Brexit: Europa ist wunderbar. Packen wir es an.

  • Mit dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU steht Europa vor großen Aufgaben.
  • Es ist Zeit, sich nicht mehr durch den Blick nach London ablenken zu lassen.
  • Die EU muss sich auf ihren Ursprung besinnen – und wir alle müssen mitmachen, kommentiert Gordon Repinski.
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Berlin. Wenn Sie heute diesen Artikel lesen, beim gemütlichen Wochenendfrühstück etwa, ist die EU erstmals in ihrer Geschichte kleiner als am Tag zuvor. Sie werden sich dadurch das Frühstück nicht verderben lassen; das ist auch richtig so. Aber die Gewöhnung an das Geschehen ist in gewisser Weise trotzdem das Problem. Denn die Abstumpfung beim Erklingen des Wortes „Brexit“ ist ein so natürlicher wie gefährlicher Prozess. Dass die EU-Mitgliedsstaaten heute in einer um Großbritannien geschrumpften Union aufwachen, ist eine verdammt bittere Zäsur in der Geschichte unseres Kontinents. Sie wird kein Stück milder dadurch, dass der Tag lange erwartet und mehrfach verschoben wurde.

Der Morgen nach dem Brexit ist der Moment, in dem Europa den Blick wieder auf sich selbst richten sollte. Es muss Schluss sein damit, den vermeintlichen Leicht- und Wahnsinn der Londoner Politik zu belächeln und sich selbst damit zu erheben. In Europa läuft auch ohne Großbritannien einiges holprig, unrund oder falsch. Der Brexit ist zu oft in den vergangenen Monaten zum Alibi der Politik des Kontinents geworden, eigene Fehler wurden als weniger relevant betrachtet.

Der Geist Europas ist verloren gegangen

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Europa muss besser, attraktiver, verständlicher werden. Es ist die Lehre des Brexit für die verbleibenden 27 Staaten. Die Brüsseler Bürokratie wirkt starr und kompliziert. Versuche, Europa bürgernäher zu gestalten, erreichen viele Bürger bis heute nicht. Es ist bedauernswert, denn eigentlich kommen viele gute Dinge aus jener verrufenen Verwaltung. Dass etwa innerhalb Europas mittlerweile zu geringen Kosten mobil telefoniert werden kann, ist eine jüngere bürokratische Errungenschaft, von der nahezu jeder profitiert. Die Liste ließe sich fortsetzen. Währung, Handel, Austauschprogramme, vieles mehr.

Verloren gegangen ist vor allem der Geist der Kontinents. Im Mai jährt sich das Ende des zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Es ist eine lange Zeit, aber keine unabsehbare. Der Schrecken des Dritten Reichs ist präsent, noch heute leben Zeitzeugen, in jeder Familie gibt es Geschichten, Erinnerungen und Traumata. In unseren Städten sind die Narben des Krieges erkennbar. Europa in seiner jetzigen Form ist eine Reaktion auf diesen Krieg, das Versprechen, dass es nie wieder so weit kommen solle. Ja, sind wir eigentlich bescheuert, diese Errungenschaft gering zu schätzen oder in Gefahr zu bringen?

Das geeinte Europa ist das eine, große historische Geschenk an die Generationen, die in dem Kontinent in diesen Zeiten leben dürfen. Das sind wir. Unsere Aufgabe ist es, dieses Geschenk zu verteidigen. Es ist eine Aufgabe, die von manchem Mächtigen auf dem Kontinent nicht mehr so ernst genommen wird, wie sie sollte. Diese Verantwortung anzunehmen bedeutet, nationale Eigeninteressen abzuwägen gegen die des Kontinents. Oder noch besser: zu verstehen, dass das Wohl Europas am Ende das nationale Eigeninteresse ist.

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Wind weht Grenzzaun zwischen USA und Mexiko um
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Ein Teil des Grenzzauns zwischen den USA und Mexiko ist nach heftigem Wind umgefallen.  © AFP

Aber die Verantwortung für das Gelingen der Gemeinschaft lässt sich nicht auf die Kapitäninnen und Kapitäne abschieben. Europas Demokratie ist nur die Summe dessen, was die Bürgerinnen und Bürger dafür zu leisten bereit sind. Der Brexit wäre nicht geschehen, wenn bei der entscheidenden Abstimmung einige siegessichere Europafreunde mehr ihre Stimme abgegeben hätten. Derartige Ergebnisse drohen auch außerhalb Großbritanniens und in Zukunft, wenn das Engagement für die Demokratie in Lethargie übergeht.

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Also, Frühstück langsam beenden. Gut gestärkt das Gespräch am Gartenzaun mit dem Nachbarn suchen. Über Politik sprechen, über die guten Dinge. Darüber, was man ändern kann und will. Sich überlegen, wie man selbst einen Unterschied machen kann an diesem Tag – der ein trauriger ist. Der aber vor allem ein Anfang sein sollte, das Schicksal dieses immer noch unverändert wunderbaren Kontinents mitzugestalten.

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