Corona-Demo in Berlin: Wenn der Impfgegner mit dem Nazi protestiert

  • Bei den Corona-Demonstrationen am Wochenende in Berlin kamen Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen zusammen.
  • Den Demonstranten gemein: ihre Ablehnung von Maßnahmen gegen Covid-19 und oftmals der Hang zu Verschwörungstheorien.
  • Wer hat da am Samstag protestiert?
Tammo Kohlwes
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Berlin. Es war eine wilde Mischung an Menschen, die da am Samstag in Berlin auf die Straße gegangen sind, um gegen die Corona-Schutzauflagen der Bundesregierung zu demonstrieren. Selbst in der demoerfahrenen Hauptstadt sieht man ein solches Spektrum nicht alle Tage.

Die Bilder von den Protesten zeigen Deutschland-, Kaiserreichs- und Regenbogenflaggen, Menschen in Flower-Power-Klamotten und Anti-Israel-Statements. Man darf getrost bezweifeln, dass sich diese Gruppen auch ohne die Pandemie zusammengefunden hätten. Die Ablehnung der Corona-Politik der Bundesregierung ist der gemeinsame Nenner, auf den die Protestierer sich einigen können.

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20.000 Demonstrierende in Berlin: "Wir sind die zweite Welle"
1:22 min
20.000 Menschen haben am Samstag an einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin teilgenommen.  © RND
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“Ich mache mir schon Gedanken, wer da mit wem demonstriert”, zeigte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in der ARD besorgt. In der Ablehnung von Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 vereinten sich “Weltverschwörungstheoretiker”, rechte und linke Gruppen, analysierte der CSU-Chef. Er empfehle den Teilnehmern, nicht nur körperlichen, sondern auch geistigen Abstand zu wahren, so Söder.

Welche Gruppen waren bei der Demonstration vertreten? Ein Überblick:

Organisatoren gegen “demokratisches Regime”

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Verschiedene Gruppierungen hatten im Vorfeld Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen angemeldet, darunter “Querdenken 711″. Gründer Michael Ballweg und seine Mitstreiter, die bereits im Mai in Stuttgart mit Großdemonstrationen auf sich aufmerksam gemacht haben, fordern Neuwahlen und beziehen sich in ihrer Argumentation gegen die Corona-Maßnahmen auf das Grundgesetz.

Beim Protest schwenkten viele Teilnehmer Flaggen des Kaiserreichs - ein Symbol, das auch bei Reichsbürgern beliebt ist. © Quelle: imago images/Future Image
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Auch die “Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand” aus Berlin hatte eine Demonstration für das Wochenende angemeldet. Die Proteste nennt die Gruppe den “Beginn der basisdemokratischen Verfassungserneuerung”. Sie will eine “sechste Republik”, die “Freie Bundesrepublik Deutschland”, ausrufen.

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Bundesregierung kritisiert Anti-Corona-Proteste in Berlin
2:03 min
Die Bundesregierung hat die Missachtung von Hygieneregeln bei der Demonstration gegen Corona-Auflagen am Wochenende in Berlin scharf kritisiert.  © Reuters

Rechte Gruppierungen bei Corona-Demo prominent vertreten

Ein großer Teil der Demonstranten, das zeigen Videoaufnahmen und Fotos vom Wochenende, war keinen bestimmten Gruppierungen zuzuordnen. Auffallen taten aber vor allem als rechts oder rechtsextrem eingestufte Gruppen. Viele Teilnehmer schwenkten Kaiserreichs- oder preußische Flaggen, wie sie auch in der “Reichsbürger”-Szene häufig genutzt werden.

NPD und “Der III. Weg”, eine rechtsextremistische Kleinpartei, hatten im Vorfeld der Demonstrationen ebenfalls mobilisiert. Die linke Tageszeitung “taz” machte am Samstag T-Shirts von Rechtsrockbands und der Onlinebewegung Qanon aus, die verschwörungstheoretische Inhalte verbreitet. Die “Bild”-Zeitung veröffentlichte Fotos von Protestierenden mit Hakenkreuz-Tattoo.

Mit einem eigenen Truck fuhren Mitglieder der “Patriotic Opposition Europe” mit. Die Gruppe will das “demokratische Regime” in Deutschland abschaffen. Auf der Demonstration sagte ein Redner vom Truck aus: “Wir brauchen keine Mehrheit.”

Antisemiten, Impfgegner, 5G-Skeptiker und mehr

Mit Plakaten und T-Shirts zeigten außerdem viele Demonstranten, dass sie ihren Fokus auf jeweils eine ganz bestimmte Sache legen. Auch sie ließen sich oft nicht einer bestimmten Gruppierung zuordnen - doch viele von ihnen fielen durch Thesen auf, die gemeinhin als verschwörungsideologisch eingeordnet werden.

Häufig vorgetragenes Anliegen der Demonstranten: Schutz der Grundrechte. © Quelle: imago images/Stefan Zeitz
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Auch trugen Teilnehmer Shirts mit der Beschriftung “FCK ZION”, einem antisemitischen Slogan. Andere Demonstranten hatten sich selbst gebastelte Buttons angeheftet, die an Judensterne im Dritten Reich erinnern, die sie mit “Ungeimpft, ungechipt” beschriftet hatten. Die Verwendung von Judensternen ist eine Relativierung des Holocaust. Impfgegner, in Berlin am Samstag zahlreich vertreten, vermuten hinter Impfungen ein Werkzeug von Microsoft-Gründer Bill Gates (”Gib Gates keine Chance”) zur Kontrolle der Weltbevölkerung.

Wieder andere Demonstranten verlangten: “Kein Genozid durch 5G und M-RNA-Impfung”. Außer Deutschlandflaggen wehten auch solche der USA, von Südafrika und Schweden – Ländern, in denen Corona besonders heftig wütet.

Auffällig beim Vergleich der verschiedenen Anliegen der Protestierenden: Bei der Demonstration herrschte keineswegs Einigkeit darüber, ob das Coronavirus überhaupt existiert.

Einzelne Teilnehmer kritisierten auf ihren Plakaten den Kapitalismus, andere kamen als Blumenkinder zum Protest. Zwischen all den Plakaten und Fahnen war auch manche Regenbogenflagge zu erspähen.

Nach Aufrufen linker oder queerer Gruppierungen zur Teilnahme an der Corona-Demo sucht man online aber vergeblich, während viele rechte Gruppen den “Tag der Freiheit” stark thematisieren. Auch “Querdenken 711″ zeigt auf seiner Website eine Regenbogenflagge.

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