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Corona: Ein Tag mit Rekordwerten – und einer beruhigenden Nachricht

  • Der Zahl der Corona-Neuinfektionen ist so hoch wie noch nie in der Pandemie.
  • RKI-Chef Wieler warnt davor, die Kontrolle über das Virus zu verlieren.
  • Ein Tag mit einem Rekord, den niemand haben will.
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Berlin. An dem Tag, an dem die Infektionszahlen in Deutschland sprunghaft einen neuen Rekordwert erreicht haben, gibt es auch beruhigende Nachrichten: Die Corona-Warn-App funktioniert zuverlässig. Mehrere enge Mitarbeiter von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), darunter sein Pressesprecher, wurden durch die App umgehend vor einem hohen Ansteckungsrisiko gewarnt, nachdem das positive Testergebnis des Ministers zurückgemeldet worden war.

Und: Spahn geht es nach Angaben seines Ministeriums gut. Bisher sei es bei Erkältungssymptomen geblieben, hieß es am Donnerstag. Er arbeitet von zu Hause aus.

„Dynamisches Geschehen“

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Am frühen Morgen waren dagegen die besorgniserregenden Zahlen vom Robert-Koch-Institut veröffentlicht worden: Mit 11.287 Neuinfektionen ist der Wert erstmals in Deutschland fünfstellig. Die Zahl der Menschen, die mit oder an dem Coronavirus gestorben sind, ist binnen eines Tages um 30 auf nunmehr 9905 gestiegen.

Wenig später ist bei einer Pressekonferenz RKI-Präsident Lothar Wieler zu erleben, der durchblicken lässt, dass das Infektionsgeschehen außer Kontrolle zu geraten droht. Er spricht von einem „drastischen, sehr dynamischen Geschehen“ und von einer teilweisen Überforderung der Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung von Kontakten. Die Lage sei „sehr ernst“.

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Neuer Höchstwert: 11.287 Corona-Neuinfektionen in Deutschland
1:23 min
Seit Tagen überschreiten immer mehr Kreise in Deutschland kritische Corona-Warnstufen. Am Donnerstag wurde ein neuer Tageshöchstwert in Deutschland erreicht.  © dpa

Bald Zehntausende Neuinfektionen am Tag?

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Seit Beginn der Pandemie war Deutschland zu keinem Zeitpunkt so stark von dem Virus betroffen wie andere Länder. Ist diese Zeit nun vorbei? Nach Einschätzung einiger Experten muss man nur nach Belgien, Tschechien oder Frankreich schauen, um zu sehen, was hierzulande in kurzer Zeit auch passieren wird: ein explosionsartiger Anstieg der Infektionszahlen auf mehrere Zehntausend Fälle pro Tag.

Damit würde die vor einigen Wochen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) angestellte und damals überwiegend belächelte Berechnung, wonach zu Weihnachten täglich 19.000 Neuinfektionen auftreten könnten, von der Realität rasend schnell überholt.

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Wieder mehr schwere Fälle

RKI-Chef Wieler widerspricht am Donnerstag den düsteren Prognosen nicht. Er warnt zugleich vor der weit verbreiteten These, die Lage sei nicht weiter schlimm, weil die hohen Infektionszahlen nur mit dem Anstieg der Testungen zusammenhingen. Er verweist jedoch darauf, dass die Rate der positiv Getesteten von weniger als 1 Prozent im Sommer auf nunmehr über 3 Prozent gestiegen sei. Zudem würden sich wieder mehr ältere Menschen anstecken, und es gebe damit auch mehr schwere Fälle. So hat sich nach seinen Angaben die Zahl der Covid-19-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, innerhalb von nur zwei Wochen auf mittlerweile 943 verdoppelt.

Wieler: „Wir sind nicht machtlos“

Wieler ist allerdings der Hoffnung, die Entwicklung könne noch aufgehalten werden. „Es muss nicht so sein, dass wir in einigen Wochen dort stehen, wo andere Länder heute schon sind“, so der oberste Infektionsschützer. „Wir sind nicht machtlos“, sagt er mit Blick auf das Verhalten aller Bürger. „Derzeit haben wir noch die Chance, die weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.“ Voraussetzung dafür sei aber die konsequente Einhaltung der Hygieneregeln.

Hauptinfektionsorte sind nach seinen Angaben Treffen in privatem Rahmen, „wo Menschen viel miteinander interagieren“. In Hotels, Geschäften oder öffentlichen Nahverkehrsmitteln sei dagegen das Risiko geringer. Deshalb plädiert er für strengere Obergrenzen bei privaten Zusammenkünften – und zwar „mit einer verbindlichen Einheitlichkeit“, womit er den nach wie vor vorhandenen Flickenteppich der Regelungen kritisiert. „Das ist noch Luft nach oben“, so Wieler diplomatisch.

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Die CSU bleibt am Donnerstag hingegen bei ihrer dramatischen Rhetorik. Nachdem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Mittwoch erklärt hatte, bei der Virusbekämpfung sei es „Fünf vor 12“, rückt CSU-Generalsekretär Markus Blume den Zeiger auf der virtuellen Uhr noch ein Stück weiter nach vorne. Es sei „unmittelbar vor 12“, sagt er. Neue, strengere Maßnahmen verkündet er nicht, fordert aber freiwillige Kontaktbeschränkungen.

Und er zieht den Umgang mit der Krise sogar noch eine Ebene höher: Es gehe auch um einen Systemwettbewerb. Denn es dürfe nicht sein, dass bei der Virusbekämpfung nur Staaten wie China erfolgreich seien, die autoritär regiert würden: „Es wäre ein Armutszeugnis für den Westen, wenn wir es nicht schaffen, auf das Virus mit den Mitteln der Freiheit zu reagieren.“

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