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  • Britische Familie erobert Youtube mit Lockdown-Parodien: Eltern im Interview

„Totally fixed where we are“: Die britische Familie Marsh spricht über ihre viralen Familienhits

  • Überall sind Familien besonders hart vom Lockdown und geschlossenen Schulen betroffen.
  • Eine britische Familie zeigt, wie man die ganze Sache auch mit Humor nehmen kann. Der Historiker Ben Marsh, seine Frau Danielle und ihre vier Kinder schreiben Lockdownparodien zu Hits – und werden zum Welterfolg auf Youtube.
  • Im RND-Interview erzählen Ben und Danielle Marsh, wie die Songs entstehen, wie sie als Eltern den Lockdownalltag erleben und welche Pläne sie für die Zukunft haben.
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Berlin. Seit Beginn der Pandemie nimmt eine britische Familie Lockdownsongs im heimischen Wohnzimmer auf und stellt sie auf Youtube. Hinter ihren Mikrofonen, vor zugezogenen Vorhängen zeigt die sechsköpfige Familie Marsh aus Faversham in Kent, wie Corona-Frust und Witz zusammenpassen. Die Eltern Danielle und Ben und die Kinder Alfie, Thomas, Ella und Tess zeigen der Welt, wie man dem Koller durch Homeschooling und Eingesperrtsein entkommt – durch Singen und Selbstironie. Jetzt haben sie Bonnie Tylers 1980er-Welthit „Total Eclipse of the Heart“ in „Totally Fixed Where We Are“ umgedichtet. Ein Song über den Überdruss am Dauerlockdown, der gleichzeitig Mut macht. Binnen einer Woche haben schon 1,8 Millionen Menschen den Song auf dem Youtube-Kanal der Familie angeklickt. Mit Ben und Danielle Marsh sprach RND-Reporter Jan Sternberg.

Guten Tag, wie geht es Ihnen in Kent? Seit wann sind Sie wieder im Lockdown?

Ben Marsh: Seit kurz nach Weihnachten sind wir wieder im landesweiten Lockdown. Die Schulen haben noch bis zum 8. März geschlossen und wir sind auch im Homeoffice, wir arbeiten an der Universität von Kent.

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Sie haben vier Kinder zwischen 9 bis 14 Jahren. Wie klappt der Distanzunterricht?

Ben: Nun ja, sie bringen an den Vormittagen so schnell wie möglich ihren Onlineunterricht hinter sich und verbringen den Rest des Tages an Bildschirmen ihrer Wahl.

Danielle Marsh: Außer heute, es hat richtig viel geschneit und sie sind mit den Schlitten draußen.

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Hier liegt auch jede Menge Schnee. Und die Schulen sind noch mindestens eine Woche zu.

Ben: Es ist spannend, zu sehen, wie ähnlich die Maßnahmen gerade in ganz Europa sind. Die britische Regierung hat ja vergangenes Jahr viel langsamer und ineffektiver reagiert und dafür viel Kritik eingesteckt. Jetzt scheinen Deutschland, Irland, Frankreich und andere Länder auf einem ähnlichen Stand zu sein wie wir – allerdings ohne die verheerenden Todeszahlen, die wir zu beklagen hatten.

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Danielle: Vor einem Jahr im März war alles so merkwürdig und bizarr. Nun ist es merkwürdig, wie normal uns dieses Lockdownleben inzwischen vorkommt.

Dennoch bleibt eine neue Unsicherheit, auch wegen der Mutationen. Wie viel vom verbleibenden Jahr 2021 wird „normal“ sein? Welche Pläne können wir machen? Ich finde, diese Unsicherheit haben Sie sehr schön in „Totally Fixed Where We Are“ aufgefangen.

Ben: Danke. Wir wohnen ja in Kent, das jetzt dauernd in den Nachrichten war. Wegen des Brexits und der Lkw-Staus – und wegen der Mutation, für die Kent verantwortlich gemacht wird. Wir sind froh, dass wir von Kent aus für etwas bessere Laune sorgen können.

„Struggling to tell the days apart“ singen Sie, „es wird schwer, die Tage auseinanderhalten zu können“ – und „we’re in mental decline“, „wir sind im geistigen Niedergang“. Aber Sie alle singen das mit einem Lächeln. Und sogar Bonnie Tyler selbst gratuliert ihnen dazu.

Ben: Es ist eine andere Art von Lockdowndepression. Dieser Zustand ist jetzt Routine geworden. Und das ist natürlich ein tief trauriger Zustand auf eine bestimmte Art.

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Danielle: Da draußen ist eine riesige globale Aufgabe, und wir hoffen, dass alles bald vorbei ist. Und gleichzeitig hast du so viele kleine Aufgaben in einem Familienalltag zu erledigen. Die Haustiere verlangen Aufmerksamkeit, man hat nie genug Essen im Haus, die Kinder wachsen und die Klamottenläden sind zu, die Druckerpatronen sind auch dauernd alle… Ich habe das Gefühl, ich koche den ganzen Tag und räume Geschirr ab und damit ist der Tag schon wieder vorbei.

Und am nächsten Morgen geht es von vorne los.

Danielle: Ich fühle mich wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Von morgens bis abends sage ich jeden Tag Dasselbe: „Könntest du bitte dein Bett machen?“ – „Wer hat hier sein Handtuch liegen lassen?“ Wenn ich einfach eine Aufnahme mit diesen Sätzen abspielen würde, könnte ich morgens länger liegen bleiben.

Ben: Wir könnten das im ganzen Haus über Lautsprecher abspielen: „Dies ist eine wichtige offizielle Durchsage: Frühstück ist fertig. Bitte bringt das dreckige Geschirr aus dem Wohnzimmer mit.“

(beide lachen)

Danielle: Wir haben keine Kontrolle über die Pandemie da draußen. Wir können nichts tun, außer zu Hause zu bleiben. Und daher werden die kleinen Dinge so groß. Das bedeutet der Song für uns: Du hast keine Kontrolle mehr, nur einen Haufen kleiner Sachen, um die du dich kümmern musst.

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In Ihrem ersten Lockdownsong haben Sie sich darüber beklagt, wie schwierig Lebensmittelliefertermine zu bekommen waren. Das kam mir auch sehr bekannt vor.

Danielle: Ja, ich habe einmal um Mitternacht den Rechner angeschaltet, weil mir jemand gesagt hat, dass die Läden dann ihrer Lieferfenster freischalten. Es klingt verrückt, aber es war ein wirkliches Problem, genug Vorräte heranzuschaffen.

Wie entstehen nun Ihre Lockdownsongs? Wer ist die treibende Kraft dafür in der Familie?

Danielle: Wir haben schon immer Songs zu Weihnachten aufgenommen, um sie den Verwandten zu schicken. Das war immer schon ein kleines Familienprojekt. Manchmal sitzen wir zusammen am Tisch und überlegen uns, welcher Song funktionieren könnte. Dann sagt Ben: Ich denke mir ein paar Zeilen aus, und verschwindet für einen längeren Zeitraum im Arbeitszimmer, während ich da draußen rotiere, Abendessen koche und einfach viel los ist. Dann kommt er mit einem Textvorschlag raus und jeder sagt etwas zu seinen Zeilen. „Nein, das singe ich nicht“, „Das wäre besser“. Ben ist die treibende Kraft und wir lassen uns gerne von ihm treiben.

Ben: Wir haben einen gemeinsamen Fundus von Songs, die wir früher auf den langen Autofahrten zu den Großeltern gehört haben. Viele 80er- und 90er-Hits und Musicals. Im Sommer wollten wir ein paar Aufnahmen mit Instrumenten machen, aber die Kinder fanden, dass es Arbeit wäre, wenn sie dafür üben müssten. Das Singen ist einfach Spaß für sie.

Danielle: Die Welt schaut uns dabei zu, wie wir uns die Freiheit nehmen, mit den Songs zu spielen. Einige haben gut funktioniert, andere nicht so gut. Einige waren witzig, andere haben etwas ausgelöst.

Sie haben Leonard Cohens „Halleluja“ zu einem Impfsong verarbeitet: „Have the New Jab“. Der ist ungewöhnlich ernsthaft, weil er die Impfkritiker und Verschwörungserzähler frontal angreift.

Ben: Der Song hat auch mehr als eine Million Zuschauer bekommen. Natürlich haben wir jede Menge unschöner Zuschriften aus der Impfgegnerszene bekommen, aber das wurde mehr als aufgewogen durch sehr viel Zuspruch von Ärzten, Krankenschwestern und Impfteams.

Wie werden die Kinder auf die Lockdownzeit zurückschauen? Nach einer aktuellen Studie zeigt jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten wegen der Einschränkungen. Haben es Ihre Kinder vielleicht einfacher als andere, weil sie mit vielen Geschwistern aufwachsen?

Ben: Bestimmt. Und wir haben noch aus anderen Gründen Glück. Unsere Kinder sind zwischen neun und 14 Jahren alt. Sie sind noch nicht in der Phase, wo sie sich von Zuhause abnabeln und für Abschlussprüfungen lernen müssten. Sie sind alt genug, um das Homeschooling eigenständig hinzubekommen. Wir können ihnen vertrauen, dass sie ihre Aufgaben schaffen, auch wenn sie danach wahrscheinlich eher Tetris spielen als Dokus über den Klimawandel anschauen. Das Wichtigste aber ist: Wie bleiben wir als Familie zusammen stark? Und da helfen die Songs. Sie geben uns ein gemeinsames Projekt, eine gemeinsame Reise, zu der jeder etwas beiträgt.

Danielle: Ich bereue keine Sekunde, dass sie zu viert sind. Sie sind gute Freunde, sie können zusammen spielen, sie haben einander. Ihnen fehlen die Cricket- und Fußballspiele, aber wir hatten auch eine wunderbare Zeit zusammen, die wir ohne diese furchtbare Situation nicht gehabt hätten. Daran denke ich immer, wenn mir die Unruhe in meinem eigenen Haus zu viel wird.

Aber ihnen fehlt so viel – die Freunde, die Klassenreisen, das Training…

Danielle: .. und man kann sich zu immer weniger aufraffen: „Wir haben lange Wanderungen gemacht und nun schaffen wir es noch nicht mal in den Park“.

Ben: Was wir mit diesem Song sagen wollten: Es wird immer härter, eine positive Grundstimmung zu behalten.

Danielle: Wir machen keine Pläne mehr, weil es umso frustrierender ist, dann doch wieder absagen zu müssen, weil es noch nicht vorbei ist. Bis wir geimpft werden, wird es auch noch dauern…

… ich dachte, Großbritannien ist Impfweltmeister?

Danielle: Es ist dennoch nicht einfach mit dem Nachschub, mit der zweiten Dosis. Bis zum Jahresende wird es bestimmt deutlich besser.

Haben Sie einen Sommerurlaub gebucht?

Ben: Nein, noch nicht. Wir sind sehr proeuropäisch, wir sind extra nach Kent gezogen, weil wir in 20 Minuten am Kanaltunnel sind. Wir würden zu gerne nach Frankreich oder Belgien im Sommer. Wir müssen abwarten. Wenn es geht, freuen wir uns.

Und machen die Kinder Pläne?

Ben: Kinder leben im Jetzt. Sie kommen jetzt mit all diesen Einschränkungen klar. In dem Moment, wo wir ihnen wieder die Freiheit gestatten können, werden sie sie mit beiden Händen ergreifen. Da sind wir uns sicher.

Und was passiert mit den Songs, wenn alles vorbei ist?

Ben: Es ist alles etwas eigenartig. Wir hatten ja keine Ahnung, was passiert, wenn so etwas viral geht. Diese Woche haben uns Menschen aus Bratislava, aus Lettland, aus Alberta in Kanada geschrieben. Sie haben geschrieben: Wir fühlen dasselbe. Sie haben uns kleine Fenster in ihre Leben gegeben, ihre Lieblingslieder aufgeschrieben. Die Welt ist in diesen Wochen auf andere Weise miteinander verbunden. Und dennoch sind wir in unseren Wohnungen gefangen. Wenn das alte Leben wieder beginnt, wird sich das alles ganz schnell zerstreuen.

Machen Sie dann weiter?

Ben: Wir haben unsere Social-Media-Auftritte und könnten weitermachen. Wir wollen ja kein Geld damit verdienen. Es war auf jeden Fall richtig, in dieser Zeit das Fenster aufzumachen und den Leuten einen Einblick in unser Wohnzimmer zu geben und Dinge zu teilen, mit denen viele, viele Familien zurzeit umgehen müssen – und ihnen so einen Ausweg zu zeigen.

Vielen Dank dafür – und viel Glück!

Danielle: Danke! Oh, da kommt jemand ins Haus. Ich muss los. Sonst ist die Küche gleich voller Schnee.

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