Freigabe von Astrazeneca: „Die Bulgaren handeln maximal pragmatisch“

Martin Kothé beim Impfen mit Astrazeneca in einem Krankenhaus der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

Martin Kothé beim Impfen mit Astrazeneca in einem Krankenhaus der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

Herr Kothé, Sie haben sich in Bulgarien gegen Corona impfen lassen, obwohl Sie erst 58 Jahre alt sind und keiner Risikogruppe angehören. Wie ist es denn dazu gekommen?

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Ich bin im vergangenen Sommer aus beruflichen Gründen nach Bulgarien umgezogen. Am Wochenende war ich zu Hause in Berlin und abends zurück in Sofia. Als wir am Montagmorgen unsere Teambesprechung hatten, teilten mir meine bulgarischen Kollegen mit, die Regierung habe am Wochenende beschlossen, die Impfung mit Astrazeneca freizugeben – kostenfrei für jeden bulgarischen Bürger und auch für alle Ausländer, die hier gemeldet sind. Es gebe keine Termine; man solle einfach hingehen.

Wie ging das konkret vonstatten?

Am Mittwoch hatte ich morgens um 9 Uhr etwas Luft und bin gemeinsam mit Kollegen in ein nahe gelegenes Krankenhaus gefahren. Dort musste ich erst einen Zettel ausfüllen: Name, Adresse, Telefonnummer und Nummer der Aufenthaltsgenehmigung. Dann ging es weiter zu einer Schlange mit ungefähr zehn Minuten Wartezeit. Wir wurden dann in einen Raum geführt, an dessen Wänden etwa zehn Impfstühle standen. Ich bekam einen Platz zugewiesen, machte meinen Oberarm frei und hatte die Dosis 30 Sekunden später intus.

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Österreichs Kanzler für EU-Impfpass nach Vorbild Israels
24.02.2021, ��sterreich, Wien: Sebastian Kurz (r), Bundeskanzler von ��sterreich, spricht neben Martin Kocher, Arbeitsminister von ��sterreich, w��hrend einer Sitzung des Nationalrates im Parlamentsausweichquartier. ��sterreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz hat sich f��r einen europ��ischen Impfpass nach dem Vorbild Israels ausgesprochen. Foto: Roland Schlager/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz hat sich für einen europäischen, digitalen „grünen“ Impfpass nach dem Vorbild Israels ausgesprochen.

Sie haben sich wie erwähnt mit Astrazeneca impfen lassen, ein Vakzin, das viele in Deutschland gar nicht wollen. Haben Sie keine Bedenken?

Hier in Bulgarien gibt es dieselbe Debatte wie in Deutschland: Astrazeneca sei Volkswagen, Biontech dagegen Mercedes, und alle wollen Mercedes. Zudem gab es Umfragen, die eine hohe Impfskepsis der Bevölkerung auswiesen. Die Regierung, die sich übrigens im Wahlkampf befindet, hat sich die Lage ungefähr eine Woche lang angeschaut und dann beschlossen: Wir schaffen jetzt Fakten, indem wir die Impfung freigeben. Was die Bedenken angeht: Ich habe es so verstanden, dass Astrazeneca im Zulassungsverfahren nicht in ausreichendem Maße in der älteren Bevölkerung getestet werden konnte. Da die Wirksamkeitsberechnung jedoch auf Basis der Gesamtbevölkerung inklusive der Älteren erfolgt, ergibt sich logisch und rein rechnerisch ein geringerer Wirkungsgrad. Das war aus meiner Sicht irrelevant.

Hier kann Astrazeneca nicht wie gewünscht verimpft werden, weil es wie gesagt viele Leute nicht wollen und die Impfreihenfolge trotzdem nicht geändert wird. Sie bekommen es in Bulgarien auf Wunsch binnen weniger Stunden. Klingt ziemlich verrückt.

„Verrückt” im Wortsinn ist eigentlich nur der vollkommen andere Lösungsansatz in Bulgarien: Gegen die auch hier bestehenden Zweifel stellt die Regierung einfach ein Angebot, das ein jeder nach eigenem Befinden annehmen kann. Sie nennen es den „grünen Korridor”, der offen ist für jeden. Ziemlich clever, finde ich. Und ziemlich viele gehen durch. Übrigens wird in der kommenden Woche eine Plattform online gestellt, die auch Wahlmöglichkeiten eröffnet. Es wird darauf hinauslaufen, dass jeder, der Biontech will, länger warten muss, und es die Alternative sofort gibt. Jeder kann dann seine eigene Abwägung anstellen.

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Wo liegt Ihrer Ansicht nach der Fehler bei uns?

Ich will hier nicht von Fehlern sprechen. Nur so viel: Das deutsche System setzt maximal auf Einzelfallgerechtigkeit. Die Bulgaren handeln maximal pragmatisch. Aber im Ergebnis werde ich früher geimpft als meine über 80-jährige Mutter in Deutschland. Darüber kann man mal nachdenken.

Wann bekommen Sie die zweite Dosis?

Ich habe meine Mobilnummer hinterlassen und erhalte in vier Wochen per SMS eine Aufforderung zum zweiten Durchgang, für den ich einige Wochen Zeit habe. Eins noch: Sie können sich nicht vorstellen, wie froh und erleichtert ich mich gefühlt habe, als ich aus dem Krankenhaus getrottet bin!

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