Junge Union mit Wut zum Neuanfang

  • Die Nachwuchsorganisation von CDU und CSU rechnet wegen der Wahlniederlage mit Parteioberen ab.
  • Mögliche Laschet-Nachfolger laufen sich beim „Deutschlandtag“ in Münster warm.
  • Nach dem Applaus zu urteilen, kommen für die JU dafür nur zwei Männer infrage.
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Münster. Freddy Paul lässt es richtig krachen. Es ist der Moment, als sich auf dem „Deutschlandtag“ der Jungen Union die ganze Wut, die Enttäuschung und die Ratlosigkeit über den Absturz von CDU und CSU bei der Bundestagswahl entladen. Es ist die erste Wahlniederlage, die diese JU-Generation erlebt. 16 Jahre war sie auf der Siegerseite. Jetzt gibt es nichts zu feiern. Die Parteinachwuchs muss sich Gedanken über seine Zukunft machen. Das beginnt mit einer Breitseite gegen die Parteiprominenz.

Die meiste Prügel beziehen die Generalsekretäre und Wahlkampfmanager der Schwesterparteien, Paul Ziemiak und Markus Blume. „Ihr beide habt es zu verantworten, dass in diesem Bundestagswahlkampf die Jusos und Olaf Scholz geschlossener waren als CDU und CSU. Das ist eine absolute Frechheit“, schimpft der JU-Landesvorsitzende aus Nordrhein-Westfalen, Johannes Winkel.

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Generalsekretäre im Kreuzfeuer – Aussprache beim Deutschlandtag der Jungen Union
6:20 min
Die beiden Generalsekretäre von CDU und CSU sprechen im RND-Interview nach einer harten Debatte mit der Jungen Union beim Deutschlandtag in Münster.  © RND
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CSU-Chef Markus Söder bleibt in sicherer Entfernung. Ausgerechnet er, den die JU als Kanzlerkandidat haben wollte, hat seinen Auftritt abgesagt. Eine Frage des Charakters, wird über Söder jetzt gesagt. Er verliert an Achtung in der JU. Der Verlierer Armin Laschet gewinnt an Sympathie. Der erfolglose Kanzlerkandidat übernimmt in Münster die volle und alleinige Verantwortung für die Wahlniederlage. Er wird dafür gefeiert wie im ganzen Wahlkampf nicht, der aus JU-Sicht „Kuschelkurs“ statt „Kampfanzug“ war.

Spahn, Merz, Brinkhaus und Linnemann dürfen Reden halten – Norbert Röttgen nicht

Der 60-Jährige sieht bedrückt aus und versprüht Wehmut. Wäre es für ihn doch nur der Applaus als Sieger gewesen. Nun will und muss er das Verfahren moderieren, wer ihm nachfolgen soll. Dafür laufen sich vor der Jungen Union eine ganze Reihe Männer aus Nordrhein-Westfalen warm. Die JU will eine Mitgliederbefragung. Laschet äußert sich skeptisch dazu. Geklärt wird das am 2. November.

Es wird ein interessantes Stimmungsbild, wie die jungen Männer und Frauen die möglichen Anwärter bewerten. Alle sind nach Münster gekommen. Auch Norbert Röttgen, den die JU zwar eingeladen, aber nicht als Redner auf die Bühne gebeten hat. Das lässt tief blicken. Jens Spahn, Friedrich Merz, Ralph Brinkhaus, Carsten Linnemann dürfen Reden halten.

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Aber erst einmal zu Freddy Paul. Frederik, heiße er eigentlich, sagt er später im Gespräch mit dem RND, als sich die erste Aufregung gelegt hat. Aber sie nennen ihn nun eben alle Freddy. 25 Jahre alt, im Masterstudiengang Politikwissenschaft, Gemeinderatsmitglied in Alpen, NRW. Er geht ans Mikrofon und beklagt sich über die Inhaltsleere von CDU und CSU. Er hat eine Minute Zeit.

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CDU und CSU – Parteien ohne Position?

Die rund 300 Delegierten sind beim Tagesordnungspunkt Scherbengericht angekommen. Ziemiak und Blume sollen erklären, wie die Union zum Ende der Ära Merkel so tief sinken konnte.

Paul zückt ein Papier mit Fragen beim „Wahl-O-Mat“ der Bundeszentrale für politische Bildung – das Onlineprogramm für Menschen, die dort die Schnittmengen ihrer Meinung mit den Positionen der Parteien checken können. Nur CDU und CSU kommen da wenig vor.

Paul legt los: „Mindestlohn – die Union, keine Position!“, Digitalsteuer – die Union, keine Position!“, „Paritätisch besetzte Wahllisten – die Union, keine Position!“, „Agrarsubventionen für ökologische oder konventionelle Landwirtschaft – die Union keine Position!“ Mit jedem Punkt wird der Beifall für ihn lauter – Gradmesser für Frust.

Generalsekretäre bekommen Kritik, Brinkhaus und Merz verlieren Gunst der JU

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Blume und Ziemiak geben den Delegierten zu verstehen, dass das an den komischen Fragen der Bundeszentrale für politische Bildung gelegen habe, die einfach nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden könnten. Der Saal kocht. Die jungen Leute scheuen sich nicht vor einer kritischen Position, sie haben Angst davor, dass es keine Antworten gibt.

Hart gehen sie auch Unionsbundestagsfraktionschef Brinkhaus an. Sie wollen klare Aussagen, eine Meinung, eine Haltung. Er drückt sich aber um seine Einstellung zur JU-Forderung nach einer Mitgliederbefragung über den nächsten Parteivorsitzenden und dazu, ob es eine Doppelspitze geben sollte. JU-Chef Tilman Kuban bittet ihn auf der Bühne noch persönlich um eine Antwort. Aber Brinkhaus windet sich raus. Kuban schüttelt mit dem Kopf. Es steht wie ein Nein der JU zu Brinkhaus als möglichem Parteichef.

Auch der einstige Stern am Himmel der JU, Friedrich Merz, scheint zu sinken. Vorbei der frenetische Jubel, mit dem die JU ihn früher feierte. In Münster sprechen sie auf den Fluren davon, dass er ihre Welt nicht mehr verstehe. Kuban nennt ihn einen guten „Berater“ und Unterstützer. Vor einem Jahr hatte die JU in einer eigenen Mitgliederbefragung Merz noch zum Favoriten für den Parteivorsitz gekürt.

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Jens Spahn: „Wir können das schaffen“

Jens Spahn wird zur Musik von Kanye West empfangen: „Stronger“. Der 41-Jährige sagt: „Wir müssen uns aus dem ziemlichen Mist wieder rausarbeiten. Wir können das schaffen.“ Er legt einen Kompass für die Partei vor: Teamgeist, Korpsgeist, Leistungs­verständnis, Familie, verpflichtendes Gesellschafts­jahr, Sicherheit, Vielfalt, Gleich­berechtigung. Und dann noch dieser Satz: „Ich habe Lust darauf, die neue CDU zu gestalten.“ Das hört sich nach Bewerbung an. Aber auch Spahn wurde schon stärker beklatscht.

Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann hingegen wird umjubelt. Der 44-jährige Vorsitzende der Mittelstandsunion stellt das Rentensystem infrage und spricht das strittige Thema Verbeamtungen an. Die Union müsse „auch die ganz heißen Eisen“ anfassen.

Frederik Paul findet das gut und fängt gleich an. „Wir müssen nicht immer nur sagen, dass wir neue Köpfe brauchen, sondern auch, wer weg muss.“ Wer? „Ziemiak und Blume.“ Heißes Eisen.

Den wohl größten Beifall erntet aber Otto Wulff. Er schwört: „Wir kommen wieder.“ Er muss es wissen. Er ist 88 Jahre alt und und seit 69 Jahren Mitglied der CDU. Der Vorsitzende der Senioren-Union hat alles erlebt in und mit der Partei. Aufstieg, Abstieg. Und dann auch wieder Aufstieg.

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