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„Schrottarmee“? Es ist Zeit für ein neues Bild der Bundeswehr

  • Flugzeuge, die nicht fliegen, Panzer, die nicht fahren? Jahrelang musste die Bundeswehr viel Spott ertragen.
  • Die Luftbrücke von Kabul aber verschafft ihr jetzt ein neues Image.
  • Und noch etwas ist neu: Die Grünen sind der Truppe plötzlich so nahe wie nie. Eine Analyse von Matthias Koch.
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Eine einzige „Schrottarmee“ sei die Bundeswehr. So hörte man es über viele Jahre hinweg. Das 2-Prozent-Ziel sei erreicht, kicherte einst Comedian Serdan Somuncu in der „heute-show“: „Genau 2 Prozent der Bundeswehrausrüstung funktionieren!“

Solche Witze macht derzeit niemand mehr. Land und Leute laden nach der Luftbrückenaktion in Kabul eine neue Version ihres Bildes von der Bundeswehr.

Lebensgefährlicher Einsatz für andere

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Es geht los mit der Technik. Es fliegt nichts? Der Militärtransporter A400M, jahrelang als „Pannenflieger“ verspottet, war der Star der Veranstaltung. Die Maschine ist, gemessen am großen Laderaum, erstaunlich genügsam, was die Länge der Rollbahn angeht. Das half jetzt den deutschen Piloten, Kabul auch in Momenten anzufliegen, in denen die Landebahn nicht in vollem Umfang zur Verfügung stand.

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Weiter geht es mit der Truppe selbst. Das Kommando Spezialkräfte (KSK), von Oliver Welke vor dessen langer Sommer­pause noch als „Kommando Schwierige Kollegen“ verulkt, rettete diese Woche Familien durch Geheimoperationen außer­halb des Kabuler Flughafengeländes.

Plötzlich verstummt mancher und erkennt: Da riskierten in extrem riskanter Lage Menschen ihr Leben im Einsatz für andere.

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+++ Alle News zur Lage in Afghanistan finden Sie in unserem Liveblog +++

Natürlich gab es zu allen Zeiten immer gute Gründe für Kritik an der Bundeswehr. Mal ging es um technische Probleme, mal ums Abdriften von Grüppchen nach rechts außen. Der Korrekturbedarf war groß. Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), ebenfalls oft verspottet, hat an beiden Stellen viel bewegt. Beim KSK gibt es neue Strukturen und neue Köpfe. Und der Wehretat wurde für 2022 erstmals auf mehr als 50 Milliarden Euro angehoben.

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Neu: Truppenabzug als moralisches Problem

Afghanistan indessen berührt jetzt, weit jenseits der Tagespolitik, das Prinzipielle. Denn das Land bietet weltweit eine für Pazifisten verstörende Lehrvorführung: Nicht nur die Entsendung, auch der Abzug westlicher Truppen kann ein großer Fehler sein, auch und gerade in moralischer Hinsicht.

In der Außen- und Sicherheitspolitik gibt es in Deutschland leider eine jahrzehntelange Tradition der Augen­wischerei. Warum hat man weder den Afghanen noch den Deutschen von Anfang an klipp und klar gesagt, dass es in Afghanistan um knallharte Sicherheits­interessen des Westens geht? Stattdessen taten viele so, als wolle man ein Muster­ländle in Zentral­asien erschaffen. Jetzt sind Russland und China die geopolitischen Gewinner – weil sich USA und EU zu Geopolitik nicht bekennen mochten.

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Mehr Redlichkeit braucht Deutschland auch in den innenpolitischen Debatten um die Bundeswehr. Wer etwa Technik­mängel beklagt, darf nicht im nächsten Moment die Senkung des Wehretats verlangen.

Video
Annalena Baerbock bei „RND vor Ort“: Die wichtigsten Momente im Video
4:21 min
Im Talkformat „RND vor Ort“ stellen sich die Kanzlerkandidaten den Fragen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Diesmal zu Gast: Annalena Baerbock (Grüne).  © RND

Die Grünen haben das längst verstanden. „In manchen Bereichen muss man mehr investieren, damit Gewehre schießen und Nachtsichtgeräte funktionieren“, sagte Annalena Baerbock schon im vorigen Jahr.

Grüne und Afghanistan-Veteranen Seite an Seite

Nah wie noch nie an der Truppe sah man die Grünen, als sie am 23. Juni dieses Jahres mehr Tempo bei der Rettung früherer afghanischer Ortskräfte der Bundeswehr verlangten. Keine andere Partei im Bundestag hatte es damit so eilig. Plötzlich zogen, ein Wetterleuchten vor der Wahl, Grünen-Politiker mit engagierten Afghanistan-Veteranen und idealistischen Aktivisten aus der jetzigen Truppe an einem Strang.

Ungerührt zementierte unterdessen die Linkspartei ihren antimilitaristischen Trotz. Der Luftbrücke der Bundeswehr stimmte sie in dieser Woche im Bundestag mehrheitlich nicht zu. In einem Beschluss des Bundes­vorstands der Linken hatte die Partei den Abgeordneten die Linie vorgegeben: Enthaltung.

Man sollte die Abgeordneten der Linken in den nächsten Tagen zu einem Empfang der frisch aus Kabul Evakuierten schicken. Dann könnten sie diesen Menschen erklären, warum sie für deren Rettung im Parlament partout nicht die Hand heben mochten.

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