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Fakten zur Rezession: Wen trifft es am härtesten? Wann wird es besser?

  • Corona und die Folgen: Die Wirtschaft verzeichnet einen Rekord­einbruch, der Konsum lahmt, die Staats­schulden explodieren.
  • Was heißt das für die Angestellten im öffentlichen Dienst? Welche Branchen trifft es am härtesten? Was könnte die Regierung noch tun?
  • Wir haben Antworten auf die wichtigsten Fragen zur aktuellen Rezession – und ihrem Ende.
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Berlin/Hannover. Die Corona-Krise hinterlässt Spuren: Die Wirtschaft verzeichnet einen Rekord­einbruch; dem Staat entgehen dadurch Steuer­einnahmen, während er sich zugleich für seine Hilfs­pakete verschulden muss – und ausgerechnet jetzt soll er als Arbeit­geber den Angestellten im öffentlichen Dienst die Löhne erhöhen. Wenn es nach den Gewerkschaften geht, um 4,8 Prozent.

Wie schlimm ist der Wirtschafts­einbruch im ersten Corona-Halbjahr wirklich?

In ersten Meldungen hieß es am Dienstag­morgen, das Brutto­inlands­produkt (BIP) sei im ersten Halbjahr 2020 weniger eingebrochen als befürchtet. Das lag aber nur daran, dass das Statistische Bundesamt aufgrund von Schätzungen mit einem Minus von 10,1 Prozent rechnete – und nun für das zweite Quartal “nur” einen Rückgang von 9,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal meldete. Doch auch das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der viertel­jährlichen BIP-Berechnungen 1970. Fakt ist: Deutschland steckt in einer tiefen Rezession.

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Welche Branchen traf es am härtesten?

Im März und April hatten große Teile der Wirtschaft stillgestanden. So ging es auch anderen großen Staaten, was den Außen­handel massiv belastete. Export und Import brachen von April bis Juni stark ein, ebenso der private Konsum und die Firmen­investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen.

Was heißt das für den Staat?

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Erstmals seit 2011 weisen Bund, Länder, Gemeinden und Sozial­versicherungen wieder ein Defizit aus: Sie hatten 51,6 Milliarden Euro mehr ausgegeben als eingenommen. Die Bundes­regierung hatte im März ein milliarden­schweres Corona-Hilfs­paket geschnürt. Vor allem wegen der Sofort­hilfen und der Übernahme der Sozial­versicherungs­beiträge für Kurz­arbeit stiegen die Ausgaben. Das Problem: Durch die Krise sanken zugleich die Steuer­einnahmen, die rund die Hälfte der gesamten Staats­einnahmen ausmachen, um 8,1 Prozent. Alle staatlichen Ebenen nahmen weniger ein, das größte Minus verzeichnete der Bund mit 27,1 Milliarden Euro.

Was heißt das für die Angestellten von Bund, Ländern und Kommunen?

Gute Frage. Die Tarif­verhandlungen zwischen Arbeit­gebern im öffentlichen Dienst und den Gewerkschaften beginnen in der nächsten Woche – und dürften hart werden. Die Gewerkschaft Verdi und der Beamten­bund wollen für die 2,5 Millionen Beschäftigte von Bund und Kommunen 4,8 Prozent mehr Lohn. Die kommunalen Arbeit­geber hatten bereits verkündet, wegen der Krise müsse es eher Einschnitte geben.

Wie geht es mit den Staats­schulden weiter?

Die Schulden dürften zunächst ansteigen, denn zur Ankurbelung der Konjunktur hat die Bundes­regierung zusätzlich zu den Hilfs­programmen ein 130 Milliarden Euro schweres Paket für die Jahre 2020 und 2021 aufgelegt. Auch die enthaltene Senkung der Mehrwert­steuer gilt erst seit 1. Juli – schlägt also erst in der zweiten Jahres­hälfte auf den Staats­haushalt durch, es wird mit einem Loch von 20 Milliarden Euro gerechnet. Danach könnte es besser werden: Immerhin soll das Rettungs­paket ja den Konsum als wichtige Stütze der Konjunktur anschieben. Volks­wirte gehen davon aus, dass die Konjunktur im zweiten Halbjahr wieder Fahrt aufnimmt.

Wann erholt sich die Wirtschaft?

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Die Unternehmen sind schon weniger pessimistisch als noch vor wenigen Wochen: Der Ifo-Geschäfts­klima­index stieg im August den vierten Monat in Folge. Im April war er auf ein historisches Tief von 74,2 Punkten gestürzt. Nun bewerten die befragten Manager die aktuelle Lage positiver – und auch die Auftrags­lage der kommenden Monate. “Die deutsche Wirtschaft ist auf Erholungs­kurs”, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest. Analysten wie Commerz­bank-Chef­volks­wirt Jörg Krämer rechnen jedoch mit dem Erreichen des Vorkrisen­niveaus nicht vor 2022. Im Moment ist die Dienst­leistungs­branche am optimistischsten, während die schlechtesten Prognosen im Groß­handel gemacht werden.

Wie kann der Staat der Wirtschaft noch helfen?

Nach Einschätzung von Experten wie KfW-Chef­volks­wirtin Fritzi Köhler-Geib war das öffentliche Geld in den “raschen und umfang­reichen Stabilisierungs­maßnahmen” gut angelegt. Eine Erholung der Wirtschaft ist leichter, wenn zuvor große Pleite­wellen und Massen­arbeits­losigkeit vermieden werden. In diesem Sinne will die Bundes­regierung das Kurz­arbeiter­geld erneut verlängern – vor den Verhandlungen innerhalb der Koalition war von bis zu zusätzlichen 24 Monaten die Rede. Auch die Über­brückungs­hilfen für den Mittel­stand könnten länger laufen.

Wie bewerten Experten und Verbände die Corona-Politik der Bundes­regierung?

Kritik an der Bundes­regierung kommt etwa vom Vorsitzenden des Sach­verständigen­rats, dem Freiburger Ökonomen Lars Feld, der die Bundes­regierung als Chef der Wirtschafts­weisen berät. Die geplante Verlängerung des Kurz­arbeiter­geldes berge etwa die Gefahr, “dass der Struktur­wandel in Teilen der Wirtschaft verschleppt wird”, sagte Feld dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Wer schon vor der Krise kein trag­fähiges Geschäfts­modell mehr hatte, würde so künstlich am Leben erhalten. Feld rät eher zu fiskalischer Unterstützung, etwa bei den steuerlichen Verlust­rückträgen in der Gewinn­besteuerung: Firmen, die in der Vergangenheit Gewinne eingefahren hätten, könnten die Verluste 2020 damit so verrechnen, dass sie eine Steuer­rück­erstattung bekämen. So müsse kein tragfähiges Geschäfts­modell wegen Corona vom Markt verschwinden.

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Einen anderen Punkt hatte zuvor der Bundes­verband der Deutschen Industrie (BDI) kritisiert: Die Pandemie­bekämpfung von Bund und Ländern sei nachlässig. Für die wirtschaftliche Gesundung brauche es mehr sowie besser abgestimmte und geplante Corona-Tests, um neue Hot­spots zu verhindern.

mit dpa

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