Bundeswehr im Einsatz: Der singende Soldat von Masar-i-Sharif

  • Oberstleutnant Eberhard Zimmer kümmert sich bei der Bundeswehr in Afghanistan um Kampfmittelbeseitigung – und um den Chor.
  • Ein singender Soldat versetze manche in Erstaunen, sagt er.
  • Ein Lied kommt an Weihnachten bei ihm sicher nicht ins Programm.
|
Anzeige
Anzeige

Masar-i-Sharif. Es ist schon dunkel an diesem Tag, als Eberhard Zimmer den Einsatz gibt. Die mächtige Bergkette am Horizont ist in der Nacht verschwunden, leise ist gerade noch der Gesang eine Muezzins herübergeweht über die karge Ebene. Zimmer hat seine Stirnlampe angeknipst, die rote Lampe, das blendet weniger.

Der Oberstleutnant trägt seinen Feldanzug, Flecktarnmuster in Olivgrün. Acht Soldaten blicken ihn an. Zimmer hebt die rechte Hand. Die Soldaten beginnen zu singen: „Would you know my name, if I saw you in heaven?“ Eric Clapton in Afghanistan, vom Band kommen Gitarrentöne.

Eine paar Meter entfernt steht Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Es ist da Anfang Dezember, Kramp-Karrenbauer besucht erstmals den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Die Visite im Camp Marmal bei Masar-i-Sharif beginnt mit einem Totengedenken an einer langen Steinmauer, auf der weiße Tafeln an die internationalen Soldaten erinnern, die hier gestorben sind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige
Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Verteidigungsministerin, kommt auf dem Rollfeld im Camp Pamir in Kundus an. © Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/

Kindheit bei den Domspatzen

Fackeln beleuchten die Szene. „Würdest du meinen Namen kennen, wenn ich dich im Himmel sehen würde?“, singt der Chor. Es klingt warm und traurig und kein bisschen zackig.

Zimmer sagt, es sei ein Lied, das ihm oft im Kopf herumgehe. Kurz nachdem er im Sommer in Masar-i-Sharif angekommen ist, hat er die Leitung des Chors übernommen. Der Auslandseinsatz seines Vorgängers endete, und Zimmer hatte Erfahrung: Als Kind sang er bei den Regensburger Domspatzen. Heute ist der 55-Jährige im brandenburgischen Havelberg zu Hause und singt dort im Vokalensemble des Doms, Stimmlage Bariton.

Anzeige

Tagsüber koordiniert er in der Kaserne als Offizier die Kampfmittelbeseitigungs-Ausbildung.

Munition und Geschossreste

Anzeige

Kampfmittelbeseitigung, das ist auch seine eigentliche Aufgabe in Afghanistan: Zuletzt hat er die Erweiterung des Außencamps in Kundus begleitet. Es ging unter anderem darum, sicherzustellen, dass auf dem Gelände keine Geschossreste und keine Munition mehr liegen.

Neue Bewachungstürme mussten geplant, Schutzwälle erneuert werden. Immer wieder flog Zimmer mit dem Hubschrauber von einem Camp zum anderen, mit Helm und Gewehr.

Die Gegend um Kundus ist besonders umkämpft. Singt er dann auch manchmal? „Das kann schon passieren“, sagt Zimmer.

Singen, Billard, Messerwerfen

Aber eigentlich ist das Singen Freizeit. Dienstag- und freitagabends wird geprobt, je eine Stunde lang, Kirchenlieder zumeist. Am Sonntag tritt der Chor im Gottesdienst auf. Zimmer sagt, er nehme auch immer wieder modernere Songs ins Programm auf. „Das singt der Chor lieber.“

Acht bis zehn Mitsänger hat er im Schnitt, von rund 1000 in Mazar-i-Sharif stationierten deutschen Soldaten. Auch Niederländer und Amerikaner sind ab und zu schon mal dabei gewesen.

Anzeige
Auch ein Chorleiter macht Sport: Eberhard Zimmer beim Training im Bundeswehrcamp in Masar-i-Sharif, Afghanistan. © Quelle: Bundeswehr

Das Nachwuchsproblem aller Chöre treffe auch auf den in Afghanistan zu, sagt Zimmer. „Es ist wie zu Hause auch: Sich öffentlich darzustellen ist nicht einfach.“ Es gibt andere Freizeitangebote: Das Fitnessstudio ist gut besucht, es gibt einen Billardtisch, die armenischen Soldaten bieten einen Messerwurfkurs an.

Weihnachten im Auslandseinsatz

Passt das Chorsingen vielleicht nicht zum Soldatenimage? „Das kann eine Rolle spielen, aber ich habe es noch nicht wahrgenommen“, sagt Zimmer.

Er sei zu Hause mal mit seinem Vokalensemble in einer Kaserne aufgetreten. „Da gab es schon Erstaunen, dass es so was gibt: einen Soldaten, der öffentlich singt.“ Ungewöhnlich sei das aber nicht – schließlich gebe es ja auch Musikkorps bei der Bundeswehr und eine Big Band. „Richtige Profis“, sagt Zimmer.

In Masar-i-Sharif singen Geübte mit Ungeübten. Die Sänger wechseln häufig, Auslandseinsätze dauern jeweils ein paar Monate. „Absolute Vollkommenheit kann man nicht erwarten“, sagt Zimmer. „Aber es geht hier um Spaß und das Gemeinschaftserlebnis.“

Anzeige

An Weihnachten wird der Chor wieder auftreten, an Heiligabend und auch am zweiten Weihnachtsfeiertag. Etwas Modernes soll auch wieder dabei sein. Eines sei sicher, sagt Zimmer: „Es wird nicht ‚Last Christmas‘ sein.“

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen