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Hilfe für afghanische Ortskräfte der Bundeswehr: „Haben nicht noch vier Monate Zeit, sie da rauszukriegen“

  • Marcus Grotian, Hauptmann bei der Bundeswehr, betreibt mit anderen ein Patenschaftsnetzwerk für afghanische Ortskräfte.
  • Das hat auch mit einer Hirnblutung zu tun, die der 44-Jährige erlitt.
  • Danach wollte er nicht mehr nur „an die eigene Karriere denken“.
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Eberswalde. Marcus Grotian hat es in diesen Tagen nicht leicht. Der 44-jährige Hauptmann versieht seinen Dienst beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr im Homeoffice. Zudem zieht er mit seiner Freundin und den Katzen gerade in eine benachbarte Wohnung.

Und schließlich ist Grotian Vorsitzender eines Vereins, der in der Truppe, der Bundesregierung und einigen Medien für Aufsehen sorgt. Der Verein trägt den Namen Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte und kümmert sich um Afghanen, die in Afghanistan im Dienste der Bundeswehr gearbeitet haben. Er hat seinen Sitz dort, wo auch der Vorsitzende selbst seinen Sitz hat: im brandenburgischen Eberswalde, eine halbe Zugstunde nördlich von Berlin.

„Das ist keine One-Man-Show“, betont Grotian gleichwohl. „Wir sind mehrere.“ Genau genommen sind es jetzt 99, darunter der ehemalige Generalinspekteur Hans-Peter von Kirchbach oder der frühere Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei von den Grünen, ein Afghanistan-Kenner.

Marcus Grotian ist Hauptmann bei der Bundeswehr. © Quelle: privat
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Ihr Ziel ist es, möglichst viele Ortskräfte der Bundeswehr, die das Land selbst kürzlich verlassen hat, nach Deutschland zu holen. Dabei ist das Aufsehen nicht nur deshalb so groß, weil es sich um ein bedeutendes zivilgesellschaftliches Engagement handelt –, sondern auch, weil das Engagement eine Lücke füllt, die der Staat hinterlässt.

Grotian, der in Hildesheim geboren wurde und der Bundeswehr seit 1995 dient, war selbst mal in Afghanistan im Einsatz, am Standort Kundus. Er hat dort miterlebt, wie eine Rakete über das Lager geschossen wurde – und wie ein Kampfhubschrauber der US-Army in der Nähe das Feuer auf feindliche Stellungen eröffnete.

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Sein Einsatz für die Ortskräfte rührt freilich nicht so sehr aus dem Krieg her, sondern aus einer Krankheit: Grotian erlitt 2014 eine Hirnblutung, lag zehn Tage auf der Intensivstation und war insgesamt ein knappes halbes Jahr außer Gefecht gesetzt. Anschließend wollte er an „etwas anderes denken als an die eigene Karriere“.

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Die Gelegenheit ergab sich schnell. 2015 legte die Bundeswehr ein Patenschaftsprogramm auf. Grotian meldete sich und bekam eine Ortskraft in Berlin-Marienfelde zugewiesen. Dort stellte er fest, dass es noch 22 andere Ortskräfte gab, von denen nur vier einen Paten hatten. „Denen zu helfen wäre toll“, dachte Grotian. So fing es an.

Hilfe wird dringend benötigt

Was sich geändert hat, sind die Rahmenbedingungen. Denn die Bundeswehr ist vom Hindukusch abgezogen. Doch die meisten Ortskräfte samt Familien sind noch da – und zittern nun vor den heranrückenden Taliban. Zwar haben 2400 Betroffene, also Ortskräfte plus Angehörige, ein Visum erhalten. Von denen haben es aber bisher lediglich knapp 1000 bis nach Deutschland geschafft. 2000 Betroffene stehen noch ohne Visum da.

Und mindestens diese Gruppe sieht sich mit drei Hindernissen konfrontiert: Sie muss in den Besitz der Papiere gelangen. Sie muss es bis zum Flughafen nach Kabul schaffen; das ist gerade für Ortskräfte aus Masar-i-Sharif, dem letzten Einsatzort der Bundeswehr im Norden Afghanistans, ein gefährliches Unterfangen. Und dann muss sie wie alle anderen das Geld für den Flug aufbringen – unter Zeitdruck.

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Letzte deutsche Soldatinnen und Soldaten aus Afghanistan abgezogen
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Inmitten einer sich zuspitzenden Sicherheitslage in Afghanistan haben die letzten deutschen Soldatinnen und Soldaten das Krisenland verlassen.  © dpa

Auch wenn sogar die Kanzlerin zuletzt sagte: „Ich möchte, dass wir hier denen, die uns sehr stark geholfen haben, auch wirklich einen Ausweg geben“ – die faktischen Hürden sind hoch. Dabei weiß Grotian eines: „Die Situation in Afghanistan wird weiter eskalieren. Die Betroffenen sind alarmiert und stehen unter Stress. Wir haben nicht noch vier Monate Zeit, sie da rauszukriegen.“

Es geht buchstäblich um Leben und Tod – weshalb der Verein in Kabul zwei Häuser angemietet hat, in denen die Ortskräfte vorerst in Sicherheit sind.

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Derweil wird das Engagement in Deutschland ebenfalls nicht leichter. Bis zuletzt gingen noch viele Hilfsangebote aus der Bevölkerung ein. Auf dem Anrufbeantworter des Patenschaftsnetzwerks heißt es: „Wir freuen uns über Ihren Anruf; leider können wir die Vielzahl der Anrufe nicht mehr persönlich entgegennehmen.“ Vor zwei Wochen hat sich die Lage jedoch geändert. „Die Spenden sind mit dem Hochwasser eingebrochen“, sagt Marcus Grotian. „Wir arbeiten jetzt mit dem, was wir haben.“

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