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Exklusive Umfrage: So ticken die Jungwähler in Deutschland

  • Für 2,8 Millionen Menschen steht am 26. September die erste Bundestagswahl ihres Lebens an – 8,7 Millionen Wahlberechtigte sind unter 30.
  • Was macht diese Generation aus? Welche Themen sind ihnen wichtig? Wie könnte ihre Wahlentscheidung ausfallen?
  • Sieben Grafiken zeigen, was die Menschen zwischen 18 und 29 Jahren bewegt.
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Am 26. September dürfen 60,4 Millionen Menschen den nächsten Bundestag in Deutschland wählen. 2,8 Millionen von ihnen stimmen dann zum ersten Mal ab.

Die Gruppe der Erstwählerinnen und Erstwähler ist die kleinste Altersgruppe unter allen Wahlberechtigten. So ist jeder Fünfte bereits über 70 Jahre alt – was der größten Altersgruppe entspricht. Und dennoch ist das Gewicht der Stimmen der unter 30-Jährigen – insgesamt 8,7 Millionen Menschen – nicht zu unterschätzen. Spätestens seit dem Engagement im Zuge der Fridays-for-Future-Proteste ist die mediale Aufmerksamkeit riesig. Es scheint, als sei die junge Zielgruppe politischer denn je. Aber ist das wirklich so?

Im Auftrag des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov eine repräsentative Onlineumfrage durchgeführt, an der mehr als tausend Wahlberechtigte teilgenommen haben. Wie ticken Jungwählerinnen und Jungwähler? Welche Themen bewegen sie? Welche Partei hat gute Chancen? Das beantworten wir in den folgenden sieben Grafiken.

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Politisiert oder doch nicht: Wer ist die Generation Z?

Rund ein Drittel der befragten 18- bis 29-Jährigen bezeichnet sich selbst als stark interessiert an Politik. Für Jugendforscher Klaus Hurrelmann ist das zufriedenstellend. „Es ist eine Generation mit einem verhältnismäßig hohen Interesse“, sagt Hurrelmann. Besonders stark findet er aber, dass lediglich 20 Prozent wenig Interesse zeigen.

© Quelle: Montage Ranke

Erschreckend ist allerdings dieser Aspekt: 49 Prozent wissen nicht, wie viele Stimmen sie bei der Bundestagswahl haben. „Da muss dringend dran gearbeitet werden“, fordert der Forscher. Er glaubt aber, dass das nicht etwa am fehlenden Interesse, sondern am komplizierten Wahlsystem in Deutschland liegt. Viele wissen einfach nicht, was mit ihren Stimmen passiere. Deswegen plädiert Hurrelmann für klare Aufklärung der Parteien, um eine hohe Nichtwählerquote zu verhindern.

Mann gegen Frau: der große Unterschied

Es ist aber nicht der einzige Punkt, der den Jugendforscher nachdenklich stimmt. Während das Interesse auf den ersten Blick überwiegend hoch scheint, zeigt folgende Zahl eine tiefe Spaltung innerhalb der Generation: 40 Prozent der befragten Frauen interessieren sich nur gering für Politik.

© Quelle: Montage Weinert/Ranke/Krenn

Diese große Differenz ist keine Ausnahme. Egal ob Interesse, Wissen oder Engagement, in allen Punkten ist der Wert unter den Frauen niedriger als bei den gleichaltrigen Männern. So denken beispielsweise viele, ihre Stimme bewirke nichts, und nur wenige können sich vorstellen, in eine Partei einzutreten. „Viele Frauen nehmen Politik sehr stark als ein Machtspiel wahr“, erklärt Hurrelmann. Demnach verlören Frauen das Interesse an Politik, wenn der Fokus zu sehr auf dem Gerangel der Kandidatinnen und Kandidaten liegt. Andersherum steige das Interesse, sobald es um Inhalte geht.

Klima, Rente, Bildung: Diese Themen beschäftigen die Zielgruppe

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Das zählt nicht nur zur Charakteristik der jungen Frauen. Im Allgemeinen treffen Jungwählerinnen und Jungwähler ihre Entscheidung vor allem aufgrund der Inhalte. So stimmten 43 Prozent der Befragten dafür, dass die Kandidatinnen und Kandidaten genauso wichtig sind wie die Programme.

© Quelle: Montage Ranke

Hurrelmann sieht darin einen wesentlichen Unterschied zu Wählerinnen und Wählern aus älteren Gruppen. „Die sind schon länger im Geschäft und schauen deswegen nicht mehr so genau hin“, erklärt er. Viele junge Leute blicken dabei nicht nur auf die Programme der etablierten Parteien, sondern informieren sich darüber hinaus.

„Einige wählen Parteien, von denen sie genau wissen, dass sie gar keine Chance haben über die Fünf­prozenthürde zu kommen”, sagt Hurrelmann. Deswegen prognostiziert er, dass viele Stimmen an die Tierschutzpartei oder aber auch an Die Partei gehen.

Aber auf welche Themen achtet die Generation besonders? An oberster Stelle stehen Umwelt- und Klima­schutz. Der Blick auf die Plätze dahinter überrascht Hurrelmann. So hätte er nicht damit gerechnet, dass Rente und Altersvorsorge so hoch rangieren: „Das ist historisch neu. Vielen jungen Leuten ist bereits bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, einen Arbeitsplatz zu bekommen, der stabil und dauerhaft Verträge sichert.“

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Umwelt- und Klimaschutz sind aber nicht nur der sogenannten Generation Greta wichtig. Auch wenn dieses Thema in der Altersgruppe der über 55-Jährigen nicht an erster Stelle steht, wählte ein größerer Anteil der Befragten diesen Aspekt als in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen. Das deutet möglicherweise auf den Austausch zwischen den Generationen hin. Wie Hurrelmann vermutet, könnte das sogar so weit führen, dass Ältere dazu bewegt werden können, mit ihrer Wahlentscheidung für Umwelt- und Klimaschutz einzustehen.

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Wahlprogramme im Check: Das planen die Parteien beim Thema Rente
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Eintrittsalter, Niveau, Steuern: Auch für die 18 bis 29-Jährigen wird das Thema Rente immer wichtiger. Die Pläne der Parteien im Überblick.

Nicht außer Acht zu lassen ist der Aspekt Sicherheit. Obwohl dieses Thema bei dieser Umfrage nur auf dem achten Platz von insgesamt 16 abgefragten Themen landet, beschreibt Hurrelmann diesen als eine der wichtigsten Charakteristika der 18- bis 29-Jäh­rigen.

Wird eine Partei eher mit der Vergangenheit verknüpft, sei das deswegen keinesfalls etwas Negatives. „Es gibt junge Leute, die aus guten Überlegungen heraus sagen, dass sie sich für Vergangenheit aussprechen, weil diese Stabilität sichert“, erklärt der Jugendforscher.

© Quelle: Montage Behrens/Weinert

So wünschen sich junge Menschen vor allem Sicherheit mit Blick auf ihre Arbeitsplätze, innere Sicherheit und den Kampf gegen die Klimakrise. Integriert eine Partei diesen Aspekt, fasst aber auch die Zukunft in den Blick, kommt sie bei vielen Jungwählerinnen und Jungwählern gut an, beschreibt Hurrelmann. Das ist auch der Grund, warum die Grünen, aber auch die FDP hoch im Kurs stehen.

Deshalb hat die AfD ebenfalls gute Karten. Vor allem junge Männer, die sich wirtschaftlich und beruflich unsicher fühlen, sollen sich von der Partei und ihren Zielen angesprochen fühlen. Entscheidend ist dabei die Zuwanderung – diese Männer sehen Migrantinnen und Migranten als Gefahr für ihre Arbeitsplätze. „Die AfD wirkt nicht als rückwärtsgewandte Partei, sondern als eine Partei, die aktiv für eine Absicherung eintritt“, so Hurrelmann.

Laschet unbeliebt, aber auch Baerbock nicht die klare Favoritin

Die Grünen stehen für viele Themen, die den Jungwählerinnen und Jungwählern wichtig sind. Deswegen sind sie die beliebteste Partei. 22 Prozent der Befragten würden sie laut unserer YouGov-Umfrage wählen (Stand: Anfang August). Schaut man allerdings auf die Kanzlerkandidaten, sieht es wesentlich uneindeutiger aus. Annalena Baerbock (Grüne) geht zwar als Favoritin aus dieser Gruppe hervor, trotzdem ist ihr Vorsprung vor ihrem Konkurrenten Olaf Scholz (SPD) sehr dünn – zumal der Großteil der Befragten keinen Kandidaten wählen würde oder es zum Zeitpunkt der Umfrage noch nicht wusste.

© Quelle: Montage Ranke

Aber auch in den älteren Gruppen zeigt sich vor allem eines: Unsicherheit. Ein Großteil der Befragten kann oder möchte sich (noch) nicht für einen der Kandidaten entscheiden.

Der Kandidat, der in der Gesamtbevölkerung der beliebteste ist, ist Olaf Scholz. Aus der Sicht der Jungwählerinnen und Jungwähler könnte das vor allem daran liegen, dass Scholz durch seine moderierende Art Parallelen zu Angela Merkel (CDU) schaffe. Wie Hurrelmann erklärt, ist diese die Generation Merkel, da sie nur die amtierende Kanzlerin als Regierungschefin kennt. Da viele in der Generation auf Sicherheit und Stabilität setzen, ist Scholz nach Merkel die logische Wahl, so Hurrelmann. Zeitgleich steht er aber auch für klare Positionen, was die Beliebtheit steigert.

Ganz im Gegenteil zu Armin Laschet (CDU). Dieser kommt laut Hurrelmann vergleichsweise schlecht an, weil er selten über konkrete Inhalte spricht – genau das, was sich die junge Zielgruppe wünscht.

Und auch die vermeintliche Lieblingskandidatin Baerbock schwächelt. Während sie zu Beginn des Wahlkampfes noch durch starke Inhalte auftrumpfen konnte, hat sie durch die Diskussionen um ihren Lebenslauf und die Plagiatsvorwürfe ordentlich Authentizität einbüßen müssen, so Hurrelmann.

Fazit: Politisch, engagiert, unentschlossen

Die Jungwählerinnen und Jungwähler in Deutschland machen ihrem Namen „Generation Greta” alle Ehre, denn durch die Daten zeigt sich: Ja, sie sind politisch interessiert und ja, Umwelt und Klima sind die entscheidenden Punkte bei der Wahl. Dennoch lässt sich eine gewisse Unsicherheit spüren – vor allem bei den befragten Frauen.

Und auch wenn diese Gruppe bei dieser Bundestagswahl zahlenmäßig die kleinste aller Altersgruppen ist, wird deutlich: Sie könnte eine entscheidende Rolle spielen.

Zur Methode: Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat im Auftrag des RND im Zeitraum vom 30. Juli bis zum 5. August eine Onlineumfrage unter Wahlberechtigten in Deutschland durchgeführt. Insgesamt haben 1998 Personen aller Altersgruppen teilgenommen.

Darunter fallen 348 Personen, die zwischen 18 und 29 Jahren alt sind. Um ein repräsentatives Ergebnis gesondert für diese Altersgruppe zu erhalten, wurde diese Gruppe erweitert. Somit haben insgesamt 1048 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 18 und 29 Jahren die Umfrage beantwortet. Die Ergebnisse sind für beide beschriebenen Gruppen repräsentativ.

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