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Neuer Corona-Hotspot Greiz: Warum der Kreis die Obergrenze reißt

  • Im thüringischen Landkreis Greiz gibt es 84,6 neue Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner - so viele wie nirgends sonst in Deutschland.
  • Der Kreis liegt damit deutlich über jener Obergrenze von akut Corona-Infizierten, ab der wieder strengere Maßnahmen ergriffen werden sollen.
  • Daher müssen die Einwohner jetzt mit längeren Einschränkungen rechnen als andere.
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Greiz/Berlin. Die Frau in der Pressestelle des Landratsamtes von Greiz stand am Mittwoch hörbar unter Druck. Nein, man könne jetzt telefonisch keine Fragen beantworten, sagte sie, sondern man bitte um eine E-Mail mit Fragen, auf die man dann eine Antwort geben werde. Schließlich sei an diesem Tag nicht nur ein Journalist in der Leitung, sondern ganz viele.

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In Deutschland sollen die wegen der Corona-Krise verhängten Beschränkungen des öffentlichen Lebens weitgehend gelockert werdenn.  © Reuters

Das ist kein Wunder. Der Landkreis Greiz mit seiner städtebaulich wie landschaftlich sehr reizvollen 20.000-Einwohner-Hauptstadt im thüringischen Vogtland ist laut einer aktuellen Übersicht des Robert-Koch-Instituts bundesweit der Kreis mit den relativ betrachtet meisten neuen Coronainfektionen. In den vergangenen sieben Tagen waren es demnach 80,5 pro 100.000 Einwohner. Damit stellt Greiz bisher bekannte Hotspots wie den Landkreis Tirschenreuth in Bayern oder den Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen in den Schatten.

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Greiz ist interessant, weil der Schauplatz die Frage nach dem Warum aufwirft. Ursache für die vielen Infektionen sind laut Landratsamt drei größere Familienfeiern mit jeweils mehreren Dutzend Menschen, die Ende Februar/Anfang März stattfanden. Daran, so heißt es in der „Ostthüringer Zeitung“, hätten offenbar auch wohlhabendere Mitbürger teilgenommen, die vorher vermutlich Urlaub in Österreich oder Italien gemacht hätten. Von diesen Feiern habe sich das Virus zunächst unbemerkt verbreitet, mit Schwerpunkt in sieben Alten- und Pflegeheimen.

Parallelen zu Bergamo und Madrid

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In Greiz hätte sich damit wiederholt, was sich auch in Bergamo (Italien), in der spanischen Hauptstadt Madrid oder im Kreis Heinsberg beobachten ließ – Großereignisse, die als „Superspreader“ im Verdacht stehen, wenn auch auf weit niedrigerem Niveau. In Bergamo war es wohl das Champions-League-Fußballspiel Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia am 19. Februar, in Madrid die von vornherein umstrittene Demonstration zum Internationalen Frauentag am 8. März, im Kreis Heinsberg der Karneval.

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In Deutschland könnte es eine Dunkelziffer von womöglich rund 1,8 Millionen Infizierten mit dem neuartigen Coronavirus geben  © Reuters
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Greiz ist ferner deshalb interessant, weil Bund und Länder die Bekämpfung der Corona-Pandemie auf die regionale Ebene verlagern wollen. So heißt es im Beschluss vom Mittwoch, die 16 Länder sollten „sicherstellen, dass in Landkreisen oder kreisfreien Städten mit kumulativ mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb der letzten 7 Tage sofort ein konsequentes Beschränkungskonzept unter Einbeziehung der zuständigen Landesbehörden umgesetzt wird“. Greiz liegt mit 80,5 Neuinfektionen deutlich über der Grenze.

Vom Ort des Geschehens verlautet nun, mittlerweile seien zwar Massentests durchgeführt worden – vorwiegend in den besagten Heimen. Es gibt einen Krisenstab und drei Abstrichstellen. Das Gesundheitsamt wurde durch Umbesetzungen in der Kreisverwaltung aufgestockt. Ein Antrag auf Unterstützung durch die Bundeswehr läuft.

Ansonsten gelten am thüringischen Hotspot jedoch keine anderen Regeln als sonst. Auch gebe es „keine Hysterie“, sagen sie dort – zumal die 32 Toten fast durchweg über 80 und vorerkrankt gewesen seien. Umgekehrt kann es indes passieren, dass Beschränkungen, die anderswo bereits aufgehoben werden, hier demnächst fort gelten.

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Der Präsident des Landkreistages, Reinhard Sager, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), es müsse „möglich sein, auf unterschiedliche Situationen in den Landkreisen unterschiedlich zu reagieren. Die Landkreise benötigen in dieser Hinsicht eine gewisse Beinfreiheit und müssen nach wie vor eigenverantwortliche Entscheidungen treffen können. Nur so ist es bislang gelungen, die örtlich begrenzten Infektionsherde zu beherrschen.“

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Landkreise selbstbewusst

Es sei zwar „sinnvoll, wenn sich Bund und Länder auf einen Mechanismus zum Umgang mit weiteren Neuinfektionen verständigen und insofern eine Relevanzschwelle verabreden, ab der bestimmte Beschränkungen notwendig sein sollten. Diese Schwelle muss aber nach wie vor regional angepasste Maßnahmen durch die Gesundheitsämter der Landkreise ermöglichen.“

Sager verweist auf Tirschenreuth, wo rasch ein ganzes Dorf unter Quarantäne gestellt worden sei, oder Heinsberg mit der gezielten und raschen Schließung von öffentlichen Einrichtungen. Beide Kreise hätten sich „sehr handlungsfähig“ gezeigt – noch vor den Absprachen von Bund und Ländern. Man sehe nicht, dass die Landkreise überfordert seien, so der Landkreistag. Die Gesundheitsämter unterstünden ihnen ja ohnehin.

Die Pressestelle im Landkreis Greiz hat sich übrigens inzwischen sortiert. Sie schickte um 17.47 Uhr eine E-Mail zurück.

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