Coronavirus und Börsenabsturz: Chinas schwarzer Schwan

  • Wer im Kampf gegen das Coronavirus Infektionsketten unterbrechen will, muss auch Lieferketten unterbrechen.
  • Was aber passiert, wenn Investoren und Finanzmärkte dann weltweit die Nerven verlieren?
  • Die ökonomischen Folgen der Viruskrise könnten am Ende schlimmer sein als die medizinischen, warnt Matthias Koch.
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Wochenlang kämpfte China nicht gegen ein Virus an, sondern gegen die Wahrheit. Dass sich schon zur Jahreswende ein gefährlicher neuer Erreger ausbreitete, wollte die Obrigkeit anfangs unter den Teppich kehren. Den ersten Arzt, der wegen des Coronavirus Alarm schlug, brachten Polizisten zum Schweigen.

Das verlogene Herangehen passte zur Ideologie von Staatschef Xi Jinping: Nichts soll den Eindruck der „harmonischen Gesellschaft“ trüben, in der alles sich mit wundersamer Stetigkeit entwickelt: Wohlstand, Wachstum, Sicherheit.

All dies ist jetzt in Gefahr. Chinas Führung erlebt etwas, womit sie nicht umgehen kann: den Einbruch des Unerwarteten ins Geplante. Der damit verbundene destabilisierende Effekt ist für Xi und sein System noch schlimmer als alle freiheitlichen und aufklärerischen Vibrationen, ob aus Hongkong oder Taiwan. Die Viruskrise ist ein umfassender, an allen bisherigen Berechnungsgrundlagen rüttelnder Schwarzer-Schwan-Moment – für China und für die gesamte Welt.

In seinem Weltbestseller „Der schwarze Schwan“ beschrieb der Philosoph und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb bereits im Bankenkrisenjahr 2008 „die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“. Sie sind zum Glück selten. Sie treten völlig überraschend ein. Und sie können katastrophale Folgen haben. Talebs Quintessenz lautete damals: Die Vorhersehbarkeit von Entwicklungen aller Art wird generell überschätzt. Die eigentliche Kunst der Politik liege darin, robuster zu werden für den Fall des Unwahrscheinlichen.

Chinas Schulden stürmen himmelwärts

In diese Richtung allerdings hat sich die Welt gerade nicht entwickelt. Im Gegenteil. Aktienkurse und Immobilienpreise sind heute aufgeblasen wie noch nie. Viele Private, Firmen, Staaten und neuerdings sogar die Notenbanken machen fröhlich Schulden, als gäbe es kein Morgen. Die USA lassen derzeit mitten im Boom das größte Staatsdefizit seit dem Zweiten Weltkrieg entstehen. Auch Chinas Schulden stürmen himmelwärts. An diesem Montag soll Chinas Zentralbank noch einmal frische 156 Milliarden Euro ins Finanzsystem schütten, um alle Beteiligten bei Laune zu halten – trotz der unschönen Bilder von Menschen mit Masken vor dem Gesicht.

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Was aber, wenn trotzdem allzu viele Anleger gleichzeitig die Nerven verlieren? Das Finanzwesen ist weniger berechenbar als viele denken. Da geht es mitunter um diffuse Stimmungen, Strömungen und Erwartungen. Was, wenn der ebenso düstere wie aber letztlich auch unabweisbare Gedanke um sich greift, dass man zur Unterbrechung der globalen Infektionsketten wohl oder übel auch die globalen Produktions- und Lieferketten unterbrechen muss?

Die Viruskrise könnte, wenn es schlecht läuft, die gesamte Weltwirtschaft kollabieren lassen. Wenn der schwarze Schwan sich zeigt, sind neben den ökonomischen auch die politischen Konsequenzen unkalkulierbar. Seufzend haben viele Chinesen sich damit arrangiert, dass der Staat sie auf Schritt und Tritt überwacht. Im Gegenzug versprach das System ihnen Sicherheit. Was aber, wenn sich in China künftig nur noch Negatives addiert: Angst plus Armut plus Diktatur? Die Rechnung von Präsident Xi geht dann nicht mehr auf.

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