Prozent lag. Jetzt ist Münster die erste westdeutsche Großstadt mit einer Inzidenz von unter 50.

Derweil ist Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow bei seinem Versuch, die neue Social-App Clubhouse zu erkunden, schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. Eigentlich als Medienprofi bekannt, wirkte der 64-Jährige in zwei nächtlichen Diskussionsrunden am Wochenende doch wie ein Anfänger im Umgang mit den Medien – und verhielt sich wenig souverän. Ramelow testete die neue App und plauderte munter darüber, was er während der Minister­präsidenten­konferenz so machte – was für viel Wirbel etwa auch bei Twitter sorgte. Der thüringische Ministerpräsident sagte nun dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Das Neue macht mich neugierig. Ich habe es ausprobiert.“

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Zitat des Tages

Er trinkt ja keinen Alkohol. Deswegen werde ich ihm einen Almdudler spendieren, aber er kann mir gern ein Bier ausgeben.

Der Augsburger Stürmer Florian Niederlechner über seinen Torwart Rafal Gikiewicz, der beim 2:1 gegen Union einen Elfmeter hielt

Leseempfehlungen

  • Kita- und Schulschließungen bedeuten für die Generation Corona eine verheerende Einbuße an Lebenschancen. Außerdem ist es verantwortungslos, wie wir mit alten Menschen in der Pandemie umgehen. Wir brauchen einen neuen Generationen­vertrag, meint der Zukunftsforscher Daniel Dettling in einem Gastbeitrag für das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).
  • Der neue amerikanische Präsident steht vor seiner ersten politischen Nagelprobe. Eine republikanische Unterstützung für sein billionenschweres Corona-Hilfspaket im Senat erscheint fraglich. Auch der Impeachment-Prozess gegen Donald Trump könnte die Gesetzgebung behindern, schreibt US-Korrespondent Karl Doemens.

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Die Frage nach den Todesumständen von Uwe Barschel ist auch nach 34 Jahren nicht geklärt. Nun macht der Bundes­nachrichten­dienst drei Dokumente aus den Akten zugänglich. Die Kollegen der „Kieler Nachrichten“ haben recherchiert, was in den Unterlagen steht, und sind auch auf Inhalte gestoßen, von deren Existenz sich der damals zuständige Oberstaatsanwalt überrascht fühlte.

Die Termine des Tages

Die Außenminister der EU-Staaten beraten an diesem Montag in Brüssel über mögliche Reaktionen auf Russlands Vorgehen gegen Alexej Nawalny und dessen Anhänger. Bereits in der vergangenen Woche hatten Vertreter von Mitgliedsstaaten neue EU-Sanktionen wegen der Inhaftierung des Oppositionsführers als realistische Option bezeichnet. Das Vorgehen der russischen Behörden gegen Demonstrationen für die Freilassung Nawalnys am Wochenende dürfte den politischen Druck nun noch einmal erhöhen.

In Österreich gilt ab Montag die Pflicht, die besonders wirksamen FFP2-Masken unter anderem beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln zu tragen. Supermärkte händigen die Masken oft gratis aus oder verlangen einen geringen Betrag. Die Händler versichern, dass genügend Masken für alle Kunden vorrätig seien. Auch Patienten müssen beim Arztbesuch die FFP2-Masken nun verpflichtend tragen.

Deutschlands Handballer streben nach dem verpassten Viertelfinaleinzug bei der Weltmeisterschaft in Ägypten einen versöhnlichen Abschluss an. Mit einem Sieg im bedeutungslosen Hauptrundenspiel gegen Polen am Montag (20.30 Uhr, ARD) in Kairo will sich das Team von Bundestrainer Alfred Gislason vor allem Selbstvertrauen für die anstehende Olympiaqualifikation holen.

Wer heute wichtig wird

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Im zweiten Verfahren gegen Ex-Präsident Donald Trump steht der nächste Schritt an. Am Montag leitet das US-Repräsentantenhaus die Anklage zur Amtsenthebung an die zweite Parlamentskammer, den Senat, weiter. Die Anklageschrift mit dem Vorwurf „Anstiftung zum Aufruhr“ soll am Montagabend Ortszeit im Senat verlesen werden. Die Demokraten wollen Trump wegen des Angriffs seiner Anhänger auf das US-Kapitol am 6. Januar zur Verantwortung ziehen. Seine Amtszeit ist zwar bereits abgelaufen – aber das Verfahren könnte eine lebenslange Ämtersperre auf Bundesebene für ihn bringen. Unter Republikanern ist umstritten, ob ein Amtsenthebungs­verfahren gegen einen ehemaligen Präsidenten verfassungskonform ist. © Quelle: Evan Vucci/AP/dpa

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