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  • Corona: Droht in Deutschland eine Pleitewelle? Insolvenzverwalter im Interview

Insolvenzverwalter zu Corona-Krise: “Es ist wie vor einem Tsunami”

  • Insolvenzverwalter Tobias Brinkmann sagt für Deutschland eine Pleitewelle als Folge der Corona-Krise voraus.
  • Der Lockdown müsse rasch enden.
  • Sonst würden selbst große Unternehmen aufgeben – besonders in einer Branche.
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Berlin. Herr Brinkmann, steht die Wirtschaft in Deutschland infolge der Corona-Krise vor einer riesigen Pleitewelle?

Eine Vielzahl von Betrieben befindet sich in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Betroffen sind Branchen, die bestimmte Güter und Dienstleistungen saisonbezogen anbieten. Dazu zählen Reiseveranstalter, Gastronomen, Hotelbetreiber, aber auch viele Einzelhändler. Für sie fällt mindestens eine Saison aus. Vor allem für Anbieter von Textilien ist die Situation besonders schwierig. Sie müssten eigentlich schon jetzt die Ware für den Herbst bestellen, können das aber nicht, weil niemand absehen kann, wie lange der Lockdown und die sich daran anschließenden Beschränkungen noch andauern werden. Ich sehe die Gefahr, dass auch der eine oder andere größere Filialist die Krise nicht überstehen wird.

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Reichen die eingeleiteten Schritte der Bundesregierung aus?

Es gibt sinnvolle Maßnahmen, die dabei helfen, die Folgen der Corona-Pandemie kurzfristig abzumildern. Mietrückstände führen nicht sofort zur Kündigung. Steuern können gestundet werden. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau reicht Überbrückungsdarlehen aus. Letztlich sind diese Regelungen aber allesamt zeitlich begrenzt. Rückstände und Kredite müssen später zurückgezahlt werden. Es baut sich eine schwere Hypothek auf. Einige Probleme sind nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

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Vorgestelltes Hilfspaket ist nur der erste Schritt
1:11 min
Der Bundeswirtschaftsminister berichtet, dass die Auswirkungen der Coronakrise bereits spürbar, seien.  © Reuters

Ist die deutsche Wirtschaft robust genug, um den Corona-Schock zu überstehen?

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In den kommenden Wochen wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Es gibt Unternehmen, die über ausreichend Rücklagen verfügen, um ein ganzes Jahr durchzuhalten. Andere dürften bereits in wenigen Wochen in existenzielle Nöte geraten oder stecken schon mittendrin. Auf Dauer wird es nicht allein helfen, dass die Pflicht zur Insolvenzanmeldung umfangreich ausgesetzt wurde. Wir verzeichnen schon jetzt eine deutliche Zunahme von Anfragen. Es wird zu einer weiteren Konzentration in bestimmten Bereichen führen. Die Starken werden die Schwachen schlucken.

Wie groß wird die Pleitewelle ausfallen?

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Ob Deutschland von einer riesigen Insolvenzwelle getroffen wird, ist noch nicht ausgemacht. Zurzeit erleben wir die Phase, in der sich das Wasser wie vor einem Tsunami zurückzieht. Es wird darauf ankommen, die ökonomische Welle wie im Gesundheitswesen abzuflachen. Das Motto “Flatten the curve” gilt auch für die Wirtschaft. Wir müssen möglichst schnell zu einer wirtschaftlichen Normalität zurückkehren. Ich rechne damit, dass der Konsum nach Beendigung des Lockdowns wieder anspringt. Aber das wird ein allmählicher Prozess sein. Das Vertrauen wird erst langsam wieder in den Markt zurückkehren. Und eines ist schon jetzt klar: Am Ende wird das Geld fehlen, das über Wochen und Monate nicht erwirtschaftet werden konnte.

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