Kampf um CDU-Vorsitz: Das Zaudern des Friedrich Merz

  • Es hätte sein Abend werden können.
  • Bei einem Heringsessen der CDU in Ueckemünde sickert die Nachricht durch, Friedrich Merz wolle erneut für den CDU-Vorsitz kandidieren.
  • Doch Merz äußert sich dazu mit keinem Wort.
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Berlin. Man kann ihm eigentlich nicht vorwerfen, zögerlich oder zaudernd zu sein. Nach dem Rückzug von Angela Merkel vom Parteivorsitz der CDU Ende 2018 war es Friedrich Merz, der überraschend als Erster seinen Hut in den Ring warf, sich für die Nachfolge warm lief und damit alle verblüffte.

Doch an diesem Montagabend in Ueckermünde an der Ostsee zögert er. Die CDU hat zum traditionellen Heringsessen geladen. Gemeinsam mit Philipp Amthor, dem Gastgeber des Abends, hat sich Merz kurz vor Beginn der Veranstaltung in einen abgetrennten Nebenbereich des Restaurants Strandhalle zurückgezogen. Soeben haben die Agenturen gemeldet, dass Merz am Dienstagmorgen in Berlin seine neuerliche Kandidatur für den CDU-Vorsitz erklären wird.

Merz will sich in Ueckermünde noch nicht erklären

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Für eine Weile beratschlagt er sich mit Amthor. Soll er heute schon? Oder doch nicht? Beide stehen neben einem Tisch mit Pellkartoffeln, Matjes und belegten Brötchen. Merz schüttelt den Kopf. Nicht hier und nicht heute, soll das wohl bedeuten.

Zug zum Tor demonstriert der frühere Fraktionschef der Union im Bundestag dennoch. Und Amthor gibt den Vorlagengeber. Als beide den Nebenbereich verlassen haben und vor die geladenen Gäste treten, schwärmt der junge Amthor vom alten Merz. Merz sei ein Mann “mit messerscharfem Verstand und klarer Sprache”. Ein Mann, der es schaffe, “pointiert zu analysieren und klar zu artikulieren”. Amthor überschlägt sich fast: “Wir als Ueckermünder CDU sind stolz, dass Sie heute bei uns sind”, und in der Strandhalle brandet Applaus auf.

Die CDU feiert Merz wie einen Heilsbringer

In Ueckermünde verehren sie Merz wie einen Heilsbringer. Eigentlich hatte er sich vor zehn Jahren aus der Politik bereits verabschiedet. Nun präsentiert er sich als der Mann, der die Union im Alleingang vor dem Untergang retten will, ihre Werte und ihr Selbstbewusstsein als letzte verbliebene Volkspartei wieder aufpolieren möchte. Seine Rede ist ein Ritt durch die Krisen der Zeit. Der 64-Jährige arbeitet sich an Trump ab, verkündet das Ende der Pax Americana, kritisiert Greta Thunberg als undankbar und ungeduldig, verteidigt deutsche Ingenieurs-Tugenden und sagt den Grünen den Kampf an.

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Das Wahlergebnis von Hamburg nennt Merz “eine Katastrophe, ein Desaster”. Aber ein Detail sei dann doch hochinteressant: “Die Grünen sind in den Umfragen eigentlich immer stärker als bei den Wahlen”, ruft er: “Es gibt überhaupt keinen Grund, in Angst und Schrecken vor den Grünen zu sein.” Mit denen eine richtig harte Auseinandersetzung zu haben – “da freue ich mich richtig drauf”, sagt Merz.

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Merz gibt sich als Versöhner

Besonders freut ihn, dass endlich der Zeitplan für die Nachfolge von Annegret Kramp-Karrenbauer feststeht. Wichtig sei jedoch nicht der 25. April, an dem der neue CDU-Chef gewählt werden soll. Wichtig sei der 26. April. Da komme es darauf an, wie sich die CDU als Team geschlossen für den kommenden Bundestagswahlkampf aufstelle. Da müsse eine Mannschaft antreten, die die ganze Tiefe der CDU zeige. Merz gibt sich als Versöhner, das hat man so auch noch nicht erlebt.

Merz zeigt klare Kante, grenzt die CDU hart von der AfD ab. Mit der AfD gebe es “keinen Millimeter Gemeinsamkeiten”. Deutschland habe das Problem mit dem Rechtsextremismus jahrelang unterschätzt. Mit ihm an der Spitze der Partei, so lautet das Signal, werde es kein Pardon mit den Rechten geben. Aber auch nicht mit den Linken. Vor allem an Bodo Ramelow lässt er kein gutes Haar. Natürlich könne die Linkspartei kein Partner sein, solange sie dem Sozialismus huldige. Und Ramelow, da möge er sich noch so bürgerlich geben, habe sich eben ganz bewusst für die Linke und nicht für die SPD entschieden.

Merz warnt – und erinnert an einen Satz des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Der habe in einer seiner großen Reden gesagt, dass die junge Generation nicht verantwortlich sei für das, was war. Wohl aber dafür, was daraus werde. Diesen Satz nennt Merz “ein Vermächtnis”. “Wir sind im Sinne dieser Rede alle junge Generation.”

Nach einer knappen Dreiviertelstunde erntet Merz stehende Ovationen. Er genießt es sichtlich. Doch auch jetzt verliert er kein Wort über seine bevorstehende Kandidatur, kein Wort über mögliche innerparteiliche Gegner. Philipp Amthor, der Bundestagsabgeordnete mit der Deutschlandfahne am Revers, schwärmt nach dem Auftritt von Merz, man habe “einen Mann erlebt aus einem Holz, aus dem Kanzler geschnitzt werden können”. Da ist dieser Moment, in dem Merz den Ball hätte aufnehmen können. Doch er tut es nicht. Er will sich erst am Dienstagmorgen um elf Uhr vor der Bundespressekonferenz erklären. “Ich bin wirklich sehr, sehr motiviert”, sagt Merz zum Schluss und fügt hinzu, “aber eben wegen der Sachfragen.”

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Am nächsten Morgen steht fest, dass diesmal nicht Merz der Überraschungscoup gelungen ist. Noch vor ihm tritt Armin Laschet vor die Bundespressekonferenz und verkündet seine Kandidatur. Die ganze Aufmerksamkeit gilt diesmal dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen.

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