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Bundeswehr: weniger Einsätze, mehr traumatisierte Soldaten

  • Die Zahl der Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz liegt heute weit unter der von vor 20 Jahren.
  • Trotzdem steigt die Zahl der Traumatisierten.
  • Die Wehrbeauftragte Eva Högl fordert noch gezieltere Hilfe.
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Berlin. Der 2. April 2010 wird der Bundeswehr lange in Erinnerung bleiben – als ein Tag der Verluste und der Tragik. Bei der Suche nach Sprengfallen gerieten Soldaten des Fallschirmjägerbataillons 373 aus Seedorf in Afghanistan in einen Hinterhalt. Robert Hartert wurde im Kugelhagel schwer verwundet und starb später.

Dasselbe Schicksal ereilte Nils Bruns und Martin Augustyniak. Bei dem Versuch auszubrechen traf sie eine Sprengfalle. Die eingeschlossenen Fallschirmjäger kämpften mit acht Schwerverletzten fast neun Stunden lang ums Überleben. Das Ereignis ging als „Karfreitagsgefecht“ in die Geschichte der Streitkräfte ein.

301 Fälle im vergangenen Jahr

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Dabei sind die 114 in Auslandseinsätzen der Bundeswehr getöteten Soldaten und die körperlich Verletzten nur das eine; das andere sind die Traumatisierten. Denn obwohl die Zahl der Soldaten in Auslandseinsätzen von über 10.000 im Jahr 2002 auf jetzt rund 3000 zurück gegangen ist, wächst umgekehrt die Zahl der Soldaten mit psychischen Erkrankungen im Allgemeinen und Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) im Besonderen.

Wurden im Jahr 2017 noch 170 PTBS-Diagnosen gestellt, so waren es im vorigen Jahr 213. Die Zahl der psychischen Erkrankungen stieg in demselben Zeitraum von 274 auf 301.

Högl: Bundeswehr sollte gezielter über Hilfsangebote informieren

„Belastungsstörungen treten meist erst mit zeitlichen Verzögerungen auf“, sagte die Wehrbeauftragte des Bundestages, Eva Högl, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Sie werden von den Personen oft selbst nicht bemerkt. Erst Familienangehörige oder Freunde machen auf Veränderungen aufmerksam.“

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Teilweise werde zu Beginn auch kein Bezug zum Einsatz gesehen. Betroffene wendeten sich oft erst mit mehrjähriger Verzögerung an die Beratungsstellen. Högl mahnt: „Die Bundeswehr sollte gezielter über mögliche Hilfsangebote und Ansprechpartner informieren. Wichtig ist es auch, die Angehörigen mitzudenken. Schließlich sollte das Ziel immer sein, eine Wiedereingliederung zu ermöglichen.“

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Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, die Bundeswehr nehme ihre Verantwortung sehr ernst, fügte jedoch hinzu: „Gelegentlich sind Soldatinnen und Soldatinnen dann bereits aus der Bundeswehr entlassen.“

Genau hier setzt nach Ansicht des Vorsitzenden des Bundes Deutscher Einsatzveteranen, Bernhard Drescher, das Problem ein. Er sagte dem RND, für traumatisierte Soldaten in der Bundeswehr habe sich einiges positiv verändert. „Da sind wir relativ weit vorne.“ Es gebe einen Beauftragten, ein Lotsensystem und gute Therapiemöglichkeiten. „Das Problem liegt außerhalb.“

Für Traumatisierte, die ihr Schicksal manchmal erst Jahre nach der Entlassung realisierten, seien die Möglichkeiten der Truppe weit weg. Nach Lohnfortzahlung und Krankengeld rutschten die Traumatisierten in Hartz IV, bevor Anträge auf staatliche Hilfe bearbeitet seien.

Veteranen wollen Verbesserungen

Drescher fordert deshalb Veränderungen. „Wir brauchen beim Nachweis einer Traumatisierung eine Beweislastumkehr.“ Die Bundeswehr müsse beweisen, dass sie nicht aus dem Einsatz stamme. „Und die Betroffenen, deren Traumatisierung mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Einsatz herrührt, müssen wieder eingestellt werden“, findet der Verbandschef.

Nicht immer in die Bundeswehr, sondern überhaupt in den Staatsdienst. Man müsse die Betroffenen jedenfalls „kameradschaftlich in die Mitte nehmen“ und dürfe sie nicht, wie es bisweilen geschehe, als „Drückeberger“ bezeichnen.

Drescher rechnet übrigens mit einer hohen Dunkelziffer. Rund 400.000 Soldaten seien seit 1991 im Auslandseinsatz gewesen, sagt er. 20 Prozent hätten ein hohes Risiko, seelisch zu verwunden.

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