„Gefahr einer Infektionswelle“

Unterrichten trotz positivem Corona-Test: scharfe Kritik an neuer Schulrealität

Eine Schülerin meldet sich im Unterricht.

Eine Schülerin meldet sich im Unterricht.

Nachdem Lehrkräfte in mehreren Bundesländern trotz positivem Corona-Test weiterhin unterrichten müssen, wächst bei Lehrerverbänden, Elternvertretern und Corona-Experten die Kritik an dieser Regelung. „Dass Lehrer trotz positivem Corona-Test in die Schule kommen sollen, ist grob fahrlässig“, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Deutschland schaltet vom Vorsichtsmodus mit Volldampf in den Fahrlässigkeitsmodus.“

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Nach Ende der Isolationspflicht sollen nun unter anderem in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg Lehrkräfte mit positivem Corona-Test und ohne Symptome unterrichten und dabei eine Maske tragen. In einigen Ländern, etwa in Baden-Württemberg, können sich die Lehrkräfte wegen des positiven Tests aber krankmelden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert, dass die Politik damit den Entscheidungsdruck auf die Lehrkräfte verlagert. „Gerade vor dem Hintergrund des dramatischen Lehrkräftemangels werden viele Lehrerinnen und Lehrer zur Arbeit gehen – und setzen damit sich selbst und andere einem erhöhten Krankheits- und Infektionsrisiko aus“, fürchtet die GEW-Vorsitzende Maike Finnern.

Lauterbach warnt vor Corona-Winterwelle und kritisiert Bundesländer

Die Überlegung Bayerns und Schleswig-Holsteins, in wenigen Wochen die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr abzuschaffen, kritisierte der SPD-Politiker.

Laut Lehrerpräsident Meidinger sei es im Schulalltag ohnehin kaum möglich, durchgehend eine Maske zu tragen. „Viele Lehrer haben am Tag mit bis zu 150 Schülern Kontakt und führen auch Einzelgespräche“, gibt er zu bedenken. Die Gefahr sei groß, dass infizierte Lehrer andere Lehrkräfte mit Vorerkrankungen oder Schüler mit Risikopersonen in der Familie anstecken. Das Argument, es sei bereits zu viel Unterricht ausgefallen, lässt Meidinger nicht gelten. „Wir hatten zwar einen enormen Unterrichtsausfall in den vergangenen Monaten, aber wir dürfen die Gesundheit der Lehrer und Schüler nicht aufs Spiel setzen.“

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Der Bundeselternrat fordert daher einen besseren Schutz der Gesundheit von Schülern und Lehrern. „Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder an Schulen, weder durch Lehrer noch durch Mitschüler, Gesundheitsrisiken ausgesetzt werden“, sagt die Vorsitzende Christiane Gotte. Deutliche Kritik übt sie daran, dass es „in keinem Bundesland ein brauchbares Konzept zur Beschulung vulnerabler Gruppen und in Isolation befindlicher Schüler gibt“. Im dritten Jahr der Pandemie sei dies ein „Armutszeugnis“. Die Elternvertreterin fürchtet, dass es nach der Aufhebung der Isolationspflicht zu weiteren Versäumnissen bei den Kindern kommen wird.

In der Schule ist die Ansteckungsgefahr nach Auffassung von Lehrerpräsident Meidinger höher als an anderen Arbeitsplätzen. Schließlich gebe es dort viel mehr Kontakte und ein enges Aufeinandertreffen der Personen auf Gängen und in kleinen Räumen. Diese Einschätzung teilt auch der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Dass infizierte Lehrer weiter unterrichten, sei aus epidemiologischer Perspektive ein Fehler. „Es besteht die Gefahr, dass sich eine Infektionswelle in der Schule ausbreitet“, sagt Zeeb.

Der Epidemiologe warnt davor, symptomlose Infektionen zu unterschätzen. „Symptomlosigkeit bedeutet nur, dass die Viruslast geringer ist. Das Risiko, andere Menschen anzustecken, bleibt aber.“ Auch die Maske reduziere nur das Ansteckungsrisiko, aber die Gefahr einer Infektion bleibe wegen des direkten Kontakts mit Schülern und anderen Lehrern weiterhin groß.

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