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Gute Umfragewerte: Rettet sich Bolsonaro mit seinem Corona-Notgroschen?

  • Trotz Corona-Krise wächst die Zustimmung für Brasiliens Präsidenten.
  • Der Politiker gilt laut aktuellen Umfragen als so beliebt wie noch nie seit seinem Amtsantritt im Januar 2019.
  • Grund dafür ist ein Hilfsprogramm, das vor allem die arme Bevölkerung beruhigt.
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Rio de Janeiro. Stimmen die Umfragewerte des als seriös eingestuften Instituts Datafolha, dann sind die Brasilianer mit ihrem Präsidenten Jair Bolsonaro so zufrieden wie noch nie seit Beginn von dessen Amtszeit im Januar 2019. Rund 40 Prozent der Befragten bewerteten im laufenden Monat August die Politik des Rechtspopulisten als gut oder sogar sehr gut. Inzwischen gehen die Umfrageinstitute sogar davon aus, dass Bolsonaro – nach heutigem Stand – gute Chancen hätte, bei den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren wiedergewählt zu werden.

Eine solche Prognose ist zwar 24 Monate vor dem Urnengang mehr als gewagt, aber sie zeigt, dass der umstrittene Präsident nach Ansicht der Hälfte seiner Landsleute aus der bislang tiefsten Krise seiner Amtszeit herauszufinden scheint. Der Präsident kommentiert die Prognosen gelassen: “Ich bin nicht besorgt wegen 2022. 2022 ist eine andere Geschichte. Ich will nur eine gute Regierungsarbeit machen.”

90 Euro für notleidende Brasilianer im Monat

Gleichzeitig ist das Land von der Corona-Krise schwer getroffen, wird der Regenwald weiter in unvorstellbarer Dimension abgeholzt und produziert der Clan Bolsonaro – der Präsident und seine einflussreichen Söhne – jede Menge politische Skandale. Noch vor zwei Monaten schien es so, als wäre Bolsonaro am Boden. Der Präsident trennte sich nacheinander von zwei beliebten Gesundheitsministern, weil sich diese lieber an die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation halten wollten, als sich einem bizarren Werbefeldzug für das umstrittene Mittel Hydroxychloroquin zu unterwerfen, mit dem Bolsonaro später nach eigenen Angaben seine eigene Covid-19-Infektion behandeln ließ. Und Justizminister Sergio Moro, als Antikorruptionsjäger eine Ikone der Rechten, reichte frustriert seinen Rücktritt ein, weil er sich von Bolsonaro getäuscht fühlte. Von den Balkonen erklangen die Kochtopfproteste gegen den Präsidenten.

Nun der Stimmungsumschwung. Zu erklären ist er vor allem mit den Hilfszahlungen an die brasilianische Bevölkerung. Rund 600 Real (umgerechnet etwa 90 Euro) erhalten Not leidende Brasilianer monatlich. Das reicht, damit in den Favelas morgens Brot und Kaffee und abends Reis mit Hühnchen auf den Tischen stehen. Vor allem reicht es aber, um den armen Bevölkerungsschichten die Angst zu nehmen, komplett ins Bodenlose zu fallen. Zum lateinamerikanischen Vergleich: Die gesamte Kaufkraft eines Jahresgehalts eines Krankenpflegers im Nachbarland Venezuela entspricht der monatlichen Nothilfe in Brasilien.

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Hinzu kommt: Brasilien ist im weltweiten Vergleich nicht so schwer getroffen, wie das die absoluten Zahlen auf den ersten Blick vermitteln. In der Tabelle der Johns-Hopkins-Universität liegt Brasilien bei den Todesfällen pro 100. 000 Einwohner mit 54 Toten (Stand von Sonntag) auf Rang zehn – weit hinter deutlich reicheren Ländern wie Belgien, dem Vereinigten Königreich, Spanien oder Italien. In Lateinamerika liegt das riesige Land hinter Peru und Chile nur auf Rang drei.

Präsident hat keine Schuld an Ausbreitung der Pandemie

Laut Umfrage sieht fast die Hälfte der Brasilianer zudem keine Schuld beim Präsidenten an der Ausbreitung der Pandemie, 41 Prozent sehen ihn als mitschuldig, und 11 Prozent lasten ihm die Hauptverantwortung an. Der Rest wollte die Frage nicht beantworten.

Während die Nachbarländer einer schweren Wirtschaftskrise entgegengehen, ist die wirtschaftliche Lage in Brasilien vergleichsweise stabil. Dafür sorgen die Umsatzrekorde der umstrittenen Agrarindustrie, die allein im Juli mit Exporten in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar neue Höhen erreichte. Brasiliens Agrarindustrie ist aber seit mehr als zwei Jahrzehnten auch mitverantwortlich für die Abholzung des Amazonasregenwaldes.

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Von August 2019 bis Juli 2020 sind im brasilianischen Amazonasgebiet nach Daten des dortigen nationalen Instituts für Weltraumforschung 9000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt worden – eine Steigerung um rund 35 Prozent.

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