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Plötzlich illegal: EU-Bürger in Großbritannien in Abschiebehaft

  • Dutzende EU-Bürger haben in den letzten Wochen die Auswirkungen des Brexit auf die harte Tour erfahren müssen.
  • Nach ihrer Ankunft im Königreich wurden sie laut Medienberichten abgewiesen.
  • Manche landeten gar in Abschiebehaft.
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London. Als Ana Silvestre an jenem Morgen Anfang Mai endlich ihre Schwester anrufen durfte, hatten die Geschwister jede für sich eine furchtbare Nacht hinter sich.

Eigentlich sollte die 20-jährige Italienerin mit ihrem brasilianischen Ehemann nach der Ankunft in London zur Schwester nach Liverpool kommen.

Doch stattdessen wurden Silvestre das Handy abgenommen und die Einreise verwehrt, das Paar landete in Handschellen und musste die Nacht in einem Van verbringen, bevor es in das Auffanglager für illegale Einwanderer Colnbrook gebracht wurde. Dort endlich konnte die junge Frau ihre besorgte Schwester anrufen, die ihrerseits keinerlei Informationen erhalten hatte.

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EU-Bürger in Abschiebegefängnissen

Silvestre ist nicht die einzige EU-Bürgerin, die sich nach ihrer Landung im Königreich plötzlich „wie eine Kriminelle“ fühlte, wie sie Medien erzählte. Berichten zufolge gab es Dutzende Fälle von Menschen aus Spanien, Bulgarien, Frankreich oder Griechenland, die aufgrund fehlender oder falscher Papiere nicht nach Großbritannien einreisen durften und stattdessen in Abschiebegefängnissen eingesperrt wurden – manchmal tagelang.

Meist handelte es sich um junge Leute, die für Au-pair-Tätigkeiten, Praktika, zeitlich begrenzte Jobs oder Vorstellungsgespräche auf die Insel kamen. Was offenbar viele nicht wussten: Mit dem Brexit hat sich die Situation grundlegend verändert.

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EU-Personenfreizügigkeit endete mit dem Brexit

Seit dem 1. Januar dieses Jahres brauchen auch EU-Bürger ein Arbeitsvisum, wenn sie planen, im Königreich eine Stelle zu übernehmen. Die EU-Personenfreizügigkeit gehört nach dem Ende der Übergangsfrist am 31. Dezember 2020 der Vergangenheit an.

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Eine ebenfalls verstörende Geschichte erlebte eine 20-jährige Estin, die sie später Journalisten schildern sollte. Ihrer Darstellung zufolge wollte sie lediglich Freunde der Familie in Großbritannien besuchen, was sie auch dem Beamten am Flughafen Gatwick erklärte.

Doch mit der Antwort schien dieser nicht zufrieden zu sein. Die junge Frau erwähnte dann, sie würde „den Freunden helfen, auf die Kinder aufzupassen“. Offenbar war das bereits ausreichend dafür, dass bei den Behörden die Alarmglocken schrill­ten. „Sie haben mir sofort unterstellt, dass ich als Au-pair arbeiten werde“, so die Estin.

Estin wurde 30 Stunden lang festgehalten

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30 Stunden lang wurde sie festgehalten, bevor sie wieder zurückfliegen musste. Während sie in Abschiebehaft saß, litt sie nach eigenen Angaben unter mehreren Panikattacken.

„Wegen der Angst und des Stresses war mir so übel, dass ich mich schlussendlich übergeben musste“, erzählte sie. Doch Ihrer Schilderung zufolge erlaubten es ihr die Sicherheitskräfte nicht einmal, ein Beruhigungsmittel aus ihrer Tasche zu holen. Eine traumatische Erfahrung für die 20-Jährige, die erstmals allein verreist war.

Deutsche noch nicht betroffen

Vergleichbare Fälle gab es aus Deutschland offenbar nicht, zumindest sind der deutschen Botschaft solche derzeit nicht bekannt.

Und die Behörden auf der Insel haben nach dem Aufruhr in den Medien wie auch in Brüssel, wo man das Vorgehen als Bruch des ausgehandelten Brexit-Abkommens betrachtet, reagiert. Das britische Innenministerium teilte mit, dass EU-Bürger ohne ausreichende Dokumente wenn möglich bis zu ihrer Ausreise zunächst unter Auflagen auf freien Fuß kommen.

„Nachdem die Personenfreizügigkeit nun beendet ist, können Menschen aus der EU Großbritannien zwar weiterhin besuchen, aber diejenigen, die zum Arbeiten oder Studieren kommen, müssen unsere Einreisebestimmungen befolgen“, betonte jedoch ein Sprecher.

Gleichwohl bestätigte der für Immigration zuständige Staatssekretär Kevin Foster, dass die Einreise für ein Bewerbungsgespräch gesetzlich erlaubt sei. Laut Regierung dürfen Menschen ins Königreich kommen für „Geschäftstreffen, Konferenzen, Seminare und Jobinterviews“, wie es in der Klarstellung hieß.

Opposition kritisiert Umgang mit EU-Bürgern

Zuvor hatte es Kritik von der Opposition gehagelt. Der Labour-Abgeordnete Hilary Benn monierte, jene Fälle von „ungeschickt behandelten“, nach Arbeit suchenden EU-Bürgern „helfen weder dabei, den Arbeitskräftemangel anzugehen, noch, eine konstruktivere Beziehung mit unseren europäischen Partnern aufzubauen“.

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