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  • Bundesvorsitzender Jörg Ziercke im RND-Interview zur Missbrauchs-Prävention

Missbrauchsprävention: “Eine Aufgabe, die kein Ende kennt”

  • Der Missbrauchsfall Münster hat Deutschland erschüttert.
  • Als Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer fordert der Weiße Ring besser ausgebildetes Personal im Präventionsbereich.
  • Bundesvorsitzender Jörg Ziercke hält im RND-Interview wenig von der Debatte über höhere Strafen.
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Berlin. Der Weiße Ring ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Der Verein unterhält ein Netz von rund 2900 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Opferhelferinnen und ‑helfern in bundesweit rund 400 Außenstellen, beim Opfertelefon und in der Onlineberatung. Bundesvorsitzender ist Jörg Ziercke – von 2004 bis 2014 Chef des Bundeskriminalamts (BKA).

Nach den Missbrauchsfällen von Münster gibt es wieder Forderungen nach höheren Strafen. Wie nehmen Opfer solcher Straftaten eigentlich politische Statements dieser Art wahr?

Für die Opfer oder ihre Angehörigen sind dies oftmals rein symbolische Aktivitäten. Eine präventive Wirkung geht von höheren Strafandrohungen meist nicht aus. Deshalb muss die Politik der Prävention von Kindesmissbrauch eine viel höhere Aufmerksamkeit widmen. Notwendig wären konkrete Maßnahmen zur personellen Verstärkung von Justiz und Polizei auf Landesebene. Die Politik müsste in jedem Bundesland eine Landeszentralstelle Kindeswohl einrichten. Dort sollte psychologisch geschultes Personal Informationen über Kindesgefährdungen entgegennehmen und ein Team von Mitarbeitern der Gesundheitsämter, von Kinderärzten, Therapieexperten, Staatsanwälten und Kriminalbeamten diese Informationen bewerten.

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Auch Kinderpornografie-Betreibern sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) am Donnerstag den Kampf an.  © Thoralf Cleven/Reuters

Wie unterstützt Ihre Organisation bei der Prävention?

Der Weiße Ring unterstützt die Bemühungen zur Einrichtung eines Informationssystems gegen das sogenannte “Doctor Hopping”. Eltern, die ihre Kinder misshandeln, wechseln sehr häufig den behandelnden Kinderarzt. Dadurch sollen die Verletzungen eines Kindes als singulärer Unglücksfall getarnt werden. Dies muss zum Schutz der Kinder unterbunden werden. Die Früherkennung von Kindesmisshandlung kann nur funktionieren, wenn die Kinderärzte einbezogen werden.

Vor welchen Herausforderungen stehen Hilfsorganisationen wie der Weiße Ring, wenn Minderjährige Opfer von Verbrechen sind?

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Unsere Opferhelfer haben es mit zwei verschiedenen Gruppen von Betroffenen zu tun. Die erste Gruppe sind Erwachsene, die als Minderjährige misshandelt oder missbraucht wurden. Sie melden sich häufig erst Jahre oder sogar Jahrzehnte nach den Taten bei uns. Oft leiden sie viele Jahre, manchmal ihr Leben lang. Wir haben es immer wieder mit Menschen zu tun, die als Kind missbraucht wurden und im Erwachsenenalter erwerbsunfähig werden. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um minderjährige Betroffene. Sie brauchen eine spezialisierte Betreuung. Bei Sexualdelikten haben wir es mit Themen zu tun, die schambehaftet sind. Das erfordert eine besonders sensible Ansprache, unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen wir dementsprechend regelmäßig. Viele Betroffene melden sich zunächst über unsere Onlineberatung, die eine völlig anonyme Kontaktaufnahme ermöglicht.

Der frühere BKA-Chef Jörg Ziercke ist Bundesvorsitzender der Opferhilfeorganisation Weißer Ring. © Quelle: HERMANN RECKNAGEL/Weisser Ring e
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Hat Deutschland Nachholbedarf beim Kinderschutz, etwa in Jugendämtern oder in Kitas?

Wir benötigen besser ausgebildetes Personal. Und wir müssen diesen Menschen durch bessere Bezahlung einen höheren Anreiz schaffen, in diesen Einrichtungen beruflich tätig zu werden.

Welche Verantwortung sehen Sie bei sozialen Netzwerken?

Wer wegschaut, macht sich mitschuldig! Die Betreiber sozialer Netzwerke im Internet sollten verpflichtet werden, Erkenntnisse über Kindesmissbrauch zur Anzeige zu bringen. Der Weiße Ring schaut sehr kritisch auf die Entwicklung im Internet, wo sich an vielen Stellen rechtsfreie Räume zu entwickeln scheinen. Wir unterstützen deshalb den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität, der sich nicht nur gegen Hass und Hetze stellt, sondern ausdrücklich auch die Netzwerkbetreiber verpflichtet, die Verbreitung von Kinderpornografie an das Bundeskriminalamt zu melden.

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CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat ein härteres Durchgreifen gegen Kindesmissbrauch in Deutschland gefordert.  © Thoralf Cleven/Reuters

Es wird immer wieder kritisiert, dass bei solchen Verbrechen mehr über die Täter, zum Beispiel als Monster, geredet wird – über die Opfer und die Folgen für sie jedoch kaum. Wie sehen Sie das?

In der Berichterstattung über Verbrechen stehen tatsächlich häufig die Täter im Mittelpunkt, was auch damit zu tun hat, dass die Strafjustiz sehr täterorientiert ist. Der Weiße Ring fördert mit einem eigenen Journalistenpreis opfersensible Berichterstattung. Wir benötigen aber auch mehr qualifizierte Therapeuten für die Täterarbeit. Unser Verein unterstützt das deutschlandweite Präventionsnetzwerk “Kein Täter werden”. Für dieses Netzwerk muss verstärkt geworben werden. Denn hier wird Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, kostenlose Hilfe angeboten. Die Schweigepflicht der Therapeuten schützt die Kontaktsuchenden.

Sie selbst hatten als langjähriger BKA-Chef mit solchen Verbrechen zu tun. Schon damals hieß es, Nachbarn und Bekannte sollten besser hinschauen und Verdachtsfälle melden. Warum klappt das bis heute nicht ausreichend?

Es gibt bereits seit vielen Jahren sehr gute Initiativen zur Verhinderung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Schulen spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Wir dürfen nicht nachlassen, dies zu unterstützen. Es ist eine permanente Aufgabe, die kein Ende kennt. Das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken ist sicherlich ein besonders wichtiger Aspekt. Kinder müssen im Hinblick auf Grenzverletzungen sensibilisiert werden.

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