Angela Merkel, die mächtigste Ostdeutsche

  • Von der Uckermark auf die Weltbühne: Die Bundeskanzlerin ist in der DDR aufgewachsen – und sozialisiert.
  • Diese Prägung zeigt sich noch heute, auch in ihrem Politikstil.
  • Ein Blick in die Biografie.
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Sie hat nie eine große Sache daraus gemacht. Ihre Heimat Uckermark nicht vor sich hergetragen wie ein Horst Seehofer sein Bayerischsein oder Helmut Kohl seine pfälzische Herkunft. Nimmt man es genau, ist Angela Merkel eigentlich Hamburgerin. In Eimsbüttel ist sie 1954 als Tochter von Horst und Herlind Kasner geboren. Doch nur kurze Zeit später siedelte die junge Familie über in die DDR, erst in die brandenburgische Prignitz, dann nach Templin in der Uckermark. Sie waren also freiwillig dort zu einer Zeit, in der die Übersiedlung eher in die entgegengesetzte Richtung vonstattenging – und so war die Bundeskanzlerin irgendwie auch früh anders als die anderen.

Vater Horst Kasner, der Theologe, war nach Templin berufen worden, um ein Weiter- und Fortbildungszentrum der evangelischen Kirche aufzubauen. Auf dem Gelände des Waldhofs, idyllisch abgelegen außerhalb des Stadtgebietes von Templin, wo auch geistig behinderte Menschen untergebracht waren. Pfarrer Kasner schuf im Waldhof einen Ort, von dem “viele Ermutigungen und Anregungen” ausgegangen waren, wie es in der Festschrift zum 150-jährigen Bestehen der Einrichtung heißt. Man könnte auch sagen: ein Ort, in dem während des DDR-Regimes vieles anders war als im übrigen Teil des Arbeiter- und Bauernstaates. “Hier gab es Bücher und Gespräche, die innerhalb der Stadtmauer verboten waren und die man deswegen geheim halten musste. Hier war von der Eigenverantwortung des Einzelnen die Rede und von bürgerlichen Werten, in denen humanistische Bildung, Geschichte und Kultur eine Rolle spielten”, fasst es die Journalistin Evelyn Roll in der Merkel-Biografie “Die Kanzlerin” zusammen.

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Was ist “ostdeutsch” an Angela Merkel?

So lernte die Musterschülerin (Klassenbeste in Russisch und Mathematik) Angela Kasner früh, sich zwischen den Welten zu bewegen. Elemente ihres Politikstils sind, so gesehen, auch ostdeutsch geprägt: Sie lässt sich nicht in die Karten gucken, so sehr das Gegenüber sie auch herausfordert, und sagt eigentlich nie etwas Undurchdachtes und Unfertiges. Schon damals war das sicher nicht die schlechteste Taktik. Was ist denn “ostdeutsch” an Angela Merkel? Vielleicht dieses: Sie ist pragmatisch, schweigsam, auf der Hut, fleißig, zuweilen schnippisch, skeptisch, was Dekadenz, Protz, Prahlerei und Selbstdarstellung angeht. Das hat sie mit vielen Märkern, Mecklenburgern oder Sachsen gemein. Und das hat sie sich bewahrt. Sie sagt dann eben so Sätze wie: “Ich habe eine Modellrechnung gemacht”, um ihre Corona-Politik zu erklären – während andere Politiker auf den großen Weltbühnen eher mit alarmierend lauter Wortwahl vor die Kameras treten.

Angela Merkel beim Interview mit dem RND im Kanzleramt. © Quelle: Janine Schmitz/photothek.net
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In den Siebzigern tauchte Angela Merkel, 1977 heiratete sie ihren ersten Mann Ulrich Merkel, in die Physik ab: Studium und Diplom an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, danach Forschung und Dissertation in Ost-Berlin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie. Während die Mauer fiel am 9. November 1989, war Angela Merkel in der Sauna, wie sie später in mehreren Interviews berichtete. “Als ich mit meiner Saunatasche zurückkam in die Schönhauser Allee – direkt an der Bornholmer Straße –, da sah ich, wie die Leute herunterliefen. Dann bin ich einfach den Leuten hinterher”, so erzählte sie es mal. Sie ging an diesem historischen Abend einfach rüber in den Westen, in diesem Fall den Berliner Bezirk Wedding – und wurde 16 Jahre später Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Als ostdeutsche Frau. Heute sagt sie: “Dass zu meinen Lebzeiten die deutsche Einheit Wirklichkeit wird, hatte ich bis zum Fall der Mauer nicht erwartet. Ich hatte mein Leben darauf ausgerichtet, dass das noch lange nicht passiert”, wie sie im Interview mit dem RND berichtet.

Regelmäßige Termine im Wahlkreis – auch als Kanzlerin

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In den Wendejahren engagierte sich Merkel bei der neu gegründeten politischen Gruppierung “Demokratischer Aufbruch”, unter anderem als Pressesprecherin. Die Gruppe bestand bis zu ihrer Fusion mit der ehemaligen Blockpartei Ost-CDU im August 1990. Im Frühjahr des Einheitsjahres wird Merkel stellvertretende Regierungssprecherin der ersten und zugleich letzten demokratisch gewählten Regierung der DDR mit dem Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Ihr erstes Bundestagsmandat erringt sie im Dezember 1990 – ihren Wahlkreis in Vorpommern Rügen-Greifswald gewinnt sie seither immer direkt. Und noch heute, auch mit vollem Terminkalender als Bundeskanzlerin, nimmt sie regelmäßig Termine im Wahlkreis wahr. Dort begegnet man ihr ungezwungener, da kennt man sie eben schon lange. Ob sie nun Frauenministerin oder Umweltministerin im Kabinett Kohl war, CDU-Vorsitzende oder eben Bundeskanzlerin.

Merkel ist die Ostdeutsche, die mit ihrem Aufbruch in die freie, demokratische Welt am weitesten gekommen ist. Sie habe gelernt, so sagt sie heute, dass Veränderung etwas Gutes ist. Ihre Motivation für die Politik war dieser neue, gemeinsame Staat mit seiner freien Meinungsäußerung, den Grundrechten, dem Parteiensystem, der Gewaltenteilung und den rechtsstaatlichen Grundsätzen. Besonders in den Krisen, die diese Grundfesten bedrohten, war sie in den vergangenen Jahren stark. Sie blockte alle Gefahren der Welt ab und sendete das Signal: “Macht euch keine Sorgen, ich mach das schon.” Gerade für den wandlungsgeplagten “Ossi” ein beruhigendes Signal. Doch der hatte in den vergangenen Jahren zunehmend das Gefühl, von “seiner” Kanzlerin vergessen worden zu sein – die Kritik an Angela Merkel war mit dem Aufkommen von Pegida in Dresden und seit dem Jahr der großen Flüchtlingsströme 2015 besonders laut, wütend und vehement.

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