Chinas Tibet-Vision – der überraschende Besuch des Xi Jinping

  • Seit Jahrzehnten herrscht die Kommunistische Partei in Tibet mit eiserner Hand.
  • Sie hat die Region wirtschaftlich entwickelt – und kulturell assimiliert.
  • Zum 70. Jubiläum der „friedlichen Befreiung“ stattete Staatschef Xi Jinping Tibet einen Besuch ab.
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Peking. Der Besuch war derart heikel, dass die Ankunft Xi Jinpings erst zwei Tage später von den Staatsmedien publiziert wurde. Am Freitag schließlich verbreitete die Nachrichtenagentur Xinhua Videos des chinesischen Staatspräsidenten am Flughafen von Nying­chi: Xi wird dort von erratisch jubelnden Massen in traditioneller tibetischer Volkstracht begrüßt. Die Szenen erinnern in ihrem exzessiven Führerkult auf befremdliche Weise an nordkoreanische Propaganda.

Doch historisch ist die Visite in der Unruheregion allemal: Seit 1990 war schließlich kein chinesischer Staatschef mehr nach Tibet gereist. Auch Xi, der zwar 1998 und zuletzt 2011 zu Besuch kam, tut dies nun erstmalig als Präsident. Der Zeitpunkt ist natürlich kein Zufall: Vor 70 Jahren nämlich hatte die chinesische Volksbefreiungsarmee Tibet „friedlich befreit“, wie es in der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes heißt.

Damals unterschrieb der junge Dalai Lama das sogenannte 17-Punkte-Abkommen, in dem Tibet die Souveränität der Region im Austausch für Autonomie zugesichert wurde. Doch genau wie den Übergabevertrag der einst britischen Kronkolonie Hongkongs hat Chinas Staatsführung auch das Autonomieversprechen an Tibet schon bald gebrochen.

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1959 schlug die Armee den ersten Volksaufstand blutig nieder und verschärfte seither seine Präsenz. Immer wieder machen Mönche mit Selbstverbrennungen auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam, Exilorganisationen prangern Verhaftungswellen an. Bis heute ist die Region für ausländische Journalisten nicht zugänglich.

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Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Zhang Yun, einer der führenden Tibetologen Chinas, hält die vergangenen Jahrzehnte in Tibet für ein erfolgreiches Beispiel wirtschaftlicher Entwicklung: Die Partei führte erstmals ein flächen­deckendes Gesundheitssystem, Schulen, moderne Infrastruktur und Behausungen ein.

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Nato sieht China als „systemische Herausforderung“
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Die Nato sieht in politischen, wirtschaftlichen und militärischen Entscheidungen systematische Herausforderungen.  © Reuters
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Die ökonomischen Errungenschaften haben auch die Staatsmedien beim jetzigen Besuch Xi Jinpings propagiert, allen voran die erste Schnellbahnstrecke in die Provinzhauptstadt Lhasa. Sie war ein „Geschenk der Partei“ zu deren 100-jährigem Gründungs­jubiläum.

Traditionen gegen Wirtschaftswachstum

Was im offiziellen Narrativ jedoch verschwiegen wird, sind die Schattenseiten jener Entwicklung. So wurde wenig Rücksicht auf kulturelle Befindlichkeiten und die Bedürfnisse des Individuums genommen. Ganze Bergdörfer wurden in tiefer gelegene Städte umgesiedelt, auch gegen deren Widerstand. „Wir wollen nur, dass sie neue Möglichkeiten bekommen, reich zu werden“, sagt Zhang – und wiederholt es mantraartig: Reich werden, darum ginge es doch den Leuten.

Daran zeigt sich die marxistische Weltsicht der chinesischen Staatsführung, auch wenn ihr staatlich gelenkter Kapitalismus mittlerweile nurmehr wenig mit dem Kommunismus des ideologischen Gründungsvaters zu tun hat. Doch sie sieht den Menschen vornehmlich durch seine ökonomischen Verhältnisse determiniert, während die ethnische und kulturelle Identität geradezu negiert wird. Die Leute sollen wohlhabend werden; und wenn die Religion dabei hinderlich ist, dann wird sie für rückständig erklärt und mit Repressalien belegt.

Viele der Unterdrückungsmaßnahmen, die derzeit in der muslimischen Provinz Xinjiang Anwendung finden, wurden ursprünglich in Tibet erprobt. Und auch wenn diese dort subtiler umgesetzt werden, sind die Ziele dieselben: absolute Loyalität zur Volksrepublik unter der KP herzustellen und die Kultur und Religion weitestgehend zu „sinisieren“. Sprich: Der tibetische Buddhismus wird auf dem Papier geduldet, doch ist wenig mehr als eine folkloristische Fassade.

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Datenleck belegt Ausmaß der Unterdrückung der Uiguren in China
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Ein Datenleck in der chinesischen Regierung hat das Ausmaß der Unterdrückung und Überwachung der muslimischen Minderheit der Uiguren in China offengelegt.  © AFP

Zhang sagt in seiner euphemistischen Sprache: „Es ist wichtig, mit der Zeit zu gehen. Der Buddhismus wurde lokal integriert und an das System angepasst: China ist ein sozialistisches System. Manche Aspekte des Buddhismus passen nicht in das sozialistische System.“

Wie dies ausschaut, zeigte sich bei einer jüngst von der Regierung organisierten Pressereise. Überall prangt in Tibet nun das Konterfei Xi Jinpings auf Plakaten und Propagandabannern: in den Klassenzimmern, über religiösen Stätten und selbst im Schlafzimmer eines tibetischen Mönchs. „Xi Jinping ist mein spiritueller Führer“, sagte damals ein Mönch gegenüber einem mitfahrenden Reporter der Nachrichtenagentur Reuters.

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