Sieger ohne Glanz – Laschet führt die Union in den Wahlkampf

  • Im Machtkampf um die Unionskanzlerkandidatur hat sich CDU-Chef Armin Laschet durchgesetzt.
  • CSU-Chef Markus Söder räumt das Feld – nicht ohne den Hinweis aus seiner Partei, er sei der „Kanzlerkandidat der Herzen“.
  • Und nun äußert sich, nach langem Schweigen in den aufreibenden nächtlichen Sitzungen, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.
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Berlin. Nach vielen Stunden Debatten, nach Nachtsitzungen und einem Haufen scharfer Worte ist der Kampf entschieden. Und der Verlierer tritt lächelnd vor die Kameras. „Die Würfel sind gefallen. Armin Laschet wird Kanzlerkandidat der Union“, sagt Markus Söder. Der CSU-Chef hat in den Modus Versöhnung, Verlässlichkeit und Vertrauen geschaltet. „Mein Wort, das ich gegeben habe, gilt“, sagt er. Kaum einer kann solche Drehungen vom Angriff zum sanften Schnurren schwindelfrei schneller vollziehen. Machtkampf? War da was?

Söder verspricht auch noch, Laschet „ohne Groll und mit voller Kraft“ zu unterstützen. Es ist ein kurzes Statement in der CSU-Zentrale in München, keine Fragen sind zugelassen – nicht dass da doch irgendwie noch der Ärger durchsickert.

In der Nacht hat sich der CDU-Vorstand für Laschet ausgesprochen, nicht einstimmig, aber mit deutlicher Mehrheit.

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Söder gibt auf und akzeptiert CDU-Votum für Laschet
0:51 min
Markus Söder wird das CDU-Vorstandsvotum für ihren Vorsitzenden Armin Laschet als Kanzlerkandidaten akzeptieren. Das gab der CSU-Chef am Dienstag bekannt.  © dpa

Auch der Sieger tritt vor die Kameras, 500 Kilometer entfernt. Er hat sich aufgeschrieben, was er sagen will. „Wir haben entschieden, welches personelle Angebot CDU und CSU machen“, sagt Laschet in der CDU-Zentrale in Berlin, er bleibt ernst dabei. Kein Triumph, kein Schnörkel, Bürokratensprache kann manchmal auch eine Zuflucht sein.

Kein Schulterklopfen, kein Strahlen des Siegers

Ein Signal des Aufbruchs, des gemeinsamen Kampfeswillens ist das nicht. Es fehlen die Bilder, die traditionell einen Wahlkampfauftakt begleiten, der Jubel, das Schulterklopfen, keine in die Höhe gereckten Arme, kein Strahlen des Siegers, keine großmütige wie respektvolle Geste des Unterlegenen, wie am Vortag bei den Grünen. Da versicherte Robert Habeck seiner Grünen-Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock glaubhaft: „Die Bühne gehört dir.“

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Söder und Laschet bleiben jeder für sich.

Die Bühne für den Kampf ums Kanzleramt, für den härtesten Job, den die deutsche Politik zu vergeben hat. Um ihn zu erlangen, braucht man Kondition und Kraft genauso wie Vertrauen und Vertraute.

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Laschet dankt Söder und der CSU für „fairen Umgang“
2:30 min
Unionskanzlerkandidat und CDU-Chef Armin Laschet bedankt sich beim CSU-Vorsitzenden und Kontrahenten Markus Söder und der bayerischen Schwesterpartei.  © Reuters

Für die Union steht da nun Armin Laschet. 60 Jahre alt, CDU-Parteichef und nordrhein-westfälischer Ministerpräsident. Er hat sich durchgeboxt – weniger mit offensiven Schlägen als mit seinen inzwischen schon legendären Nehmerqualitäten. Er ist einfach stehen geblieben. Auch als Söder ihm mit einem Überraschungsangriff über ein Bündnis mit der Basis der Union die Kanzlerkandidatur streitig machen wollte.

Ruhe wird wohl nicht so schnell in der Union einkehren

Viele in der CDU, auch Prominente wie die Ministerpräsidenten Tobias Hans aus dem Saarland und Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt hatten sich für den Vorsitzenden der kleineren Schwesterpartei ausgesprochen. Auch viele CDU-Bundestagsabgeordnete wollten den eigenen Parteichef nicht. Diese Stimmung reichte bis in Teile der Kommunalpolitik. Es war ein Misstrauensvotum gegen den gerade erst im Januar gewählten CDU-Vorsitzenden der Christdemokraten Laschet.

Es ist nicht damit zu rechnen, dass nun schnell Ruhe in der Union einkehrt. Söder betont bei seinem Auftritt ausführlich die breite Unterstützung für seine Kandidatur auch aus der CDU. Den harten Machtkampf um die Kandidatur bezeichnet er als „Angebot“ seinerseits. Sein Generalsekretär Blume sagt: „Markus Söder war erkennbar der Kandidat der Herzen.“ In Berlin kontert sein CDU-Amtskollege Paul Ziemiak, Laschet sei „der Kanzlerkandidat der gesellschaftlichen Mitte“. So viel zum Thema Groll.

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Auf der Facebook-Seite der CDU wird deutlich, dass es an der Basis tatsächlich einigen Unmut über die Entscheidung des Vorstands gibt. Viele CDU-Mitglieder trauen Laschet einen Sieg bei der Bundestagswahl nicht zu. Egal, welches Umfrageinstitut die Union zurate zieht, überall ergibt sich das gleiche Bild: Traumwerte für Markus Söder und ein verheerendes Image für Armin Laschet. Eine Mehrheit der Bevölkerung glaubt nach heutigem Stand nicht, dass er Probleme löst und die Zukunft gestaltet.

Laschet baute CDU in NRW mit Beharrlichkeit wieder auf

Aber so ist es schon oft gewesen: Laschets Karriere ist davon geprägt, dass er immer wieder übrig geblieben ist. Nie war sich der Jurist mit dem rheinischen Singsang zu schade bereitzustehen, wenn andere verloren und einen Scherbenhaufen hinterlassen hatten.

So folgte er Norbert Röttgen nach dessen desaströser Niederlage bei der NRW-Wahl 2012 nach. Er übernahm die Landespartei und den Fraktionsvorsitz im Landtag und baute die CDU in NRW mit Beharrlichkeit wieder auf. Am Ende wurde er Ministerpräsident, weil seine SPD-Vorgängerin Hannelore Kraft abgewirtschaftet hatte.

Dann gelang es ihm, geräuschlos eine Koalition mit der FDP zu führen, die mit nur einer Stimme Mehrheit regiert. Für seine Ambitionen, Parteichef und Kanzlerkandidat zu werden, überredete er seinen schärfsten parteiinternen Gegner Jens Spahn, mit ihm ein Team zu bilden. Man darf diesen Mann also nicht unterschätzen, nur weil er jovial ist und gelegentlich eine gewisse Wurstigkeit ausstrahlt.

Welchen Machtwillen Laschet hat, bewies er in der Nacht zu Dienstag. Für Montagabend trommelte er den CDU-Vorstand per Videoschaltkonferenz zusammen. Er wolle einen Beschluss am selben Abend, stellte er zu Beginn klar. „Heute ist der Tag der Entscheidung“, sagte er. Und: „Ich bin bereit, für uns die Kanzlerkandidatur zu übernehmen.“ Zugleich rief er zu einer offenen Debatte auf. Mehr als 50 Teilnehmer waren in der Leitung. Fast alle meldeten sich zu Wort. Laschet wollte nur eins an diesem Abend: abstimmen.

Allen war klar, was eine schnelle Entscheidung bedeutet: Laschet

Zuvor hatte Markus Söder da aus München das Signal gesendet, ein Votum des CDU-Vorstands akzeptieren zu wollen. Allerdings: Auch in der Woche zuvor hatte Söder von einem Tag auf den anderen seine eigenen Beteuerungen uminterpretiert. Für Laschet allerdings war das Fenster einen Spalt offen. Aber als er sich in der folgenden denkwürdigen Sitzung mit Macht gegen das Fenster stemmte, um es ganz zu öffnen, standen davor zahlreiche führende CDU-Politiker, die es lieber schließen wollten.

Turbulent war es in dieser Versammlung. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob die Entscheidung noch am Abend fallen oder ob man doch noch einmal die Basis befragen sollte. Allen Beteiligten war da klar, dass eine schnelle Entscheidung bedeutet: Laschet – und dass jede zusätzliche Stunde auf Söders Konto einzahlen würde. Der Berliner Landeschef Kai Wegner, dessen Verband auf Söders Seite stand, schlug eine Kreisvorsitzendenkonferenz vor. Das überlegene Laschet-Lager bügelte die Forderung ab.

Aber die Junge Union, die meisten Ost-Landesverbände und Rheinland-Pfalz meldeten sich mit Bedenken. Es war eine starke Minderheit. Ausgerechnet der brave Parteisoldat Peter Altmaier durchkreuzte Laschets Pläne. Er forderte, die Basis zur K-Frage anzuhören. Seine Sorge: Der Streit um Laschets Kandidatur war nicht nur eine Frage zwischen CDU und CSU. Er hatte auch das Potenzial, die CDU tief zu spalten und damit den Wahlkampf zu verhageln.

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Schon während der Schaltkonferenz wurde aber deutlich, dass die Laschet-Befürworter klar in der Mehrheit waren. Nicht alle von ihnen waren gänzlich überzeugt. Das galt auch für den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, der Abstimmungstreffen im Vorfeld organisiert hatte und also als einer der Architekten der Laschet-Kandidatur gelten kann.

Zum Ende wird die Sitzung geradezu grotesk

Am Ende wog aber auch das Argument schwer, dass CDU-Chef Laschet und damit die gesamte Partei schweren Schaden nehmen würden, wenn Söder Kanzlerkandidat würde. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der seit 1972 im Bundestag sitzt und schon jede Auseinandersetzung zwischen CDU und CSU miterlebt hat, argumentierte so. Er habe eine „Atombombe“ mit seiner Warnung gezündet, dass der ganze Vorstand und Laschet sowieso ins Wanken gerieten, wenn Söder es würde, heißt es in der CDU.

Zum Ende wurde die Sitzung geradezu grotesk. Während Laschet im Stundentakt die Entscheidung forderte, hatte sich niemand darum gekümmert, wie eine Abstimmung technisch ablaufen sollte. Dieses Versäumnis versuchten die Söder-Fans noch einmal auszunutzen, um eine Entscheidung doch noch zu verhindern. Aber auch dieser Versuch schlug fehl. 31 Vorstandsmitglieder votierten schließlich in geheimer Abstimmung für Laschet, neun für Söder. Sechs weitere enthielten sich.

In der Bundestagsfraktion am Dienstag, in der eine Woche zuvor über Stunden sehr harsch diskutiert worden war, blieb eine Revolte aus. „Alle sind erschöpft“, resümierte ein Söder-Fan in der CDU. „Die Reflexe funktionieren.“ Man richtet sich auch nach der neuen Macht, zumindest fürs Erste.

Junge-Union-Chef Tilman Kuban forderte Verbesserungen ein: Laschet habe „kein Bild eines Wahlsiegers“ vermittelt. „So können wir nicht in den Wahlkampf ziehen – organisatorisch und im parteiinternen Umgang.“

Merkels Glückwünsche kommen über den Twitter-Account ihres Sprechers

Laschet gibt sich gelassen. „Ich weiß, dass sich manche eine andere Entscheidung gewünscht hätten“, sagt er. „So ist das in einer Demokratie.“

Und es sei doch gut, dass die CDU so eine offene Debatte geführt habe. „Ich bin ein Mensch, der das offene Wort schätzt. Wenn man es schätzt, muss man damit leben, dass es ausgesprochen wird.“ Bleiben Verletzungen? Nein, sagt Laschet. Und dann nimmt er Zuflucht bei Friedrich Merz, seinem Konkurrenten um den Parteivorsitz. Dessen Unterstützung in der K-Frage zeige: „Man kann aus einem Wettbewerb so zusammenkommen, dass ein neues Team entsteht.“

Und dann, als endlich alles klar ist, taucht auch die Frau auf, um deren Job es die ganze Zeit geht. In Sachen K-Frage hatte sich Angela Merkel bisher in Schweigen gehüllt. Nun verbreitet ihr Sprecher per Twitter ihre Glückwünsche an Laschet. „Ich freue mich auf die kommenden Monate unserer Zusammenarbeit.“ Ob sie das bei Söder auch so formuliert hätte, bleibt ihr Geheimnis.

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