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Die Rache der Ein-Kind-Politik: Warum China mit einer sinkenden Einwohnerzahl rechnen muss

  • Chinas Bevölkerung wird rasant älter und kinderloser.
  • Die demografische Zeitbombe bedroht den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes.
  • Im Gegensatz zur Ein-Kind-Politik lassen sich die chinesischen Bürger nicht zu mehr Nachwuchs zwingen.
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Peking. Mit großer Sorge muss Pekings Staatsführung derzeit feststellen, dass die Bevölkerung zwar mit drakonischen Maßnahmen zu einem einzigen Kind pro Familie gezwungen werden kann, doch im Gegensatz dazu lässt sich eine Anhebung der Geburtenrate nicht einfach so von oben anordnen.

Auch wenn die Behörden die Daten ihrer jüngsten Volkszählung noch vor der Öffentlichkeit geheim halten, steht bereits jetzt fest: Noch nie seit rund 60 Jahren, also seit der Zeit der großen Hungersnöte, haben die Chinesen weniger Kinder bekommen als jetzt. In mehreren Städten der wohlhabenden Ostküstenprovinz Zhejiang ist die Anzahl an Neugeborenen gar um rund 20 Prozent zurückgegangen.

Chinas Einwohnerzahl wird sinken

Zu Beginn der Woche sorgte die „Financial Times“ mit der Nachricht für mediale Schockwellen, dass es erstmals zu einem Bevölkerungsrückgang gekommen sei. Die Regierung dementierte daraufhin umgehend, doch aus wirtschaftlicher Sicht lieferte auch sie keine guten Nachrichten: Bereits 2022 werde Chinas Einwohnerzahl schrumpfen, weitaus früher als erwartet.

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Die chinesische Akademie für Sozialwissenschaften hatte in ihren Prognosen geschätzt, dass der Wendepunkt in der Bevölkerungsentwicklung erst 2027 eintreten würde.

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„Viele Frauen in meinem Umfeld wollen zwar Kinder haben, aber nicht mehr als eins“, sagt die 30-jährige Wu Fang, die in Peking als Büroangestellte arbeitet: „Das hat vor allem mit den hohen Kosten zu tun. Und natürlich damit, dass man wegen der Arbeit kaum Zeit für die Erziehung hat.“ Wu selbst wünscht sich in Zukunft zwar auch Nachwuchs, doch so richtig konkret habe sie darüber noch nicht nachgedacht.

Offiziell liegt die Geburtenrate in China bei durchschnittlich 1,8 Kindern pro Frau. Doch im März ging aus einem Papier der Zentralbank hervor, dass sich der tatsächliche Wert womöglich unter 1,5 befindet.

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Bevölkerungsrückgang bedroht Chinas Wirtschaftswachstum

Natürlich ist dies für eine rasant anwachsende Weltgemeinschaft alles andere als eine Hiobsbotschaft. Für die chinesische Volkswirtschaft hingegen schon: Nichts bedroht das langfristige Ziel Chinas, die Vereinigten Staaten ökonomisch zu überholen, stärker als sein demografischer Wandel.

„Sinkende Geburtenraten und die schnell alternde Bevölkerung werden in den nächsten Jahrzehnten einen starken Gegenwind für das Wachstum darstellen“, heißt es vom Beratungsinstitut Trivium China.

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Bis vor fünf Jahren galt in China eine drakonische Ein-Kind-Politik, was zu unzähligen Zwangsabtreibungen und einem Männerüberschuss von über 30 Millionen geführt hat.

Mehr noch hat sich die fehlgeleitete Politik als absolut kontraproduktiv herausgestellt: Auch wenn Chinesen mittlerweile längst zwei Kinder haben dürfen, wollen sie es schlicht nicht mehr. Als Hauptgründe werden die hohen Wohnkosten in den Städten sowie immense Ausgaben für die Schulbildung genannt.

Feministinnen werden zensiert

Die staatlichen Medien des Landes propagieren zunehmend traditionelle konfuzianische Familienwerte und preisen Frauen in ihrer Mutterrolle. Gleichzeitig werden Feministinnengruppen – insbesondere solche, die öffentlich ihre Kinderlosigkeit nach außen propagieren – aus dem öffentlichen Diskurs verbannt. Immer wieder löschen die Zensoren entsprechende Accounts auf sozialen Medien.

Generell spiegelt die demografische Transformation auch einen fundamentalen Wertewandel wider: Im vergangenen Jahr haben nur 8,1 Millionen Paare geheiratet, was den niedrigsten Wert seit fast zwei Jahrzehnten darstellt.

Junge Frauen sehen es nicht mehr als unbedingtes Muss an, einen Ehemann zu finden. Laut einer aktuellen Umfrage eines Jobrekrutierungsportals war der mit Abstand wichtigste Grund, nicht heiraten zu wollen, dass es „die Lebensqualität reduzieren“ würde.

China setzt noch nicht auf Migration

Natürlich könnte die chinesische Staatsführung den Bevölkerungsrückgang mit Migration kompensieren, doch bislang gibt es dafür keinerlei Anzeichen. Denn Ausländer bedeuten für die kontrollwütige bis teilweise nationalistische Staatsführung eine potenzielle Bedrohung für die „gesellschaftliche Stabilität“.

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Das Rentenalter anzuheben wird ebenfalls eine schwer zu bewältigende Mammutaufgabe. Denn zum einen sind die Pensionskassen leer, und zum anderen sind die meisten jungen Familien von den Großeltern abhängig, die sich um die Kinderfürsorge kümmern müssen.

Stattdessen setzt die Staatsführung – und auch etliche Techunternehmen – auf eine noch offene Wette: Mit künstlicher Intelligenz und hochgradiger Automatisierung sollen die bald knapp werdenden Arbeitskräfte kompensiert werden.

Noch stecken die Bemühungen in den Kinderschuhen, jedoch werden sie zunehmend ambitionierter: So werden bereits Roboter in Restaurantküchen und in Hotellobbys eingesetzt, auch „smarte“ Fabriken fungieren in China zunehmend autonom. Der Bedarf für die Technologie wäre schon bald hinlänglich gegeben: Bis Ende der laufenden Dekade wird die Anzahl an Arbeitskräften in China jährlich um gut 0,5 Prozent sinken.

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