Boris Johnson ist zurück – und gibt gleich Rätsel auf

  • Noch deutlich angeschlagen wirkend hat Briten-Premier Boris Johnson wieder das Regierungsruder übernommen.
  • Mit seiner ersten Volksansprache nach der Corona-Erkrankung gibt er allerdings Rätsel auf.
  • Von welchen Erfolgen in der Corona-Krise spricht der Premierminister?
|
Anzeige
Anzeige

London. Boris Johnson hat sichtlich abgenommen und wirkte auch sonst noch körperlich etwas angeschlagen, als er sich am Montag erstmals nach seiner Covid-19-Erkrankung vor der Downing Street Nummer 10 ans britische Volk wandte. Wer aber allzu optimistische Töne vom britischen Premierminister erwartet hatte, wurde enttäuscht. Man befinde sich in einem Moment des “maximalen Risikos”, sagte der Regierungschef, der am Sonntagabend von seinem Landsitz in Chequers zurückgekehrt war, wo er sich von der Lungenkrankheit erholt hat.

Der 55-Jährige musste zeitweise auf der Intensivstation behandelt werden. Am Montag übernahm Johnson wieder offiziell die Regierungsgeschäfte von seinem De-facto-Stellvertreter Dominic Raab. Obwohl es Anzeichen gebe, “dass wir den Höhepunkt gerade überwinden”, dass man am Beginn eines “Gezeitenwechsels” stehe, weigere sich der Premier, “all die Anstrengungen und Opfer einfach wegzuwerfen” und die Beschränkungen zu früh zu lockern. Johnson äußerte zwar Verständnis für die “Ungeduld” der Menschen. Eine zweite Infektionswelle müsse aber verhindert werden.

+++Immer aktuell: Hier geht’s zum Corona-Liveblog+++

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Johnson sieht sich Lockerungsrufen ausgesetzt

Seit Tagen fordern Geschäftsinhaber und Unternehmer, aber auch Abgeordnete aus den eigenen konservativen Reihen, immer lauter eine Entspannung des strikten Lockdowns, der seit dem 23. März gilt – und noch bis mindestens 7. Mai andauert. Die Briten dürfen ihre Wohnung nur für den Einkauf wesentlicher Dinge wie Lebensmittel und Medikamente verlassen, Schulen sind genauso wie Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, geschlossen. Sport ist nur einmal am Tag und lediglich mit Mitgliedern desselben Haushalts erlaubt.

Würde man vorzeitig die Beschränkungen lockern, bestünde das Risiko, die Kontrolle zu verlieren, so der Premier. “Das würde nicht nur zu einer neuen Welle von Tod und Krankheit führen, sondern auch zu einem wirtschaftlichen Desaster.” Einen Plan, wie die Regierung in den nächsten Wochen die Beschränkungen aufheben will, legte er nicht vor.

Video
Nach Covid-19-Erkrankung: Boris Johnson will ab Montag wieder britische Regierung führen
1:26 min
Nach seiner Covid-19-Erkrankung will Großbritanniens Premierminister Boris Johnson ab Montag wieder die Regierungsgeschäfte aufnehmen.  © Reuters
Anzeige

Von welchem Erfolg spricht Johnson?

Stattdessen entschuldigte sich der Premier dafür, dass er “länger von meinem Schreibtisch weg war, als ich mir das selbst gewünscht hätte”. Als Boris Johnson an jenem Freitag, 27. März, bekannt gab, positiv auf Covid-19 getestet worden zu sein, stand die Zahl der mit dem Virus infizierten Toten im Königreich bei 1019. Mittlerweile sind im Land mehr als 21.000 Menschen allein in den Krankenhäusern gestorben. Wie viele Briten in Pflegeheimen und zuhause ihr Leben verloren, ist bis heute unklar. Konservative Schätzungen gehen von rund 8000 zusätzlichen Opfern aus.

Anzeige

Großbritannien könnte bezüglich der Sterbequote das von der Pandemie am schlimmsten betroffene Land in Europa werden, warnen Experten. Die Statistik schien Johnson auszublenden, auch wenn man sich seiner Ausführung zufolge mit der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert sehe. Es gebe viele Menschen, “die gerade auf unseren offenkundigen Erfolg blicken und sich zu fragen beginnen, ob jetzt die Zeit gekommen ist, lockerer mit den Distanzregeln umzugehen”, sagte Johnson. Beobachter wunderten sich derweil: Von welchem “offenkundigen Erfolg” sprach er?

Noch immer Chaos in Großbritannien

Dem Premier wird vorgeworfen, in der Krise zu spät gehandelt zu haben. Erst auf massiven Druck der Bevölkerung hin und deutlich später als andere Länder hatte er Ausgangsbeschränkungen und die Schließung von Schulen, Restaurants und Geschäften angeordnet. Auch Großveranstaltungen fanden noch statt, als in Italien, Deutschland oder Spanien bereits strenge Maßnahmen ergriffen wurden.

In der Kritik steht die konservative Regierung zudem, weil in Krankenhäusern und Pflegeheimen noch immer ein Mangel an Schutzausrüstung wie Masken und Kitteln herrscht. Hinzu kommt, dass bis heute unzureichend getestet wird. Bis Ende April, so versprach Gesundheitsminister Matt Hancock, sollten 100.000 Covid-19-Tests pro Tag durchgeführt werden. Davon ist Großbritannien kurz vor Ablauf des Monats aber weit entfernt.


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen