Die Nadel, die in die Blasen sticht

  • Historiker werden eines Tages die Bedeutung des 26. März 2020 herausstreichen.
  • Es war der Tag, an dem sich auf einen Schlag 3,28 Millionen Amerikaner arbeitslos meldeten.
  • In den USA formiert sich ein ökonomischer Tsunami, dessen Wellen noch rund um die Welt gehen werden.
|
Anzeige
Anzeige

Einer der mächtigsten Finanzmanager Europas saß im vorigen Sommer in einer kleinen, vertrauten Runde am Wannsee in Berlin. Der Tag war heiß, der Weißwein kalt.

“Eigentlich stehen alle Zutaten bereit für eine Krise, die noch viel größer sein könnte als die Finanzkrise von 2009”, sagte der Geldexperte.

Man blickte gegen die Abendsonne auf den blinkenden See. Doch nun trübte sich die Stimmung ein. Verschwiegenheit war angesagt: Dem kleinen Kreis hatte der Mann zuvor aufgegeben, ihn auf keinen Fall zu zitieren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Jetzt hat die Krise einen Namen

Die nächste große Krise, hob er an, werde auch die Realwirtschaft runterreißen. Ein großes Problem sei, dass die Notenbanken schon beim letzten Mal ihr Pulver verschossen hätten. Mit Zinssenkungen könne man nicht mehr gegenhalten. Es sei ja im Gegenteil bereits so, dass der vor zehn Jahren zur Krisenbekämpfung eingesetzte Niedrigzins bereits immer mehr Schaden anrichte. Unverkennbar seien ja schon jetzt die Blase am Immobilienmarkt und die Blase am Aktienmarkt. Diese Blasen würden bald platzen. Und dann fügte er sinnierend hinzu: “Wir wissen nur nicht, wie die Nadel heißt, die da eines Tages hineinstechen wird.”

Jetzt wissen wir es. Die Krise hat einen Namen: Corona-Krise.

Im Epizentrum der Krise: Das Westfield World Trade Center, das größte Einkaufszentrum im New Yorker Stadtteil Manhattan, wirkte nie so ausgestorben wie heute. © Quelle: imago images/Levine-Roberts
Anzeige

Die Nadel, die die Blasen platzen lässt, war lange in China vermutet worden. Dort tummeln sich Zombiefirmen, die nur noch durch Niedrigzinskredite am Laufen gehalten werden. Besorgte Blicke wanderten auch in Richtung Türkei, wo mitunter die politische Führung und auch die Währung außer Rand und Band geraten. Als gefährlicher Krisenherd erschien zeitweilig auch Großbritannien mit seinen ökonomisch haarsträubenden Plänen für einen harten Brexit.

Inzwischen aber ist das Zentrum der neuen Krise klar zu orten, geografisch und ökonomisch. Es liegt, wie bei der Lehman-Pleite, erneut in den USA.

Anzeige

26. März 2020, ein historisches Datum

Historiker werden eines Tages die Bedeutung des 26. März 2020 herausstreichen. Es war der Tag, an dem sich, nachdem in der Vorwoche noch Vollbeschäftigung herrschte, auf einen Schlag 3,28 Millionen Amerikaner arbeitslos meldeten.



Anzeige

“Eine Disruption von diesem Ausmaß und in diesem Tempo haben wir noch nie gesehen”, analysierte Harvard-Ökonom Daniel Zhao, der für das US-Unternehmenbewertungsportal Glassdoor arbeitet. Der Kurvenverlauf sei nicht nur historisch beispiellos, sondern verrückt: “Ich habe die letzten Tage damit verbracht, immer wieder darauf zu starren.” Grafikern haue der extreme Anstieg gleichsam die y-Achse kaputt.

Flatten the curve – so heißt eigentlich auch in den USA das erklärte Ziel der Virenabwehrpolitik. Es geht ums Abflachen der Kurve. Stattdessen baut sich nun etwas auf, ein Tsunami, dessen Wellen noch rund um die Welt gehen werden. In der nächsten Wochen werden sich noch viel mehr Amerikaner arbeitslos melden. Dies kann Kredite für Häuser und Autos platzen lassen – was wiederum, wenn es massenhaft geschieht, die Bankenwelt in neue Turbulenzen stoßen kann. Die nachlassende Kaufkraft in den USA könnte am Ende auch die Wirtschaft in der EU und in China nach unten ziehen.

Noch gegenzusteuern fällt dem Staat immer schwerer. Schon wegen der allerorten verabschiedeten Corona-Hilfspakete wird mittlerweile nicht mehr nur in der Virologie von Verdopplungszeiten gesprochen, sondern auch bei den Staatsschulden. Trump jedenfalls hat es fertig gebracht, das sträflicherweise mitten im Boom eingeplante Defizit von 1,5 Billionen Dollar zu verdoppeln.


Anzeige

Gewinner des Tages ist trotz allem – und das macht die Katastrophe nun wirklich komplett – Donald Trump. Ihm gelang es, aus einer situativen Schwäche seines potenziellen Gegenkandidaten Joe Biden maximalen Profit zu schlagen. Biden hustete – ausgerechnet während eines Fernsehinterviews mit dem Sender CNN. Und dabei verstieß er gegen die neue Etikette, nicht etwa in die Hand, sondern in den Ellenbogen zu husten. Als der Moderator ihn darauf aufmerksam machte, sah es nicht gut aus für Biden.

Der Herausforderer des Präsidenten schien um Worte zu ringen, als er sagte, er sitze doch gerade nur zuhause, und er sei allein. Trump zögerte nicht, die Szene auf Twitter seinen 75 Millionen Followern genüsslich zu präsentieren. Höhnisch schrieb er nur vier Wörter: “The Democrats’ Best and Finest” – was in diesem Fall so viel heißt wie: So sind sie, die besten Leute, die die Demokraten zu bieten haben.

Verlierer des Tages ist Joe Biden, nicht nur wegen seiner unseligen Husterei. Inzwischen machen in den USA Umfragen die Runde, wonach die Corona-Krise den Demokraten politisch nichts nützt. Laut Gallup-Umfrage liegt die Zustimmungsquote für Trump jetzt bei 49 Prozent, das sind fünf Punkte mehr als Anfang März. Für eine Debatte darüber, wie man doch alles auch ganz anders hätte machen können, sind die Amerikaner jetzt gerade nicht empfänglich. Offenbar neigen sie wie alle Völker der Welt dazu, sich in Krisenzeiten um einen stark erscheinenden Anführer zu scharen.

Biden wird jetzt doppelt geschwächt. Die Krise rüttelt an der Relevanz von allem, was er sagt – weil es nun mal auf ihn nicht ankommt. Hinzu kommt, dass jetzt keine Bilder entstehen werden, bei denen ein Herausforderer des amtierenden Präsidenten strahlend übers Land zieht, händeschüttelnd und schulterklopfend wie einst Barack Obama in der Endphase von George W. Bush: Alle Massenveranstaltungen sind abgesagt.




  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen