Bundesamt fordert besseren Meeresschutz

Die Bürger sind in Sorge um das Meer – das fand das Bundesamt für Naturschutz in einer Studie heraus, die es am Freitag vorstellt. Naturbewusstsein sei allerdings auch eine Frage des sozialen Status, sagt Präsidentin Beate Jessel im RND-Interview.

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Berlin. Beate Jessel ist seit 2007 Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Zuvor lehrte die gebürtige Stuttgarterin Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung in Potsdam und München.

Frau Jessel, Sie haben das Naturbewusstsein der Deutschen untersucht und stellen die Ergebnisse heute vor. Was fanden Sie heraus?

Den Bürgern ist Naturschutz wichtig. Naturthemen stoßen etwa in den Medien auf konstant hohes Interesse. Im politischen Alltagsgeschäft aber werden sie von anderen Themen verdrängt, beispielsweise von der Finanz-, Migrations- oder Koalitionskrise. Da hapert es dann an der Umsetzung von Naturschutzpolitik.

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Der Schutz der Meere steht im Mittelpunkt Ihrer Studie. Warum?

Hier gibt es große Konflikte bei der Ausweisung und Umsetzung von Schutzverordnungen, bei Regelungen für eine nachhaltige und naturverträgliche Fischerei. Da hat es uns interessiert, wie stark das Thema im Bewusstsein der Menschen verankert ist.

Und?

Das Problembewusstsein der Menschen für die Gefährdung des Meeres ist hoch. Plastikmüll steht unter den benannten Gefährdungsursachen an erster Stelle. 78 Prozent sehen darin ein sehr großes Problem, gefolgt von der Erdölverschmutzung und radioaktiven Abfällen im Meer. Zudem beklagen 65 Prozent den Verlust von Tier- und Pflanzenarten.

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„Das Problem sind die großen Fangflotten“

Wirkt sich das auf das Konsumverhalten aus?

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Eine große Mehrheit von 92 Prozent möchte sich darauf verlassen können, dass der Handel keine Fischprodukte von bedrohten Arten anbietet. 90 Prozent befürworten die Kennzeichnung von Produkten aus naturschonender Fischerei. Es gibt in der Gesellschaft einen starken Rückhalt für strengere Regeln hin zu einer nachhaltigen Fischerei - selbst wenn Fisch dadurch teurer würde.

Was schlagen Sie vor?

Das Problem sind die großen, industriell ausgerichteten Fangflotten. Es braucht auf europäischer Ebene strengere Fangquoten für einzelne Fischarten. Denn 90 Prozent der Fischbestände in der Nord- und Ostsee sind überfischt.

Steigert die starke mediale Präsenz des Themas Plastik die Sensibilität für die Meeresumwelt?

Ich vermute, ja. In den Berichten geht es meist um große Plastikteile. Dabei ist Mikroplastik das noch größere Problem. Es findet sich in Wasch- und Putzmitteln oder Kosmetika. Über unser Abwasser gelangt es in die Meere, von wo aus es sich über die Meeresorganismen in den Nahrungsketten anreichert.

Junge Menschen interessieren sich weniger für Naturschutz

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Sie fanden heraus, dass sich junge Menschen weniger für Naturschutz interessieren als ältere. Wie kommt das?

18- bis 29-Jährige weisen zum Teil ein deutlich schwächeres Naturbewusstsein auf als ältere Menschen. Das liegt wohl am zeitlichen Erfahrungshorizont. Wer mit Windkraftanlagen und einer technischen Überprägung der Landschaft aufwächst, kann den Verlust von Naturlandschaften nicht bedauern. Umso wichtiger ist es, dass wir mehr Schutz- und Wildnisgebiete erhalten. Was Menschen nicht kennen, können sie nicht wertschätzen.

Ist Naturbewusstsein auch eine Frage des Geldbeutels?

Es gibt schichtspezifische Unterschiede. Einkommensschwachen, bildungsfernen Menschen bleibt die Natur oft weitgehend fremd und verschlossen. Da braucht es mehr direkte Ansprache, etwa durch Freizeit- und Erlebnisangebote im Freien, Lehreinheiten an Schulen oder städtische Gartenprojekte. Menschen mit höherem Einkommen und besserer Bildung haben eine tendenziell positivere Einstellung zu Naturschutz - allerdings verbrauchen sie auch deutlich mehr Ressourcen. Soziale und ökologische Gerechtigkeit hängen eng zusammen.

Von Marina Kormbaki / RND

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