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Fünf Jahre nach Anschlag: Was von „Charlie Hebdo“ geblieben ist

  • Als vor fünf Jahren zwei Terroristen das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ angriffen, ging der Solidaritätsslogan „Ich bin Charlie“ um die Welt.
  • Doch wie viele kannten das Blatt wirklich?
  • Und wie hat sich das heute verändert?
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Paris. „Skandal!“, titelte „Charlie Hebdo“ in seiner Ausgabe vor den Feiertagen. „Der kleine Jesus wird Weihnachten nicht mit seiner Familie verbringen können.“ Illustriert wurde diese unfrohe Botschaft mit der Zeichnung eines nackten Wesens, halb Baby, halb Mann, das einen Heiligenschein über dem Kopf und Flügel an den Schultern trägt und mit zornigem Gesichtsausdruck an einem einsamen Zuggleis wartet.

Das Titelblatt, das auf den auch über die Festtage fortgesetzten Streik der französischen Eisenbahner gegen die Rentenreformpläne der Regierung anspielte, transportierte zwei „Charlie“-typische Kernthemen, die seit jeher in der DNA des Magazins eingeschrieben sind: die Nacktheit als ewig provozierender Hingucker und Ausdruck eines bewusst vulgären Humors, der manche amüsiert und andere abstößt. Im Fall des nackten Christkindes wirkt das noch harmlos, aber die Titelseite zum Anlass der Frauen-Fußball-WM im Sommer 2019 mit einer Vagina in Nahaufnahme, aus der ein Fußball schlüpft, erregte mal wieder Empörung.

Neben diesem permanenten Wandeln entlang der Gürtellinie oder gerne auch darunter gilt als Markenzeichen die freimütige Verspottung der Religionen – und zwar aller Religionen.

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Zwölf Menschen starben, elf weitere wurden zum Teil schwer verletzt

„Charlie Hebdo“ bezeichnet sich selbst als „satirisches und laizistisches Magazin“, das stets das Eindringen des Religiösen in die öffentliche Sphäre kritisierte. 2006 druckte es die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten nach und verzichtete auch in der Folge nicht auf Verunglimpfungen von Religionsvertretern.

Vor genau fünf Jahren, am 7. Januar 2015, bezahlte es teuer dafür. Die erste Konferenz des Jahres lief gerade mit den üblichen Diskussionen und Witzeleien, als die Brüder Saïd und Chérif Kouachi mit Kalaschnikows bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und drauflos schossen. Sie töteten zwölf Personen, darunter zwei Polizisten, und verletzten elf weitere teils schwer.

„Wir haben den Propheten gerächt“, riefen die Täter, bevor sie flohen und zwei Tage später in ihrem Versteck rund 40 Kilometer von Paris von Sicherheitskräften getötet wurden. Ein weiterer Terrorist, Amedy Coulibaly, erschoss am 8. Januar 2015 eine Polizistin auf der Straße und ermordete am Folgetag bei der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt vier Menschen, bevor ihn die Polizei erschoss.

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Trotz Angst und Trauma – „Charlie Hebdo“ lebt
1:49 min
Vor fünf Jahren sorgte der Anschlag auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ für einen weltweiten Schock.  © Birgit Holzer/Afp

Diese Vorfälle vom Januar 2015 haben über die französischen Grenzen hinaus zutiefst erschüttert. Sie galten als Auftakt einer blutigen Terrorserie von islamistisch motivierten Morden, die sich in der Folge nicht nur in Frankreich, sondern auch in Belgien, Großbritannien und London ereigneten.

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Am Wochenende danach kamen Millionen Menschen sowie auf Einladung des damaligen französischen Präsidenten François Hollande zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt zu Solidaritätskundgebungen für die Terroropfer. In der Folgewoche produzierte „Charlie Hebdo“ eine „Ausgabe der Überlebenden“ mit einer Auflage von acht Millionen und in sechs verschiedenen Sprachen, die einen weinenden Propheten Mohammed zeigte: „Alles ist vergeben“, stand auf dem Titel.

War das Magazin gerade noch dem Bankrott nahe gewesen, so nahm es nun Spenden in Höhe von insgesamt 4,3 Millionen Euro ein. Das Schlagwort „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) in weißen Lettern auf schwarzem Hintergrund ging um die Welt. Doch wie viele der Menschen, die sich zu uneingeschränkter Solidarität mit dem Magazin bekannten und damit stellvertretend zur Presse- und Meinungsfreiheit, wussten, wer oder was „Charlie“ überhaupt war?

„Es stimmt, dass wir manchmal lustiger dabei waren, die Zeitung zu machen, als dann in der Zeitung selbst.“

Renaud Luzier (Luz), 23 Jahre lang Mitarbeiter von "Charlie Hebdo"

Diese Frage stellte sich Luz, als er sich inmitten dieser Welle der nie gekannten Zuneigung wiederfand. Renaud Luzier, wie sein voller Name heißt, arbeitete 23 Jahre lang für das Satiremagazin und kam am Morgen des 7. Januar 2015, seinem Geburtstag, mit Verspätung in die Redaktionskonferenz – nach dem Blutbad. Er blieb am Leben, verlor aber viel: Seine Kollegen, die zugleich seine Freunde waren, und den Halt. Die schwere Verarbeitung des Traumas beschrieb Luz in dem berührenden Comicbuch „Katharsis“.

2018 brachte er einen weiteren Erwachsenencomic über „Charlie Hebdo“ heraus, der im Herbst auf Deutsch unter dem Titel „Wir waren Charlie“ erschienen ist. „Unauslöschbar” heißt das Buch auf Französisch – unauslöschbar wie die schwarze Farbe an den Fingern von Charb, dem früheren Chefredakteur, einem der Todesopfer. Unauslöschbar wie die Erinnerungen an ihn und die anderen ermordeten Zeichen-Ikonen wie Georges Wolinski oder Jean Cabut, den man liebevoll Cabu nannte.

Luz öffnet den Blick hinter die Kulissen eines Magazins, in dem viel gelacht und herumgealbert, aber auch hart gearbeitet wurde. Man war politisch (links) engagiert, ging mit dem Zeichenstift auf Reportagereisen und setzte sich keine Grenzen: je derber und anzüglicher die Ideen, desto besser. „Es stimmt, dass wir manchmal lustiger dabei waren, die Zeitung zu machen, als dann in der Zeitung selbst“, räumt Luz heute ein.

Viele der besten Zeichner und Karikaturisten sind tot

Diese Kritik gegen „Charlie Hebdo“ gab es seit jeher: Dass Witze, die auf Kosten anderer gehen, schal klingen und verletzen können. So wie eine Karikatur vom 1. Dezember 2019, gegen die der Stabschef der Landstreitkräfte, Thierry Burkhard, in einem offenen Brief protestierte. „Ich habe mich den Truppen angeschlossen, um aus der Masse herauszustechen“, stand über einem Sarg, der mit der französischen Flagge umwickelt war. Darunter prangte eine vermeintliche Werbung: „Die Landstreitkräfte rekrutieren: 15.000 Posten“. Kurz zuvor waren 13 französische Soldaten bei einem Militäreinsatz in Mali getötet worden.

„Charlie Hebdo“ hatte gemacht, was seit jeher sein Kerngeschäft war: provozieren, aufregen, aufrütteln. Für viele ist die Zeitung aber nur noch ein müder Abklatsch von früher. Viele der besten Zeichner und Karikaturisten sind tot – und ließen sich nicht ersetzen. Über das eingesammelte Geld und deren Aufteilung zerstritt sich die Redaktion. Luz, der nach dem Attentat vergeblich für eine Pause plädiert hatte, um neue Kraft zu sammeln, liest das Magazin nicht mehr, hat sämtliche Kontakte abgebrochen. Auch andere „Überlebende“ verfassten inzwischen Bücher über ihren Umgang mit dem Erlebten.

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Deutschsprachige Ausgabe nach einem Jahr wieder eingestellt

Aufgrund der großen Anteilteilnahme aus Deutschland entstand nach dem Anschlag eine deutschsprachige Ausgabe, die teils eigens angefertigte Karikaturen, teils Übersetzungen aus der französischen Version zeigte, aber nach einem Jahr wieder eingestellt wurde: Der „Charlie“-Humor kam rechts des Rheins, wo die Comic-Kultur nicht so stark ausgeprägt ist, weniger an.

Die damals für die deutsche Ausgabe zuständige Chefredakteurin Romy Straßenburg schrieb in ihrem Buch „Adieu Liberté“, es sei „eine verdammte Last in deinem Kopf“, zum Symbol der Pressefreiheit zu werden. „Charlie“ habe keine moralische Überlegenheit gepachtet und mache einen nicht zum besseren Menschen, so Straßenburg: „Die Arbeit ist nicht ausschließlich spannend. Es gibt ätzende Kollegen, angespannte Stimmung, zugeworfene Türen.“ Demnach handelte es sich um eine Zeitung wie jede andere – die dennoch weiter ihr besonderes Schicksal zu schultern hat. Und daran wird der 7. Januar besonders erinnern.

Buchtipps:

  • Luz: Wir waren Charlie. Aus dem Französischen von Vincent Julien Piot, Tobias Müller und Karola Bartsch. Reprodukt Verlag, 320 Seiten, 29,- Euro
  • Luz: Katharsis. Übersetzt von: Uli Aumüller, Grete Osterwald. Fischer Verlag. 128 Seiten. 16,99 Euro
  • Romy Straßenburg: Adieu Liberté. Wie mein Frankreich verschwand. Ullstein Buchverlage. 240 Seiten. 18 Euro (D), 18,50 Euro (A)
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