Corona trifft Geringverdiener besonders hart

  • Die Pandemie ist kein Gleichmacher, sondern sie verschärft ohnehin bestehende Unterschiede.
  • Die Corona-Krise trifft Geringverdiener besonders hart, wie der Datenreport 2021 von Sozialforschern und dem Statistischen Bundesamt zeigt.
  • Armutsrisiken haben sich verfestigt – und noch in einem weiteren Bereich drohen negative Auswirkungen.
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Berlin. Einmal arm, immer arm: Die Armutsrisiken in Deutschland haben sich über einen langen Zeitraum verfestigt. Akut sehen sich Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Qualifikation in der Corona-Pandemie in besonders großen Schwierigkeiten. Das sind zentrale Ergebnisse des Datenreports 2021, eines großen Sozialberichts, an dem unter anderem das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), das Statistische Bundesamt und die Bundeszentrale für politische Bildung mitgewirkt haben.

Nur knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland sieht das eigene Einkommen als gerecht an. Eine deutlich gewachsene Anzahl von Menschen ist dafür, dass der Staat etwas für den Abbau von Einkommensunterschieden tun soll. Das befürworten in Westdeutschland mittlerweile fast drei Viertel der Menschen – im Jahr 2002 waren es noch weniger als 50 Prozent. In Ostdeutschland plädieren rund 80 Prozent dafür, dass der Staat entsprechend tätig wird.

Die statistische Messlatte dafür, ob eine Person als von Armut gefährdet gilt, ist, ob jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Im Jahr 2018, auf das sich viele Daten in dem Report beziehen, waren dies 1040 Euro bei einem Singlehaushalt. In dem genannten Jahr lebte in Deutschland fast jeder Sechste (15,8 Prozent) unter der genannten Schwelle, Ende der 90er-Jahre waren es noch knapp 11 Prozent. Auffällig ist: Von denen, die unter die Armutsgefährdungsschwelle fallen, befanden sich 88 Prozent mindestens einmal bereits in den vier Jahren zuvor unter dieser Grenze.

Unter den finanziellen Auswirkungen der Pandemie leiden laut den Ergebnissen des Datenberichts insbesondere die Bezieher von Niedrigeinkommen. Hier berichtete fast jeder Fünfte von finanziellen Schwierigkeiten, wie Philip Wotschak vom WZB sagte. Besonders häufig hätten Alleinerziehende davon berichtet, dass sie bei Rechnungen in Zahlungsschwierigkeiten geraten seien oder den Lebensstandard der Familie drastisch hätten einschränken müssen.

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Paradoxe Datenlage

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Diese Daten beziehen sich auf die Auswirkungen des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020. Insgesamt hatten Menschen mit höherem Einkommen zwar häufiger Einkommenseinbußen – bei ihnen waren diese durch relativ hohes Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld aber offenbar so abgefedert, dass nicht so viele Menschen in Schwierigkeiten geraten sind. Die Menschen mit höheren Einkommen konnten in der Pandemie zudem häufiger und unkomplizierter ins Homeoffice wechseln.

Große Sorge haben Forscher und Statistiker, dass sich die in Deutschland ohnehin stark ausgeprägte Bildungsungleichheit durch die Corona-Krise weiter verschärft. Zwei von drei Kindern an Gymnasien haben Eltern, die selbst Abitur haben. Hingegen hätten nur 8 Prozent der Kinder an Gymnasien Eltern, die nur einen Hauptschulabschluss oder keinen Schulabschluss besitzen, führte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel, aus. Beim Digitalunterricht in der Pandemie seien die Kinder stark darauf zurückgeworfen gewesen, wie gut ihre Familien mit Computern ausgestattet waren. In Familien mit niedrigem Einkommen habe es oft nicht für jedes Kind ein geeignetes Endgerät gegeben.

„Generell lässt sich sagen, dass die Corona-Pandemie bestehende Ungleichheiten abbildet oder tendenziell verstärkt“, sagte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Ökonomisch treffe die Corona-Krise die unteren Einkommensschichten, aber auch Menschen aus Zuwandererfamilien deutlich stärker als andere. „Die Pandemie wirkt also nicht als großer Gleichmacher, wie anfangs angenommen wurde, sondern vielmehr als starkes Vergrößerungsglas.“

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