Trotz Affären und Krisen: Warum stehen die Briten immer noch auf Johnson?

  • Für Boris Johnson läuft es nicht gut: Corona-Chaos, Brexit-Finale, zahlreiche Kehrtwenden der Regierung, Druck aus der eigenen Partei.
  • Nun ist der Premierminister auch noch seinen wichtigsten Berater los.
  • Doch in Umfragen führen die Konservativen noch immer – wie kann das sein?
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London. Auf Boris Johnsons Schreibtisch in der Downing Street steht, das ist aus zuverlässigen Quellen überliefert, eine Büste von Perikles, dem griechischen Staatsmann aus dem antiken Athen. Und weil die Sache mit dem britischen Premierminister kaum noch mit der Gegenwart zu erklären ist, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.

Perikles war ein Meister der Redekunst, er förderte demokratische Strukturen, Kunst und Kultur. Mit seiner Herrschaft ab 443 vor Christus verbindet sich das Goldene Zeitalter Athens. Perikles ist für Johnson „der wahre Held“ und „Inspiration“, wie man weiß. In einer neuen Biografie mit dem Namen „The Gambler“ („Der Spieler“) werden denn auch große Vergleiche zwischen Perikles und dem konservativen Regierungschef gezogen in Sachen rhetorisches Geschick, Persönlichkeit, Talent, politischer Erfolg und Charakter.

Johnson selbst dürfte sein Vorbild im Sinn gehabt haben, als er, beflügelt von einem triumphalen Sieg bei der Parlamentswahl, Anfang Januar per Twitter versprach: „Dies wird ein fantastisches Jahr für Großbritannien.“ Auf in eine „goldene Ära“, befreit von den Fesseln der EU. Global Britain, was sonst. Nur die Vergangenheit ist bekanntlich eine andere Welt.

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Hardliner Cummings muss gehen

Gerade eskalierte innerhalb Johnsons Team ein Machtkampf um den umstrittenen Berater Dominic Cummings, der nicht nur wie kein Zweiter für Johnsons Aufstieg ins höchste Amt verantwortlich zeichnet, sondern auch als Architekt des Erfolgs beim Brexit-Referendum gilt. Die Medien berichten seit Tagen in unschönen Details, wie die Fehde lief in Londons Regierungszentrale. Wer mit wem wie über was gestritten hat, wie unerbittlich und skrupellos die rivalisierenden Fraktionen miteinander rangen, wie hinterrücks jeder billige Trick zum Einsatz kam, um bedeutende Posten innerhalb des Apparats im eigenen Sinne zu besetzen. Zwischen den Stühlen saß der Premierminister. Die Öffentlichkeit verfolgte die Seifenoper staunend.

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Boris Johnson in Quarantäne
0:58 min
Der britische Premier soll Kontakt zu einem Abgeordneten gehabt haben, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde.  © Reuters

Das Wörtchen „armselig“ tauchte denn auch häufiger in den Beschreibungen von Beobachtern auf, genauso wie Johnsons Verlobte Carrie Symonds, die in dem Theater die Rebellion gegen die Cummings-Truppe anführte. Sie war einst Kommunikationschefin der Konservativen. Am Ende setzte sich ihre Seite durch. Strippenzieher Cummings, der aus seiner Verachtung für britische Institutionen und selbst Teile der Tories nie einen Hehl gemacht hat, wählte den großen Auftritt und spazierte demonstrativ mit Umzugskarton unter dem Arm aus der schwarz lackierten Tür mit der Nummer zehn. Bumm!

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Es war Cummings’ Mittelfinger in Richtung jener Tories, die Johnsons geistigen Schattenmann wegen seines „konfrontativen und autoritären“ Stils seit Langem verabscheuen. Cummings wollte nichts weniger als das Land radikal transformieren, jedes Mittel schien ihm recht, ob das Parlament dafür in die Zwangspause geschickt werden muss wie im vergangenen Jahr oder ob man wie jüngst Brüssel droht, internationales Recht zu brechen. Er gefiel sich in der Rolle des Systemzerstörers. Ein Problem für den als unschlüssig und ideenarm geltenden Boris Johnson. Denn Cummings war auch sein Chefeinflüsterer. Nun versinkt die Regierung im Chaos. Und das mitten in der zweiten Corona-Welle und kurz vor dem Brexit-Finale.

Desaster bei Pandemiebekämpfung und Brexit

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Eine kurze Übersicht zur Lage der Nation: Die Pandemie forderte nach offiziellen Angaben bislang mehr als 52.000 Tote, das Königreich verzeichnet damit eine der höchsten Pro-Kopf-Raten der Welt. Die Regierung reagierte zu spät mit einem Lockdown, der dann umso länger andauerte. In der Folge rutschte das Land in die schlimmste Rezession seiner Geschichte. Es gab keine Strategie zu Beginn der Pandemie, dafür taumelte Großbritannien mit einem kaputtgesparten Gesundheitssystem und einem miserablen Führungsmanagement durch die Gesundheitskrise. Das von Johnson angekündigte „weltbeste“ Testsystem ist bis heute bestenfalls mangelhaft, genauso wenig funktioniert die Nachverfolgung von Infektionsketten. Die Kommunikation vonseiten der Regierung war bestenfalls verwirrend. Mittlerweile ächzt das Königreich erneut unter einem strikten Lockdown.

Als wären das nicht schon genug Probleme, droht auch der Brexit zum Desaster zu werden. No Deal oder Deal? Die Verhandlungen um ein Handelsabkommen zwischen London und Brüssel enden jede Woche mit denselben Phrasenstatements. Viele Differenzen, kaum Fortschritte, die Zeit drängt. Eigentlich muss bis Ende dieser Woche eine Einigung stehen, damit die Parlamente den Vertrag ratifizieren können. Eigentlich. Das politische Instrument des Ultimatums ist ausgespielt nach unzähligen Fristen, die meist ohne Folgen verstrichen. Die einzige, die unveränderbar wie ein Damoklesschwert über Europa hängt: Am 31. Dezember endet die Übergangsphase, in der das Königreich Mitglied des Binnenmarkts bleibt und zur Zollunion gehört. Die Wirtschaftswelt steuert nervös in Richtung des ungewissen Ausgangs.

Öffentlich ausgetragenes Psychodrama

Abseits vom Brexit sorgten etliche Kehrtwenden der Regierung für Schlagzeilen auf der Insel. Die jüngste leitete Johnson ein, nachdem die Nation schockiert aufgeschrien hatte, weil die Konservativen Kinder armer Familien in den Schulferien lieber hungern ließen, als sie mit Essensgutscheinen auszustatten. Wenig überraschend endete die Sache in einem PR-Fiasko.

Nun also das auf öffentlicher Bühne ausgetragene Psychodrama in der Downing Street. Die Tory-Partei ist zunehmend in Aufruhr. Etliche Abgeordnete aus den eigenen Reihen rebellieren hinter den Kulissen. Selbst den Torys wohlgesonnene Medien schimpfen über Johnsons fehlende Führung. Er befinde sich noch immer im Wahlkampfmodus, so wird moniert. „Take back control“, „Get Brexit done“, „Build back better“. Johnson regiert das Königreich vor allem in Drei-Wörter-Slogans.

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Konservative liegen nach Umfragen noch immer vorne

Der jüngsten Umfrage des Instituts Savanta Com Res zufolge liegen die Konservativen trotzdem noch immer vor der Opposition der Labour-Partei. 40 Prozent der befragten Briten stehen hinter den Torys, die Sozialdemokraten erreichen lediglich 36 Prozent. Wie um alles in der Welt kann das sein?

„Viele Wähler geben Johnson einen Vertrauensbonus, wenn es um Covid geht, weil die Krise so enorm ist“, sagt der Politikwissenschaftler Anand Menon vom Londoner King’s College. Es gebe ein gewisses Verständnis dafür, dass die Pandemie für jeden Premier schwierig gewesen wäre. Anders dagegen sieht es beim Thema Brexit aus. Johnson steht vor einem Dilemma, das sich durch den Sieg des EU-Freunds Joe Biden bei den US-Wahlen noch verschärft hat. Der Demokrat machte bereits vor Wochen deutlich, dass es kein bilaterales Abkommen mit dem Königreich geben werde, wenn die britische Regierung das Karfreitagsabkommen missachtet – und damit den Frieden auf der irischen Insel gefährdet. Zwar haben die Partner Johnson/Biden bei den Themen Klimawandel und Sicherheit oder bei außenpolitischen Zielen weitaus mehr gemeinsam, als dies mit Donald Trump der Fall war, doch der Republikaner hat sich zur Freude der EU-Skeptiker stets als Brexit-Fan präsentiert und Hoffnungen auf einen zügigen Deal geschürt.

Nun sind diese dahin. Würde Johnson den Sprung in den Abgrund wagen, trotz der Warnungen aus der Wirtschaft? Jetzt, da Trump das Weiße Haus räumen wird und Hardliner Cummings ebenfalls Geschichte ist? Im rechten Tory-Flügel könnten zu weitreichende Zugeständnisse an Brüssel das Fass zum Überlaufen bringen und eine Meuterei auslösen. Doch gleichzeitig würde ein Scheitern der Gespräche Johnson „politisch äußerst verletzlich“ machen, so Politologe Menon. Es würde der Opposition von Labour in die Hände spielen, die den Premier gebetsmühlenartig für „seine fehlende Kompetenz“ attackiert.

„Brexit-Votum war Hilfeschrei“

Hinzu kommt, dass ein wirtschaftlicher Bruch mit der EU die Regionen im Norden und in der Mitte Englands besonders hart treffen würde. Ausgerechnet. Hier riss Johnson bei der Parlamentswahl im Dezember 2019 die „rote Mauer“ nieder. Die traditionellen Labour-Hochburgen färbten sich von Rot zu Blau. Boris Johnson weiß, er muss nun für diese neuen Wähler liefern. Dort, wo brachliegende Zechen vor sich hin rosten und als Überbleibsel schmerzlich an die industriellen Blütezeiten erinnern, herrscht vor allem Verzweiflung. Eine Grube nach der anderen wurde geschlossen. Erst verloren die Menschen ihre Jobs, dann die Hoffnung. „Das Brexit-Votum beim Referendum war ein Hilfeschrei“, sagt Jay Martin. 2019 ließen die Menschen mit der Wahl der Torys, die in ihrer Kampagne komplett auf das Versprechen setzten, den EU-Austritt durchzuziehen, den Ruf noch einmal gen Westminster los. Zu lange schon fühlen sich die Menschen vernachlässigt, Brüssel hielt als Sündenbock her.

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Martin, 22, hat im Dokumentarfilm “REDt’BLUE” nachgezeichnet, warum sein Heimatort Mansfield in der Grafschaft Nottinghamshire Labour den Rücken gekehrt und sich den Tories zugewandt hat. Ältere Bewohner erzählen darin voller Stolz von Pubs, die einst immer voll waren, aber längst nicht mehr existieren. Vom früher so lebendigen Marktplatz, der heute von leer stehenden Läden geprägt ist. Eindrucksvoll zeigt der Film das verlassene Kohlebergwerk Clipstone, in dessen Schatten die Stadt in jeder Hinsicht liegt. Die Ruine ist eine Metapher für die Entwicklung von Mansfield, das von einem prosperierenden Zentrum der Kohleindustrie zu einem Ort der Tristesse wurde. Und auch wenn die Konservativen unter Johnson ein schlechtes Jahr erleben: Jay Martin glaubt nicht, dass der Umschwung so leicht umkehrbar ist. „Bei der nächsten Wahl werden die Leute Covid vergessen haben“, sagt der Dokumentarfilmer.

Johnsons Kritiker: Er kommt mit allem davon

Es ist jener Umstand, der Johnsons Kritiker zum Verzweifeln bringt. Der Politiker komme mit allem davon, „immer und immer und immer wieder“, meint Matthew Parris, der selbst lange Mitglied der Tories war und mittlerweile als Autor das politische Geschehen beobachtet. Er vergleicht den Premier mit der Maus Jerry aus der Zeichentrickfilmserie „Tom und Jerry“, die es stets schafft, dem Kater Tom zu entwischen. Journalistische Verfehlungen als Jungkorrespondent, außereheliche Affären, Fehltritte als Politiker – Johnson scheint jeden Skandal zu überstehen. Auch Corona und Brexit?

Kürzlich meldete sich der ehemalige Staatssekretär Rory Stewart erzürnt zu Wort. Johnson ähnele keineswegs dem griechischen Feldherrn Perikles, sondern sei vielmehr „der versierteste Lügner im öffentlichen Leben, vielleicht der beste Lügner, der jemals als Premierminister dienen wird“, schrieb er über seinen Ex-Chef, frustriert, dass das Volk diesem immer wieder verzeiht.

Was Stewart unerwähnt ließ: Perikles’ Glanzzeit endete während des Peloponnesischen Kriegs – als sich eine pestartige Epidemie in Athen ausbreitete. 429 vor Christus fiel Perikles der Seuche zum Opfer. Im April erkrankte Boris Johnson schwer an Covid-19 und lag zwischenzeitlich sogar auf der Intensivstation. Gesundheitlich hat der Premierminister Corona überlebt.



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