Böhmermann fehlt der SPD gerade noch

  • Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann hat sich als vorläufig Letzter um den SPD-Vorsitz beworben.
  • Er sollte wissen: Politik ist kein Spiel.
  • Tatsächlich geht es um sehr viel mehr, kommentiert Markus Decker.
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Berlin. Es blieb der Deutschen Presse-Agentur nichts anderes übrig, als auch diese Kandidatur zu vermelden. So überschrieb sie also am Donnerstagabend einen Bericht mit den Worten: „Jan Böhmermann: Ich möchte SPD-Vorsitzender werden.“

Allen ist klar, dass der ZDF-Satiriker mal wieder seinem Kerngeschäft nachgeht – der Satire; einer Satire übrigens, deren Originalität sich in Grenzen hält. Der ehemalige SPD-Sprecher Tobias Dünow twitterte zu Recht: „Politik ist kein Spiel.“

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Böhmermann ist unter den bisherigen Kandidaten für den SPD-Vorsitz nicht der einzige Satiriker. Es gibt im 20-köpfigen Bewerberfeld mindestens drei ganz unbekannte Aspiranten, denen es nur um die von Andy Warhol benannten 15 Minuten Ruhm zu gehen scheint. Ein die anderen Konkurrenten in den Schatten stellender Kandidat – ob weiblichen oder männlichen Geschlechts – ist hingegen nicht zu sehen. Das hat Gründe.

Die SPD befindet sich in einem ordnungslosen Zustand, in dem nun vieles dem freien Spiel der Kräfte überlassen wird. Das muss kein Schaden sein. Womöglich wird der Wettbewerb um die Gunst der Partei zeigen, wer stark ist und wer nicht. Auf diese Weise könnte sich das künftige Duo jene Autorität verschaffen, die die letzten Vorsitzenden nie hatten oder allmählich verloren.

Der auffällige Mangel an überzeugenden Führungspersönlichkeiten hat überdies strukturelle Gründe, die nicht für die SPD allein gelten, sondern für alle Parteien. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sitzt ja ebenfalls alles andere als fest im Sattel. So haben gerade die Volksparteien zunehmend weniger Mitglieder, aus denen sich Personal für Spitzenpositionen rekrutieren ließe. Auch ist eine bruchlose Karriere dort längst nicht mehr garantiert.

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Hinzu kommt, dass die Anfechtungen, denen Politiker ausgesetzt sind, zuletzt immer mehr zugenommen haben. In Zeiten der digitalen Netzwerke gibt es kaum noch geschützte Räume. Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) hat der politischen Klasse vor Augen geführt, dass selbst Leib und Leben in Gefahr sein können. Schließlich werden die politischen Probleme immer komplexer; manches Problem – allen voran der Klimawandel – wirkt nahezu unbeherrschbar. Wer traut sich da noch, Lösungen anzubieten und im Falle des Scheiterns den Kopf hin zu halten?

Ohnehin wachsen Menschen mit Charisma nicht auf Bäumen. Sie sind per definitionem Ausnahmepersönlichkeiten, die alle anderen überstrahlen. Es ist ja kein Zufall, dass selbst heute noch – 32 Jahre nach seinem Rückzug als SPD-Chef – unverändert auf Willy Brandt verwiesen wird. Im Jahr 2019 wird einzig dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck Charisma zugeschrieben. Das war’s.

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Vielleicht zeigt die Vorsitzenden-Suche in der SPD deshalb vor allem, dass es falsch ist, auf Charismatiker zu warten, und besser, dass sich möglichst viele einbringen. Immerhin 20 Frauen und Männer sind bereit, die älteste Partei Deutschlands zu führen – eine Partei, die immerhin noch 438.000 Mitglieder hat. Das lässt hoffen.

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