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  • Corona: Deutsche Impfstoff-Hilfe für Namibia von Kolonialismus-Forscher gefordert

Kolonialismusforscher fordert deutsche Impfstoffhilfe für Namibia

  • In Deutschland gehen die Corona-Infektionszahlen weiter zurück, in anderen Teilen der Welt verschärft sich die pandemische Lage hingegen drastisch.
  • Namibia kämpft mit rapide steigenden Infektionszahlen und einem großen Impfstoffmangel.
  • Der Historiker Jürgen Zimmerer fordert deshalb dringende Hilfe aus Deutschland – auch aus einer historischen Verantwortung.
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Berlin. In Namibia verschärft sich die Corona-Lage zunehmend. Seit Ende Mai verzeichnet das südwestafrikanische Land die stärkste Zunahme der Infektionszahlen seit Beginn der Pandemie. Es liegt mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 450 derzeit weltweit an zweiter Stelle. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden zudem erst knapp 124.000 Impfdosen verabreicht. Neue Impfstofflieferungen sind laut Aussagen des namibischen Gesundheitsministers derzeit nicht in Aussicht.

Auch mehrere führende Repräsentanten der Herero sind in den vergangenen Wochen nach Corona-Infektionen in Namibia verstorben. Darunter Zed Ngavirue, der namibische Chefunterhändler bei den Verhandlungen über ein Versöhnungsabkommen mit Deutschland nach dem Genozid an den Herero und Nama durch das deutsche Kaiserreich. Auch ein wichtiger Kritiker des Abkommens, Vekuii Rukoro, verstarb nach einer Corona-Infektion.

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„Die Covid-19-Pandemie trifft das Land unvorbereitet, da das Gesundheitssystem auch aufgrund der kolonialen Geschichte und der bis zur Unabhängigkeit 1990 andauernden Apartheid in der Fläche völlig unzureichend ausgebaut ist“, sagte der Historiker, Afrika-Wissenschaftler und Genozidforscher Jürgen Zimmerer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Zimmerer forscht zur deutschen Kolonialgeschichte und begleitete die deutsch-namibischen Verhandlungen der letzten Jahre kritisch.

„Der im Land vorhandene Impfstoff ist aufgebraucht, Impfstoff zu kaufen kann sich das Land im ausreichenden Umfang nicht leisten“, erklärt der Geschichtsprofessor. Als Land „mittleren Einkommens“ habe Namibia gleichzeitig keinen Anspruch auf kostenlosen Impfstoff durch das Internationale Covax-Programm. Zimmerer spricht von einer bitteren Ironie: „Zwar hebt das Durchschnittseinkommen das Land in die mittlere Gruppe, gleichzeitig ist es aufgrund der nach wie vor kolonialen Wirtschaftsstruktur Spitzenreiter in der Schere zwischen arm und reich.“

Historische Verantwortung

Die Opfer von Kolonialismus und Apartheid litten so doppelt und seien nun auch durch das Coronavirus massiv gefährdet. Zimmerer sieht Deutschland in der Verantwortung für eine schnelle Unterstützung Namibias.

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„Dass die drohende medizinische Katastrophe zeitlich zusammenfällt mit dem Abschluss der Regierungsverhandlungen über den Genozid erfordert schnelles und eindeutiges Handeln der Bundesregierung“, sagte er. Die offizielle Unterzeichnung des Versöhnungsabkommens müsse auf Eis gelegt werden, „bis die Herero Zeit hatten, ihre Repräsentanten zu betrauern, neue zu wählen und ihre Haltung zum Abkommen in Ruhe zu bestimmen“.

Außerdem sei schnelle Hilfe etwa durch die Bereitstellung von Impfstoff durch Deutschland nun „ein Gebot historischer Gerechtigkeit“.

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„Es wäre das stärkste Zeichen der Verantwortungsübernahme durch Deutschland, wenn es nun alles Erdenkliche unternehmen würde, um den Erhalt der überlebenden Herero und Nama in der Gegenwart zu schützen.“

Die Unterstützung dürfe sich jedoch nicht auf die beiden Gruppen beschränken, da alle schwarzen Namibierinnen und Namibier unter der Kolonialherrschaft und dem durch das Deutsche Reich eingeführten „Rassenstaat“ gelitten hätten.

„Deutschland hat im Genozidabkommen auf’s Jahr gerechnet 36 Millionen Euro Hilfe angeboten“, so Zimmerer. „Mit zwei Jahresbeträgen ließen sich leicht Vakzine für das ganze Land bezahlen.“

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