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Die gespaltene Generation Z: Warum FDP und Grüne bei Jung­wählenden am besten ankommen

  • Unter den Erstwählenden sind FDP und Grüne am beliebtesten.
  • Während viele mit den Grünen gerechnet haben, ist der Wert für die FDP überraschend.
  • Welche Themen die Wählerinnen und Wähler der Liberalen bewegen und was sie von Grünen-Wählern unterschiedet. Eine Analyse.
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Zwei Parteien stehen nach der Bundestags­wahl 2021 besonders im Vordergrund: FDP und Grüne. Sie sind es, die sich zu den ersten Vorson­dierungen getroffen haben und die am Ende darüber entscheiden, ob Deutschland eine Ampel- oder Jamaika-Koalition bekommt.

Doch nicht nur das: Die Ökopartei und die Liberalen haben von jungen Wählerinnen und Wählern die meisten Stimmen erhalten. Während die Grünen bei den 18- bis 24-Jährigen mit 23 Prozent zu 21 Prozent vorne liegen, sind sie laut Daten des Meinungs­forschungs­instituts Infratest Dimap mit jeweils 23 Prozent bei Erst­wählenden gleichauf.

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Das haben viele nicht erwartet. „Das Wahlergebnis ist eine große Überraschung. Aus den bisherigen Studien hatten wir immer die Tendenz, dass die jungen Wählerinnen und Wähler zunächst die Grünen und dann die AfD bevorzugen“, bilanziert Jugendforscher Klaus Hurrelmann gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND), der das Wahlverhalten von jungen Menschen seit Jahren beobachtet.

Die Entwicklung wird besonders deutlich im Vergleich zur letzten Wahl: Grüne und FDP haben im Vergleich zur Bundes­tagswahl 2017 am meisten in dieser Alters­gruppe zugelegt. 10 Prozentpunkte Gewinn verzeichnen die Grünen, die FDP kann 9 £Prozentpunkte zulegen.

Warum sind die Freien Demokraten so beliebt bei jungen Menschen? Und was unterscheidet die FDP-Wählenden von den Grünen-Wählenden?

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Digitalisierung, Freiheit, Corona: Was die FDP so beliebt macht

FDP-Bundestags-Newcomerin Ria Schröder sieht den Grund für den Erfolg ganz klar bei den Zielen ihrer Partei. „Unser Partei­programm spricht zentrale Themen an, die jungen Menschen wichtig sind“, sagt Schröder dem RND. „Wir bieten Lösungen in Sachen Digitalisierung und Bildung an, die viele Jungwähler überzeugen, weil sie ihrer Lebens­wirklichkeit entsprechen.“ Auch zum Klimaschutz biete die FDP ein seriöses Angebot, das Vertrauen schaffe. Schröder meint: „Junge Menschen sehnen sich nach einer Politik, die nicht altbacken daherkommt, sondern zukunfts­orientiert ist.“

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Mit ihrer Analyse scheint Schröder richtig zu liegen. Jungwähler, mit denen das RND gesprochen hat, bestätigen: Digitalisierung, Bildung und Freiheit sind der Grund, warum sie ihr Kreuz bei der FDP gesetzt haben. „Die FDP ist eine der wenigen Parteien, die sich richtig mit Digitalisierung beschäftigt. Ich finde ein Digital­ministerium sinnvoll“, sagt beispielsweise der 18-jährige Louis.

Darüber hinaus spielen innere Sicherheit, eine realistische Klima­politik und bezahl­barer Wohnraum eine wichtige Rolle für die jungen FDP-Wählerinnen und -Wähler.

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Hurrelmann betont einen weiteren Faktor: „Mit ihrer Corona-Politik konnte die FDP viele überzeugen. Sie hat es geschafft, diejenigen zu binden, die die Nase voll haben von Einschränkungen.“ Der Jugend­forscher geht deswegen von einer Wähler­wanderung von der AfD zur FDP aus. „Während vor vier Jahren noch viele die AfD aus Protest gewählt haben, ist die FDP nun eine Alternative. Denn sie ist nicht so schmuddelig“, erklärt er dem RND.

Im Vergleich zu 2017 hat die AfD in dieser Altersgruppe 4 Prozentpunkte verloren.

Der Faktor Lindner und effektive Social-Media-Arbeit

Die Wahlentscheidung basiert aber häufig nicht nur auf Inhalten. Bei jungen Männer ist FDP-Chef Christian Lindner besonders beliebt. „Ich finde ihn von allen Kandidaten am kompetentesten“, sagt Louis. Und auch Hurrelmann ergänzt: „Der Wahlkampf war komplett auf Lindner zugespitzt. Durch sein Selbst­bewusstsein und Selbst­vertrauen ist er für viele junge Wähler ein Vorbild.“ Laut Hurrelmann macht die FDP damit vor allem eines richtig: Kandidat und Kampagne passen zusammen. Dadurch verschaffe sich die Partei wesentlich mehr Glaub­würdigkeit als ihre Konkurrenten.

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Gelb statt Grün: Warum so viele junge Leute FDP wählen
13:12 min
Die beliebteste Partei bei Erstwählerinnen und Erstwählern war bei der Bundestagswahl die FDP. Vielleicht ist die Jugend doch nicht so grün wie gedacht.  © RND

Doch es ist nicht nur der Lindner-Faktor, sondern auch die Schwäche anderer Kandidaten. Besonders Unions­­kanzler­kandidat Armin Laschet hat mit seinen Fehlern womöglich dafür gesorgt, dass die Union Stimmen verloren hat.

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So hat Kevin Schmidt seine Entscheidung erst ganz kurzfristig getroffen. „Ich war noch unentschlossen, ob ich CDU oder FDP wähle. Am Ende hat der Fehler von Laschet mit dem Wahlzettel den Ausschlag gegeben“, sagt er. Der 19-Jährige wünscht sich zwar eine Jamaika-Koalition, aber nicht etwa mit Laschet als Kanzler, sondern mit Markus Söder (CSU).

Generell zeigt sich: Die jungen FDP-Wähler wünschen sich eher eine Jamaika-Koalition. „Die CDU hat zwar große Baustellen, mit der SPD kann ich aber noch weniger anfangen“, sagt uns der 24-jährige Leon aus Essen.

FDP-Politikerin Schröder stellt auch die Ansprache der Zielgruppe als besonders heraus. „Wir treten mit kreativen Ideen an die junge Wählergruppe heran, haben eine starke Social-Media-Kompetenz“, sagt die 29-Jährige. „Andere Parteien sind in den sozialen Medien schwächer. Vor allem die Jungen Liberalen nutzen einen spiele­rischen Ansatz, Politik zu vermitteln. Das kommt bei Jungwählern gut an.“

Schaut man sich den Social-Media-Auftritt der FDP an wird klar, dass dort Userinnen und User Politik spielerisch erfahren. Besonders hervorzuheben ist die Streaming-WG der Jungen Liberalen in Berlin. Hier wird auf dem Twitch-Kanal der Partei mit Direkt­kandidaten gekocht oder gezockt – auch mit Lindner selbst. Während der 42-Jährige Mario-Kart spielt, wirbt er für die Ideen seiner Partei.

Und auch auf Tiktok ist die FDP stärker vertreten als die Konkurrenz. Dabei sind besonders die Älteren beliebt. Thomas Sattelberger ist 72 Jahre alt, seit 2017 im Bundestag und der beliebteste Tiktoker unter den Abgeordneten. Mehr als 140.000 Follower hat er auf der Plattform, gut zwei Millionen Menschen gefallen seine Beiträge.

Thomas Sattelberger (FDP) ist nach 2017 zum zweiten Mal in den Bundestag eingezogen. © Quelle: imago images/Lindenthaler

Das sieht er als klares Kriterium für den Wahlerfolg seiner Partei. „Das ist der Kanal, der die jungen Menschen in ihrem Zeitgeist, in ihrer Gefühlswelt abholt“, sagt Sattelberger dem RND. Seit 2019 lädt er regelmäßig kurze Videos hoch und bezeichnet sich deshalb als „First Mover“ unter den Politikern.

In seinen Videos spricht er vor allem über die Nachteile, die viele junge Menschen wegen der Corona-Pandemie erleiden mussten. „Die meisten Politiker haben vergessen, dass es eine junge Generation gibt, die anderthalb Jahre ihr Leben nicht leben konnte“, so Sattelberger. Und weiter: „Empathie für die Jungen war bei der Wahlent­scheidung der Erstwähler mitentscheidend.“

Darüber hinaus glaubt der 72-Jährige, dass die jungen Wählerinnen und Wähler sich vor allem wegen der Freiheit und der klaren Abgrenzung nach rechts für die FDP entschieden haben – aber auch, weil seine Partei, im Gegensatz zu den Grünen, für realistischen Klimaschutz stehe.

Spalt innerhalb der Generation: Wer die Grünen gewählt hat

Eines zeigt sich somit deutlich: Innerhalb der jungen Zielgruppe gibt es eine Spaltung. FDP-Wählende und Grünen-Wählende haben so gut wie nichts gemeinsam. Fast: In einer YouGov-Umfrage exklusiv für das RND vor der Wahl zeigte sich, dass 18- bis 29-Jährige diese Parteien am ehesten mit der Zukunft assoziieren.

Ein großer Unterschied zeigt sich aber allein im Wahlverhalten der Geschlechter. Besonders viele junge Frauen haben sich für die Grünen entschieden, die FDP kann eher bei den jungen Männern punkten.

Dennoch sind viele Wählerinnen und Wähler, die ihr Kreuz bei den Grünen oder den Linken gesetzt haben, eher enttäuscht. „Ich bin nicht so zufrieden, weil ich gehofft habe, dass es zu einer rot-rot-grünen Koalition kommt. Nur so kann wirklich Veränderung entstehen“, betont Michael Hopf (19). „Außerdem finde ich es schlimm, dass die FDP unter Erst­wählenden gewonnen hat.“ Louis Wegmann (19) hingegen ist ein wenig optimistischer: „Ich bin nicht so zufrieden wie erwartet. Aber es ist in Ordnung, weil die Grünen zu 99 Prozent in die Regierung kommen.“

Klima- und Umweltschutz sind die Themen, mit denen die Grünen am meisten Wählerinnen und Wähler überzeugen konnten – in allen Altersgruppen. Vielen Erstwählerinnen und Erstwählern ist außerdem der Zusammenhang von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit sehr wichtig.

Das unterstreicht auch der Politiker Niklas Wagener. Der 23-Jährige ist gerade für die Grünen in den Bundestag gewählt worden und gehört gemeinsam mit Parteikollegin Emilia Fester zu den zwei jüngsten Abgeordneten. Er glaubt aber auch, dass die Grünen für junge Wählerinnen und Wähler attraktiv sind, weil sie selbst viele junge Menschen in den eigenen Reihen haben. „Junge Leute werden bei uns so gut gefördert, dass viele einen guten Listenplatz bekommen haben. Das ist ein Alleinstellungs­merkmal“, so der Aschaffenburger.

Die Grünen tragen wesentlich dazu bei, dass der neue Bundestag verjüngt wird. Insgesamt 21 Personen unter 30 sitzen nun in Berlin. Zum Vergleich: Bei der SPD sind es 18 Abgeordnete, bei der FDP fünf und bei der CDU drei. Die AfD hat einen Abgeordneten unter 30 und Linke keinen dieser Altersklasse.

Ein Großteil dieser Gruppe wünscht sich nun die Ampelkoalition. „Zwar wird die SPD in Sachen Sozialpolitik erhebliche Abstriche machen müssen, ebenso wie die Grünen bei klimapolitischen Zielen, doch ist alles besser als noch einmal eine Regierung mit CDU-Beteiligung“, sagt Erstwähler Timo Jonat (19) dem RND.

SPD und Union: Wie steht es um die Volksparteien?

Zu den Verlierern bei den jüngsten Wahl­berechtigten gehören die Union und die SPD. Während die Sozial­demokraten nur leichte Verluste von 4 Prozentpunkten hinnehmen müssen, stürzt die Union regelrecht ab. 2017 stimmten noch 14 Prozent mehr der 18- bis 24-Jährigen für die Union.

Hurrelmann bewertet das Ergebnis der SPD keinesfalls negativ. Die Umfragen und Studien der letzten vier Jahre hätten ein deutlich schlechteres Ergebnis erwarten lassen. Seiner Ansicht nach hat die SPD es ähnlich wie die FDP geschafft, Kandidat und Kampagne in Einklang zu bringen – und somit wieder an Profil zu gewinnen. „Die Sozial­demokraten konnten seit langer Zeit mal wieder damit punkten, dass sie auch für die Leute stehen, die finanziell schlechter dastehen“, sagt der Jugend­forscher.

Mit der Union geht er hart ins Gericht. „Sie haben voll darauf gesetzt, die Stammwähler bei der Stange zu halten – auch mit der Angst­kampagne gegen Rot-Rot-Grün“, erklärt Hurrelmann. Junge Themen hätten so keinen Platz mehr im Wahlkampf gehabt. „Grundsätzlich kann man der Union schon den Vorwurf machen, dass sie so sehr damit beschäftigt war, überhaupt durch den Wahl­kampf zu kommen, dass sie die Interessen der Jungwählenden nicht im Auge hatte. Dafür haben sie jetzt die Quittung bekommen.“

Der Blick in die Zukunft: Ist das ein Trend oder eine echte Wende?

Aber wie ist dieses Ergebnis nun zu bewerten? Handelt es sich um einen kurzfristigen Trend oder läuten die jungen Wählerinnen und Wähler eine echte Wende ein? „Junge Wählerinnen und Wähler setzen meistens den Trend“, bekräftigt Hurrelmann. Gleichermaßen dürfe man das Ergebnis aber nicht überbewerten. „Bei der FDP könnte es sich nur um einen saisonalen Swingeffekt wegen Corona handeln“, erklärt der Jugend­forscher. Seiner Ansicht nach müsste sie ihren Markenkern erhalten und vor allem danach handeln.

Die Grünen dürften langfristig von dem Hoch profitieren, da sie mit dem Klimaschutz ein Thema bedienen, das weiter an Bedeutung zunimmt. Und auch für die Union ist noch nicht alles verloren. Denn laut Hurrelmann haben sie mit den Themen wirtschaftliche und innere Sicherheit durchaus Aspekte, die für junge Menschen wichtig sind. Außerdem habe die SPD in der Bundes­tagswahl vorgemacht, wie die Trendwende gelingen kann.

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