Bei der AfD gilt der größte Applaus der geschrumpften Union

  • Die AfD kann auf ihre Stammklientel zählen.
  • Vom CDU-Debakel aber profitiert die Rechtspartei nicht.
  • Die Flügelkämpfe in der AfD werden neu ausbrechen – Parteichef Jörg Meuthen brüskiert Spitzenkandidat Tino Chrupalla damit, er habe ein „durchwachsenes Ergebnis“ eingefahren.
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Berlin-Kaulsdorf. Der Applaus auf der Wahlparty der AfD galt nicht dem eigenen Ergebnis. Die Gruppe um Spitzenkandidat Tino Chrupalla, Co-Parteichef Jörg Meuthen und Parteisenior Alexander Gauland klatschte am lautesten, als der geschrumpfte schwarze Balken der Union eingeblendet wurde.

„Merkel ist weg – und das ist unser Verdienst“, rief Gauland in den Saal. Der 80-jährige Politstratege schaute sofort nach der ersten Prognose in die fernere Zukunft: Er wünsche sich einen Kanzler Olaf Scholz und eine CDU in der Opposition. Die müsse das Merkel-Erbe abstreifen, dann könne die AfD mit ihr kooperieren.

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Der Standardsatz aller AfD-Politiker

Um die Gegenwart der Partei ging es kaum bei der Feier in einem Hochzeits­saal am östlichen Rand der Hauptstadt. Die AfD hat sich stabilisiert, mehr aber auch nicht. Sie hat ihre Kernklientel behalten, musste aber Verluste hinnehmen. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, bilanziert Spitzen­kandidat Tino Chrupalla. Das ist der Standardsatz aller AfD-Politiker. Aber wo treibt die Partei hin?

Alexander Gauland und Tino Chrupalla bei der Analyse der AfD-Wahlergebnisse. © Quelle: Jan Sternberg/RND

Vor vier Jahren klang es noch anders. „Wir werden sie jagen“, hatte der damalige Spitzen­kandidat Alexander Gauland am Wahlabend 2017 ausgerufen, als die AfD erstmals mit 12,6 Prozent und mehr als 90 Abgeordneten in den Bundestag einzog. Vier Jahre lang sorgten Gauland und seine Fraktion für eine bis dahin unbekannte Stimmung im Bundestag: aggressive Sprache, Geschäfts­ordnungs­tricks, verbales Kungeln mit Verschwörungs­erzählern. Sie nutzen massenhaft und wirkungsvoll die sozialen Medien, um ihre Bundestagsr­eden hundert­tausend­fach an ihre Klientel zu spielen.

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Vom „Jagen“ spricht in der Partei keiner mehr

So wird es in der kommenden Legislatur­periode mit großer Wahrscheinlich­keit weitergehen. Vom „Jagen“ aber spricht in der AfD keiner mehr. Davon, die Partei wieder „aus den Parlamenten zu vertreiben“, ist bei den anderen Parteien jedoch auch schon lange nicht mehr die Rede. Die AfD hat sich in ihrer Nische gefestigt. Für eine volatile „Bewegungs­partei“ ist das eine zwei­schneidige Sache.

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Um bundesweit an Stärke zuzulegen, müssten bürgerliche Kreise gewonnen werden. Das ist die Position von Parteichef Meuthen und seinen Getreuen. Meuthen sprach am Sonntag von einem „durch­wach­senen Ergebnis“ und von einer Fehleranalyse, die man in den kommenden Tagen angehen werde. „Es ist uns nicht gelungen, das Wasser auf unsere Mühlen zu lenken“, sagte er mit Blick auf die enttäuschten Unionswähler.

Die Unruhe wird nach der Wahl zunehmen

Die Flügelkämpfe werden neu ausbrechen. Der Sachse Chrupalla wird auf die Stärke im Osten verweisen. Dort kam der radikalere Kurs des Dresdner Wahlprogramms an: für den „Dexit“ und gegen Corona-Maßnahmen. Eine gerupfte, verunsicherte Union könnte die AfD bald als Machtoption in den Ost-Ländern annehmen, hofft Chrupalla. Sein Gegenspieler Meuthen wird darauf verweisen, dass die AfD weiter das vermeintliche bürgerliche Potenzial im Westen ansprechen muss.

Die Unruhe wird nach der Wahl zunehmen. Chrupalla und seine Co-Spitzen­kandidatin Alice Weidel haben den ersten Zugriff auf den Fraktions­vorsitz, nachdem Gauland nicht noch einmal antritt. Mit diesem Ergebnis aber wird das kein Selbstläufer.

Der Verfassungsschutz wird die AfD höchst­wahrscheinlich in Kürze zum Verdachtsfall erklären – das könnte einige neu gewählte Abgeordnete dazu bewegen, die Schmuddelecke verlassen zu wollen. Auf dem Parteitag im Dezember wird die Bundesspitze neu gewählt. Ob der angeschlagene Co-Parteichef Jörg Meuthen noch einmal antritt, ist ungewiss, wer ihn herausfordert, ebenso.

RND

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