Corona-Alarm: Unsere kranken Krankenhäuser

  • Die Corona-Pandemie bedeutet einen Stresstest für Gesundheitssysteme rund um den Globus.
  • Deutschland ist auf diesen Ernstfall besser vorbereitet als andere Länder.
  • Doch die Krise deckt Schwächen im System auch bei uns schonungslos auf, kommentiert Rasmus Buchsteiner.
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Berlin. Sie sind diejenigen, auf die es in den nächsten Tagen, Wochen und womöglich Monaten ankommen wird: Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte sowie alle anderen, die Deutschlands Kliniken in der Corona-Krise am Laufen halten.

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Diese Helden der Gegenwart werden an ihre Grenzen und darüber hinausgehen müssen. Bilder aus Italien mit abgekämpften Ärzten, deren Gesichter von Schutzbrillen und Masken wundgescheuert wurden, vermitteln eine Ahnung davon, was medizinisches Personal in diesen Tagen leistet. Viele Menschen auch hierzulande bringen ihre Anerkennung und ihren Respekt dafür bei abendlichen Balkon-Klatschkonzerten zum Ausdruck.

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Jens Spahn: Rettungsschirm für Krankenhäuser ist gespannt
1:55 min
Der Schutzschirm für Krankenhäuser und Praxen soll gespannt werden, da derzeit deutlich weniger andere Patienten behandelt und Operationen ausgeführt werden.  © Reuters

Bislang heißt es, dass Deutschlands Krankenhäuser, auf das, was da auf sie zukommt, besser vorbereitet sind, als es die in Wuhan, in Bergamo, Madrid oder New York waren. Hoffen wir, dass das stimmt. Die Stunde der Wahrheit rückt näher.

Mit dem exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen, den die Republik seit Aschermittwoch erlebt, nimmt auch die Zahl der Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen rasch zu. Viele von ihnen müssen auf Intensivstationen behandelt werden. Noch sind die Fallzahlen beherrschbar.

Die entscheidende Frage wird nun sein, ob und in welchem Ausmaß die vor gut einer Woche eingeleitete Vollbremsung bei den Sozialkontakten wirkt – in Form von weniger Infektionen, weniger Erkrankungen und, vor allem, weniger schweren Verläufen.

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Wo wir gerade stehen

Um ein Gespür für Dimensionen zu bekommen, lohnt ein genauerer Blick auf die Zahlen der Interdisziplinären Vereinigung für Notfall- und Intensivmedizin, vermitteln ein Gefühl dafür, wo wir gerade stehen.

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Es sind Daten aus ungefähr der Hälfte der Kliniken mit Intensivstationen. Dort wurden am Dienstagvormittag 613 Männer und Frauen behandelt, die in Folge einer Corona-Infektion erkrankt sind, was etwa einem ein Zehntel der Intensivbett-Kapazitäten entspricht, die diese Krankenhäuser innerhalb von 24 Stunden schaffen könnten.

Auch ein Gesundheitssystem, das international gelobt wird, kann überfordert werden.

Es war Gesundheitsminister Jens Spahn, der den Worst case hier bei uns vor Kurzem ausdrücklich nicht ausgeschlossen hat: Dass Intensivbetten und Beatmungsgeräte nicht für alle reichen. Eine Entscheidung darüber, wer gerettet wird und wer nicht, wolle man unbedingt vermeiden, so Spahn. Nicht gerade beruhigend!

Krisen zeigen Defizite. Krisen legen schonungslos offen, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist. Krisen lassen Versäumnisse sichtbar werden.

Improvisieren in der großen Krise

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Unsere Helden der Gegenwart, Mediziner und Pflegepersonal, werden jetzt in der großen Krise improvisieren müssen.

Weil die Pandemiepläne viel zu spät aus der Schublade geholt wurden. Weil nicht genügend Fachkräfte da sind. Weil es nicht nur an Schutzmaterial fehlt. Weil Schulungen in Krankenhäusern ausfielen, da diese bis zuletzt nicht auf planbare Operationen verzichten wollten. Nicht verzichten konnten, würden die Chefs dieser Häuser argumentieren.

Hier zeigt sich die Perversion eines durchökonomisierten, in Teilen dysfunktionalen Systems. Auch unsere Krankenhäuser sind krank. Krank gemacht haben sie ökonomische Fehlanreize.

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Ein näherer Blick auf das Coronavirus
0:56 min
Die Coronakrise hält Deutschland, Europa und die Welt in Atem und legt das öffentliche Leben weitgehend lahm. Hier ein näherer Blick auf den Übeltäter.  © Reuters

Über Therapien und Operationen wird längst nicht allein nach medizinischem Nutzen entschieden, sondern auch danach, wie lukrativ sie sind. Über Jahre hinweg sind die Länder ihrer Verantwortung, in die Krankenhäuser zu investieren, nicht oder nicht vollständig nachkommen.

Vergangenen Sommer hat eine Studie für Schlagzeilen gesorgt, der zufolge rund die Hälfte aller Krankenhäuser zwischen Flensburg und Garmisch verzichtbar wären. Nie in der Geschichte der Bundesrepublik waren Kliniken wichtiger als heute. Verzichtbar allerdings sind Krankenhäuser, die sich einen ruinösen Wettbewerb liefern und nicht alle Kräfte für die Grundversorgung mobilisieren, auch für die mit Intensivmedizin.

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Nicht genügend Fachkräfte

Wenn es darum geht, insbesondere das stark belastete Pflegepersonal besser zu bezahlen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, ist es in der Vergangenheit meist nur bei Sonntagsreden geblieben. Als Gesundheitsminister Spahn vor einiger Zeit Mindest-Personalvorgaben für Intensivstationen machte, war die Folge, dass mehr als ein Drittel der Krankenhäuser Betten vorübergehend stilllegte. Schlicht und einfach, weil es nicht genügend Fachkräfte gab.

Dass der gleiche Minister gezwungen war, angesichts des bevorstehenden Höhepunkts der Corona-Epidemie genau diese Personaluntergrenzen wieder aufzuheben, zeigt die Dimension der Misere und des Mangels in den Krankenhäusern. Sobald diese Krise ausgestanden ist, braucht Deutschland eine große Klinik-Reform.

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