Das oft beschworene Ende der Volksparteien droht 2021 tatsächlich – ein Gastbeitrag

  • Union und SPD haben nur geringe Chancen, bis zur Bundestagswahl noch entscheidend aufzuholen.
  • Das schreibt der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, im Gastbeitrag für das RND.
  • Er sieht die Volksparteien vor dem Ende.
Manfred Güllner
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Als CDU, CSU und SPD 1966 zum ersten Mal zusammen eine Bundesregierung bildeten, war die Bezeichnung „Große Koalition“ mehr als gerechtfertigt – hatten doch bei der vorangegangenen Bundestagswahl 1965 fast drei Viertel (73,6 Pro­zent) aller Wahlberechtigten der Union oder der SPD ihre Stimme gegeben.

Bei der 2005 gebildeten zweiten Regierung aus Union und SPD hatte immerhin noch etwas mehr als die Hälfte (53,1 Pro­zent) aller Wahlberechtigten eine der beiden Parteien gewählt. Bei der 2017 gebildeten „GroKo“ konnten sich Union und SPD dagegen nur noch auf das Vertrauen von zwei Fünfteln (40,3 Prozent) aller Wahlberechtigten stützen.

Entspräche die Ende Mai ermittelte politische Stimmung auch den Stimmen der am Wahlabend ausgezählten Urnen- und Briefwähler, würde der Anteil der CDU-, CSU- und SPD-Wähler 2021 mit 29 Prozent (bezogen auf alle Wahlberechtigten) nur noch minimal über der Zahl der Nichtwähler mit 24 Prozent liegen.

Anzeige

Nun hoffen Union und SPD, dass ihnen bis zum Wahltermin im September noch eine „Aufholjagd“ gelingt und sie somit ihr Ende als Volksparteien noch abwenden können.

Im Endspurt änderte sich bisher wenig

Aber wie realistisch ist diese Hoffnung? Vergleicht man die bei den letzten sechs Bundestagswahlen seit 1998 jeweils im Mai ermittelten Umfragewerte mit dem jeweiligen Wahlergebnis im September, dann erhalten diese „Aufholjagd“-Hoffnungen einen ziemlichen Dämpfer.

So hat die SPD nur 2002 und 2005 mit einem überaus populären Kanzlerkandidaten Schröder ein um 4,5 beziehungsweise 6,2 Prozent­punkte über dem Umfragewert vom Mai liegendes Wahlergebnis erzielt. 2017 aber lag das Wahlergebnis 4,5 Pro­zent­­punk­te unter ihrem Ergebnis bei den Maiumfragen.

Für den Kanzlerkandidaten der SPD besteht also wenig Hoffnung, dass er wie Schröder 2002 seine Kanzlerfähigkeiten bei einem Hochwasser oder durch ein die Menschen aufwühlendes außenpolitisches Ereignis wie den drohenden Angriff der USA auf den Irak noch unter Beweis stellen könnte. Insofern dürften selbst magere 20 Prozent für die deutschen Sozial­demokraten kaum noch erreichbar sein.

Video
Erstes TV-Triell der Kanzlerkandidatin und -kandidaten
1:50 min
Beim WDR-Europaforum haben Grünen-Chefin Annalena Baerbock, Finanzminister Olaf Scholz und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet im Fernsehen debattiert.  © Reuters

Bei der Union entsprach bei drei der letzten sechs Wahlen das Ergebnis in etwa den Umfragen im Mai. Bei den drei anderen Wahlen aber war das Ergebnis schlechter als die Umfragewerte im Mai – 2017 betrug das Minus sogar 5,1 Prozentpunkte.

Bei der weiterhin vorhandenen Unbeliebtheit von Armin Laschet – derzeit wünscht sich nur ein knappes Drittel (31 Prozent) der CDU/CSU-Wähler von 2017 Laschet als Kanzler – ist schwer vorstellbar, dass die Union ein Ergebnis von 30 plus x Pro­zent erreichen könnte.

Anzeige
Hauptstadt Radar Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

Und bei den Grünen entsprach das Wahlergebnis – anders als oft behauptet – bei fünf der sechs letzten Wahlen in etwa dem Umfragewert im Mai. Lediglich 2013 lag das Ergebnis um 5,6 Prozentpunkte unter dem Wert der Maiumfrage.

Gute Aussichten für die Grünen

Die Grünen haben also alle Chancen, ein Ergebnis von über 20 Prozent zu erhalten. Somit zeichnet sich Ende Mai ein Zweikampf zwischen Grünen und Union darüber ab, wer bei der Bundestagswahl in vier Monaten stärkste politische Kraft wird.

Dabei haben die Grünen den Vorteil, dass ihre Kanzlerkandidatin trotz etwas bröckelnder Sympathie weiterhin beliebter ist als der Kandidat der Union. Der Union hingegen trauen mehr Bürger politische Lösungskompetenz als den Grünen und erst recht der SPD zu.

Anzeige

Die SPD könnte mit der FDP darum ringen müssen, wer denn nach Union und Grünen die drittstärkste Partei wird. Dabei kann sich die SPD auf den ihr verbliebenen treuen Stamm von Wählern stützen, die der Partei zwar nicht mehr aus Über­zeugung, aber aus alter Loyalität ihre Stimme geben.

Die FDP hingegen verfügt über keinen stabilen Kern von festen Wählern. So will derzeit nur ein Drittel (33 Prozent) der Wähler von 2017 die Liberalen auch 2021 wieder wählen. Zwei Drittel der augenblicklichen Sympathisanten sind somit eher „Treibsandwähler“, die von anderen Parteien sowie aus dem Lager der Nichtwähler stammen und sich schnell verflüchtigen können.

Da 39 Prozent dieser „Treibsandwähler“ frühere Wähler der Union sind, könnte das eine der wenigen Hoffnungen von Armin Laschet sein, doch noch Kanzler werden zu können.

Der Autor Manfred Güllner ist der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen