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Blaupause für Corona? Wie Experten im Jahr 2012 einen Epidemiefall durchspielten

  • In einer Risikoanalyse für die Bundesregierung haben sich Gesundheits- und Katastrophenhilfeexperten schon 2012 mit der Möglichkeit einer Epidemie beschäftigt.
  • Über den Zeitraum von drei Jahren rechneten sie mit 7,5 Millionen Toten in Deutschland – sofern Schutzmaßnahmen eingehalten würden.
  • Die Experten sahen es nur als “bedingt wahrscheinlich” an, dass eine solche Krise auch tatsächlich eintritt.
Felix Huesmann
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Berlin. Das Dokument hebt die Dringlichkeit auf eine mittlere Stufe. “Eintrittswahrscheinlichkeit: Klasse C” steht am Beginn der Risikoanalyse, in dem das Robert-Koch-Institut (RKI) zusammen mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) schon 2012 die Folgen einer Pandemie durchgespielt hatte.

In dem fünfstufigen Wahrscheinlichkeitsmodell der Experten bedeutet Klasse C: “Bedingt wahrscheinlich. Ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1000 Jahren eintritt.”

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Nun hat die Corona-Epidemie nicht 1000 Jahre auf sich warten lassen, sondern deutlich kürzer. Und die Parallelen zum Szenario der Experten sind deutlich.

Virus wird in Analyse durch Reisende aus Asien nach Europa gebracht

Die Wissenschaftler gehen in ihrer Prognose sogar von einem unbekannten Coronavirus aus, das über Atemwege oder Schmierinfektion, also etwa über die Hände, übertragen werden kann. Als Inkubationszeit von Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit wurden drei bis fünf, in Einzelfällen bis zu 14 Tagen angenommen.

Die Analyse ging davon aus, dass es zunächst keine Medikamente gegen das neue Virus gibt und dass es drei Jahre dauert, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Das Virus wird in dem Szenario durch Reisende aus Asien, wo sich Menschen bei Wildtieren angesteckt haben, nach Europa gebracht.

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Ein näherer Blick auf das Coronavirus
0:56 min
Die Corona-Krise hält Deutschland, Europa und die Welt in Atem und legt das öffentliche Leben weitgehend lahm. Hier ein näherer Blick auf den Übeltäter.  © Daniela Vates, Felix Huesmann/Reuters

Die Analyse geht für Deutschland von drei Erkrankungswellen innerhalb von drei Jahren aus – sofern Gegenmaßnahmen wie Quarantäne, Absagen von Großveranstaltungen und Schulschließungen getroffen werden. Und sie kommt auch dann zu einer bitteren Bilanz mit insgesamt “mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion” und einer deutlichen Überforderung des Gesundheitssystems.

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Die Analyse geht für das fiktive Coronavirus jedoch von einer deutlich höheren Sterberate aus, als für das neuartige Coronavirus Sars-Cov-2 bislang angenommen wird. So liegt den Berechnungen der Risikoanalyse von 2012 eine angenommene Sterberate von zehn Prozent - und sogar von 50 Prozent der über 65-Jährigen zugrunde. Für das neuartige Coronavirus fehlen bislang noch gesicherte Erkenntnisse über die Sterberate. Schätzungen liegen jedoch deutlich unter zehn Prozent. In dieser Hinsicht sind die Einschätzungen von 2012 deshalb nicht einfach auf die heutige Pandemie übertragbar.

Für die Gegenmaßnahmen setzen RKI und BBK in der Analyse über ein Jahr an: “Generell werden Maßnahmen zwischen Tag 48 und Tag 408 als effektiv beschrieben.”

Analyse: Ohne Schutzmaßnahmen Zahl der Erkrankten um ein Vielfaches höher

Die erste Welle zieht sich über das gesamte erste Jahr hin. In dieser Phase würden sich in dem Szenario 29 Millionen Menschen in Deutschland mit dem neuen Virus infizieren, in der zweiten Welle bis zum Tag 692 weitere 23 Millionen und in der dritten Welle noch mal 26 Millionen – natürlich nicht jeweils alle gleichzeitig.

Ohne Schutzmaßnahmen sei die Zahl der Erkrankten um ein Vielfaches höher.

Das Gesundheitssystem sieht die Analyse dadurch unter einem enormen Druck. So seien am 300. Tag nach Start der Epidemie 1,1 Millionen Patienten zu erwarten, die in einer Intensivstation behandelt werden müssten, am 412. Tag 600.000 und am 880. Tag immer noch 400.000. Weitere zwischen zwei und vier Millionen Menschen seien in dieser Zeit eigentlich krankenhauspflichtig.

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“Die enorme Anzahl Infizierter, deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie hospitalisiert sein sollten, bzw. im Krankenhaus intensivmedizinische Betreuung benötigen würden, übersteigt die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches”, heißt es in dem Papier. Das führe dazu, dass entschieden werden müsse, “wer noch in eine Klinik aufgenommen werden und dort behandelt werden kann und bei wem dies nicht mehr möglich ist”. Die Experten schreiben weiter: “Als Konsequenz werden viele der Personen, die nicht behandelt werden, versterben.”

Den Grund für die Wellenbewegung beschreiben die Experten in ihrer Prognose so: Die Neuerkrankungsrate sinke zunächst, weil die Bevölkerung Schutzmaßnahmen ergreife. Das Absinken der Infektionen wirke wie eine Entwarnung – der Selbstschutz lasse nach. Darauf nähmen die Neuerkrankungen wieder zu.

Die aktuelle, ganz reale Coronavirus-Pandemie muss sich jedoch nicht zwangsläufig derart drastisch entwickeln. Eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts teilte dem Faktencheck-Team des Recherchebüros “Correctiv” mit, bei dem damaligen Szenario handele "es sich NICHT um eine Vorhersage der Entwicklung und der Auswirkungen eines pandemischen Geschehens, sondern um ein Maximalszenario ausgelöst durch einen fiktiven Erreger, um das theoretisch denkbare Schadensausmaß einer Mensch-zu-Mensch übertragbaren Erkrankung mit einem hochvirulenten Erreger zu illustrieren und die hiervon betroffenen Bereiche zu sensibilisieren“.

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Hat die Politik diese Analyse ignoriert?

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BBK-Präsident Christoph Unger hat dies im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) so beantwortet: “Jedes neu auftretende Ereignis bedingt eine regelmäßige individuelle Lagebewertung und daraus resultierende Entscheidungen. Dem ist die Bundesregierung nachgekommen, indem sie mit Bekanntwerden einer infektiologischen Lage zusammen mit Fachleuten die Entwicklung kontinuierlich bewertet und lageangepasst Maßnahmen für die Bevölkerung ergriffen hat und weiterhin ergreift mit dem Ziel, die Auswirkungen auf die Bevölkerung möglichst gering zu halten.”

Er fügte hinzu: “Ob wir gut vorbereitet waren, werden wir am Ende der Krise sehen, wenn wir wissen, wie wir durchgekommen sind.”

Verschwörungstheorie vom “Geheimplan”

Rechte Kreise nutzen die acht Jahre alte Risikoanalyse unterdessen bereits seit mehreren Wochen zur Verbreitung von Verschwörungstheorien. “Mir wurden brisante Unterlagen zugesandt über die ich Euch dringend informieren möchte”, schrieb etwa der rechte Esotheriker und Verschwörungstheoretiker Heiko Schrang Ende Februar in einem Onlinemagazin. Die Risikoanalyse bezeichnete er als “Geheimpapier” der Regierung - obwohl sie auf der Website des Deutschen Bundestags für jeden abrufbar ist.

Schrangs Mutmaßung: Das Papier könne ein “Masterplan” oder eine “Gebrauchsansweisung sein für alles was gerade abläuft". Diese Erzählung, dass möglicherweise Regierungen hinter einer absichtlichen Verbreitung des Coronavirus stecken, um die bürgerlichen Freiheitsrechte der Bevölkerung einzuschränken, ist in verschwörungstheoretischen Kreisen im Internet weit verbreitet.

Häufig wird dazu die Behauptung aufgestellt, das Virus Sars-Cov-2 sei in einem Labor hergestellt und anschließend absichtlich in Umlauf gebracht worden. Für die Theorie, das Virus sei in einem Labor entstanden, gibt es jedoch keinerlei Belege. Vielmehr sind Forscher aus den USA, Australien und England zu der Einschätzung gekommen, dass alles auf einen natürlichen Ursprung des Virus hindeute, das von Tieren auf den Menschen übergesprungen ist.

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