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Fotoprojekt Mensch hinter Maske: “Aus Angst trage ich das verfluchte Ding”

  • Zur neuen Realität in Zeiten der Corona-Pandemie zählt die Pflicht zum Tragen des Mund-Nasen-Schutzes beim Einkauf sowie in Bussen und Bahnen.
  • Der Mannheimer Fotograf Luigi Toscano hat daraus ein Projekt gemacht.
  • Er porträtiert Menschen seiner Heimatstadt mit ihren Masken und fragt, wie es ihnen damit geht.
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Der Fotograf Luigi Toscano hat in Mannheim und Ludwigshafen Menschen mit ihrem Mundschutz fotografiert und sie zu ihren Gedanken befragt. Er selbst sagt: "Manchmal fühle ich mich darunter gruselig. Und beim Fotografieren denke ich manchmal: Was für schöne Augen!"  @ Quelle: Luigi Toscano
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Berlin. Eigentlich wollte Luigi Toscano im April Ausstellungen in Tel Aviv und in Süddeutschland eröffnen. Doch wie allen machte das Coronavirus auch dem Mannheimer Fotografen einen Strich durch die Rechnung. Im doppelten Sinne.

Denn der Künstler, bekannt geworden durch seine riesigen Porträts von Holocaust-Überlebenden auf öffentlichen Plätzen in Berlin, Washington, New York, Wien oder Genf, ist nicht nur wegen der gebotenen Abstandsregeln gehandicapt. Sein internationales Holocaust-Projekt “Lest We Forget" stockt auch, weil die Überlebenden weltweit nun durch ein Virus zur Risikogruppe gehören.

Er kann sie nicht mehr fotografieren.

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Toscano, gerade 48 Jahre alt geworden, ist ein Typ, der gern auf Tuchfühlung geht. Der menschliche Abstand sei für ihn wie ein Albtraum, sagt er. Dann machte er aus der Not eine Tugend.

Der Mannheimer Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano (geb. 1972) ist bekannt geworden durch sein Projekt “Gegen das Vergessen”, in dem er Holocaust-Überlebende porträtiert und die Fotos auf öffentlichen Plätzen aufstellt. © Quelle: Luigi Toscano

Als Fotograf, der normalerweise mit seiner Linse vor allem in Gesichtern forscht, stört ihn natürlich der Mundschutz. Auch an sich selbst. “Ich habe mich gefragt: Geht es den Leuten wie mir?” Toscano beobachtete, wie sich die gesamte Körpersprache durch die nun unsichtbare Mimik verändert, wie gepresst die Stimmen klingen. “Wir verlieren unsere übliche Kommunikation.”

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Er begann sich deshalb dafür zu interessieren, was die Maske mit den Gesichtern macht – vor allem aber mit den Menschen dahinter. Dann ging er auf die Straße und sprach die Leute in seiner Heimatstadt an.

Luigi Toscano fotografiert für seine Projekt “Lest We Forget” den Holocaust-Überlebenden Walter Frankenstein. © Quelle: schulz
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“Viele sprudelten geradezu”, erzählt Toscano. “Einige schienen richtig froh zu sein, dass sie jemand fragt, wie es so geht.” Wie in seinem Projekt mit den Holocaust-Überlebenden setzte er Männer, Frauen und Kinder mit dem Gesicht dicht vor einen Lichtkreis und fotografierte hindurch. Dann konnte jeder einen Kommentar abgeben.

Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. Die Lehrerin Ursula zum Beispiel sagt zu ihrer Maske: “Ich fühle mich sicherer, und es ist eine Geste der Solidarität.” Die Hotelfachfrau Enza ist hingegen wütend: “Ich lehne es ab, diese Maske zu tragen, aber ich muss. Zwei Menschen aus meiner Familie in Italien sind an Covid-19 gestorben. Aus Angst trage ich das verfluchte Ding.”

Die Hotelfachfrau Enza sagt, sie trage die Maske aus Angst – auch wenn sie diese ablehne. © Quelle: Luigi Toscano

Der Schüler Noah findet “es einfach nur krass, was gerade passiert”, während sich der Anlagenbauer Charlie fragt: “Was kommt als nächstes?”

Selbst mit vielen gegensätzlichen Reaktionen könne er sich identifizieren, sagt Toscano. Die Arbeit an diesem “Maskenprojekt” sei deshalb auch ein bisschen Selbsttherapie, glaubt er. “Es ist ein Ausgleich für meine eigenen Emotionen. Vielleicht geht es Betrachtern ähnlich.”

Meltem Avci-Werning kann sich das sehr gut vorstellen. Die Psychologin aus Hannover, die als Präsidentin ihrem Berufsverband vorsteht, sagt, die vielen widersprüchlichen Emotionen der Menschen seien eine “normale Reaktion auf eine unnormale Situation”.

Die Expertin bestätigt, dass sich Kommunikation derzeit ändere. Sie empfiehlt: “Wir sollten ruhig nachfragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben. Man kann aber auch sagen: ‘Ich sehe jetzt gar nicht, ob du böse schaust oder schmunzelst.’ Das kann angespannte Situationen lösen.”

Toscano hat übrigens signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern wahrgenommen, mit der Situation zurechtzukommen. “Frauen gehen pragmatisch mit dieser Zeit um. Sie sind zielgerichtet, machen irgendwie das Beste draus.” Und die Männer? Toscano grinst: “Männer klagen über fehlende Luft.”

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