Irland setzt auf Bidens Liebe zur Grünen Insel

  • Joe Biden hat die US-Wahl gewonnen und ist der designierte Präsident der Vereinigten Staaten.
  • In Irland ist die Freude darüber inmitten der Brexit-Ungewissheiten besonders groß.
  • Die Republik erhofft sich nun einen Durchbruch in den Verhandlungen über einen Handelsdeal mit der EU.
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London. Joe Biden tourte noch durch die USA im Kampf um Wählerstimmen, da feierte ein kleines Städtchen auf der anderen Seite des Atlantiks den Demokraten bereits als Helden. Auf dem Marktplatz in Ballina im County Mayo an der Westküste Irlands wurde vor zwei Monaten ein riesiges Wandbild enthüllt, das im Pop-Art-Stil einen lachenden Biden zeigt.

Nun hat der 77-Jährige die Wahl gewonnen – und es waren die Bewohner Ballinas, die besonders laut jubelten. Am Wochenende versammelten sich Fans und einige entfernte Verwandte von Biden vor dem Gemälde, stießen mit Champagner und Guinness auf den Gewinner an und schwenkten irische wie amerikanische Flaggen. Willkommen im Biden-Land.

„Auf meiner Seele wird Irland geschrieben sein“

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Es ist dieser Ort, den der Demokrat einst im Sinn hatte, als er sagte: Wenn er sterbe, werde „das nordöstliche Pennsylvania auf meinem Herzen geschrieben stehen. Aber auf meiner Seele wird Irland geschrieben sein.“

In der Republik vernahmen sie die rührenden Worte voller Stolz. Sie zählen Joe Biden zu den Ihren, auch wenn man lange zurückblicken muss, um die Wurzeln zu finden. Der künftige Präsident ist der Ur-Ur-Ur-Enkel von Edward Blewitt, der in den 1840er-Jahren aufgrund der großen Hungersnot als Teil der Diaspora in die USA auswanderte und sich in Scranton in Pennsylvania niederließ.

Wie beim Vorfahren sitzt die Liebe zur Grünen Insel auch bei Biden tief. Und dies könnte nun der EU in den Brexit-Verhandlungen um einen Handelsdeal mit Großbritannien helfen. Darauf jedenfalls hofft die Republik, die aufgrund der Grenze zur zum Königreich gehörenden Provinz Nordirland am meisten vom EU-Austritt des Nachbarlandes betroffen sein wird. Die Sorge ist groß vor wirtschaftlichen Einbußen, aber vor allem vor sichtbaren Kontrollen in der ehemaligen Bürgerkriegsregion.

„Joe Biden war immer ein treuer Freund und Unterstützer Irlands, auch des Wohlstands, der Stabilität und der Chancen, die das Karfreitagsabkommen für Nordirland ermöglicht, dem er seine anhaltende, unerschütterliche Unterstützung zugesagt hat”, sagte Premierminister Micheál Martin.

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Tatsächlich machte der US-Demokrat bereits vor Wochen deutlich, dass es keinen Handelsdeal zwischen London und Washington geben werde, sollte die britische Regierung das Abkommen, das 1998 die jahrzehntelangen Unruhen beendete, untergraben – und damit den Frieden auf der irischen Insel gefährden.

Der britische Premier Boris Johnson hatte die EU im September mit dem sogenannten Binnenmarktgesetz zu erpressen versucht, das die Grenzregelung zu Nordirland im Austrittsvertrag mit der EU aushebeln soll.

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Sinneswandel bei Johnson?

Doch nun deutet sich in der Downing Street ein Sinneswandel an. Er sei, so unterstrich Johnson, immer schon ein „großer Enthusiast für ein Handelsabkommen mit unseren europäischen Freunden und Partnern” gewesen.

Brexit-Experten staunten zwar kurz, wirkliche Überraschung aber lösten weder Johnsons milde Worte noch der Zeitpunkt seiner Äußerung aus. Seit Wochen war man sich in Westminster einig, dass die britische Regierung zunächst den Ausgang der US-Wahlen abwarten will, bevor sie Zugeständnisse an Brüssel erwägt.

Wäre es der Brexit-Befürworter Donald Trump gewesen, man hätte wohl Druck auf die EU ausüben können, hieß es. Nun steht als Wahlsieger Joe Biden fest, neben Irland-Liebhaber auch ein ausgesprochener Freund der EU. Und Johnson gerät damit unter massiven Druck, in den Verhandlungen mit Brüssel zu liefern.

Diese Woche gilt als entscheidend. Trotz „einigem Fortschritt” blieben „große Differenzen”, verkündete unter anderem EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen im Vorfeld. Die Streitpunkte drehen sich vor allem um Garantien für einen fairen Wettbewerb und die Fischerei.

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Umstritten ist zudem die Frage der Aufsicht über das Abkommen. Doch für Johnson steht seit wenigen Tagen nicht nur das Verhältnis mit der EU auf dem Spiel. Für die Brexit-Hardliner galt ein Deal mit den USA immer als das Höchste der Gefühle.

Biden scheint mehr Brüssel und Dublin als London zuzuneigen

Nun scheint Joe Biden jedoch mehr Brüssel und Dublin zugeneigt zu sein, als die im Königreich viel beschworene „special relationship” zwischen den USA und Großbritannien zu betonen. Biden sei „einer der wenigen Weltführer, die ich nicht beleidigt habe”, soll Johnson laut Medienberichten gescherzt haben, nachdem dessen Sieg erklärt wurde.

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Das sorgte für Lacher, wenn auch vielen Diplomaten keineswegs zum Lachen zumute ist. Denn aus Bidens innerstem Zirkel kamen wenig Mut machende Nachrichten. So soll Biden den konservativen Premier als „emotionalen und politischen Klon” von Donald Trump betrachten.

Zwar haben die Partner Johnson/Biden beim Thema Klimawandel und Sicherheit oder bei außenpolitischen Zielen weitaus mehr gemeinsam, als dies jüngst der Fall war. Doch das Team Biden betrachtet den EU-Ausstieg als „Akt der Selbstisolation”, so Charles Kupchan, ein Berater des Demokraten.

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