Pandemie­problemfall Deutschland? Trotz alledem – wir schaffen das

  • Impfchaos? Desaster? 12,2 Millionen Deutsche haben inzwischen bei ihrer eigenen Impfung genau das Gegenteil erlebt.
  • Deutschland hat keinen Grund, die Fassung zu verlieren, im Gegenteil.
  • Unsere Pandemiebilanz könnte am Ende, trotz aller Fehler und Defizite, immer noch besser ausfallen als die der meisten Staaten der Welt. Ein Kommentar von Matthias Koch.
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„Und, wie läuft es bei euch so in Deutschland?“ Was soll man sagen, wenn Freunde aus dem Ausland eine solche Frage stellen?

Nun ja. Deutschland mogelt sich so durch.

Wir impfen langsamer als andere – aber schneller als bisher. Wir haben wachsende Infektionszahlen – die aber geringer sind als in acht unserer neun Nachbarstaaten. Unsere Intensivstationen füllen sich – aber unwürdige Szenen wie in vielen anderen Staaten der Erde haben wir bislang erfolgreich vermieden.

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Land und Leute sind weiter unterwegs auf einem Mittelweg, der allerdings niemanden begeistert. Wie wohl auch? Die einen wollen mehr Lockdown, die anderen mehr Lockerung.

Die Pandemie und wir In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Der allabendliche Aufmarsch der Besserwisser

Vor allem will das Volk in Zeiten der Angst einen klaren Kurs und starke Führung. Angela Merkel bot ihren Deutschen beides nicht. Liegt das an ihrer Abneigung gegen Pathos, an ihrer uckermärkischen Art? Von Anfang an mutete die Kanzlerin den Regierten etwas zu, was sonst nur Regierende auf sich nehmen: Unklarheiten und Widersprüche. Der Witz ist: Ihre Politik könnte sich am Ende trotzdem als – relativ – erfolgreich erweisen.

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Gewiss: Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Erst wurden Berlins „Impfversager“ („Bild“) von den Medien gesteinigt. Dann begann bei Markus Lanz ein allabendlicher Aufmarsch der Besserwisser, die zwar unterschiedliche Ideen mitbringen, aber die immer gleiche Attitüde: Wir wären längst viel weiter, wenn die Politik endlich folgendes beachten würde...

Der Bundesgesundheitsminister muss seiner Meinung nach entlassen werden, der Bundeswirtschaftsminister auch: Talkshowgast Wolfgang Kubicki (FDP). © Quelle: NDR/Wolfgang Borrs
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Staatsversagen: Debatten über dieses neue Buzzword könnten im Superwahljahr gleich vier Parteien neue Wähler zutreiben, AfD, Grünen, Liberalen und Linken. Mit Blick auf die angeschlagene Union breitet sich schon eine Hau-den-Lukas-Stimmung aus. Rezo fordert wieder ihre „Zerstörung“, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) verlangt fröhlich mal die Entlassung des Gesundheitsministers, mal die des Wirtschaftsministers, mal auch beides am gleichen Tag.

Dampfplaudereien helfen den Deutschen nicht weiter

ARD-Altmeister Ulrich Wickert setzte noch eins drauf und verkündete jüngst in einer Talkshow: „Wir brauchen einen Helmut Schmidt.“ Der habe als Hamburger Innensenator bei der Sturmflut 1962 an allen Regelungen vorbei „direkt bei der Nato angerufen“.

Bei der Nato? Immer mehr Deutsche spüren, dass solche Dampfplaudereien nicht weiterhelfen. Sie passen auch schlecht in eine Zeit, in der die Bundeswehr etwa im Saarland beim 24-Stunden-Impfen die Nachtschichten organisiert.

Das schnellere Impfen trägt bundesweit längst zu einem Stimmungswandel bei, noch nicht in Berlin-Mitte und in den Talkshows – aber bei dankbaren Menschen überall im Land.

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Soldaten helfen mit, im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr: Vor wenigen Tagen wurde das bundesweit erste Impfzentrum der Bundeswehr im saarländischen Lebach eröffnet. © Quelle: Oliver Dietze/Bundeswehr/dpa

Impfchaos? Desaster? 12,2 Millionen Deutsche haben inzwischen bei ihrer eigenen Impfung genau das Gegenteil erlebt. Viele waren beeindruckt von der freundlichen Art des Umgangs in den Impfzentren und Arztpraxen. Deren engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter helfen dem Land derzeit nicht nur medizinisch. Jede Spritze in den Arm ist jetzt auch ein Stück Immunisierung gegen populistische Aufwallungen. Den politischen, vielleicht sogar parteipolitischen Effekt wird man im Verlauf dieses Jahres noch spüren.

Müssen wir neidisch sein auf Großbritannien?

Die heillos überdrehte Berliner Republik jedenfalls ist reif für ein Update. Ja, Fehler sind passiert in Deutschland, die Liste ist lang. Aber dass anderswo alles besser ist, nimmt eine wachsende Zahl von Deutschen den Schwarzmalern schon nicht mehr ab.

Israel? Das Neun-Millionen-Einwohner-Land, halb so groß wie NRW, hat es – Glückwunsch – durch einen sehr speziellen Deal mit Pfizer geschafft, genug Impfstoff zu bekommen im Austausch gegen einen Direktzugang des US-Konzerns zu allen Patientendaten. In Deutschland und in der EU wäre eine solche Abmachung undenkbar.

Großbritannien? Die schnelle Impfkampagne – auch hier: Glückwunsch – macht die 127.000 britischen Corona-Toten nicht mehr lebendig. Boris Johnsons haarsträubender anfänglicher Versuch, Herdenimmunität per Durchseuchung zu erzielen, hat kolossalen Schaden angerichtet. Von 100.000 Briten starben 191, in Deutschland liegt die Quote bei 94.

USA? Trotz 112 Millionen Impfungen – das ist Weltrekord – steigen in den Vereinigten Staaten erneut die Inzidenzen. Zeitlich sind uns die USA beim Impfen voraus. Doch einen Kaffee bei McDrive zu holen ist und bleibt im Münsterland weit weniger riskant als in Michigan oder Minnesota.

Deutschland hat keinen Grund, die Fassung zu verlieren, im Gegenteil. Wenn alle noch ein bisschen mithelfen, könnte unsere Pandemiebilanz am Ende, trotz aller Fehler und Defizite, sogar besser ausfallen als die der meisten Staaten der Welt. Besser als immer neue Wellen von Missmut und Meckerei jedenfalls wäre eine neue Welle von Solidarität. Wir schaffen das.

Lesen Sie hier die Gegenthese: Die Abulie der Regierenden

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