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Bodo Ramelow: “Wissler und Hennig-Wellsow wären ein starker Aufbruch”

  • Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hält sich aus den parteiinternen Debatten auf Bundesebene meistens raus.
  • Jetzt macht er eine Ausnahme.
  • Ramelow wirbt für Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow als neue Vorsitzende.
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Herr Ramelow, die hessische Fraktionsvorsitzende Janine Wissler und Ihre thüringische Partei- und Fraktionsvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow wollen Vorsitzende der Linken werden. Haben sie Ihren Segen?

Susanne Hennig-Wellsow ist eine erfahrene und verantwortungsbewusste Politikerin. Und sie ist 43. Das ist das Alter, das ich hatte, als ich 1999 in die Politik ging. Danach kamen einige Meilensteine, die für die Linke prägend waren. Als ich 2005 Bundeswahlkampfleiter wurde, wurde der damalige Landesgeschäftsführer von Hessen, Olaf Weichler, mein Büroleiter. Er ist eigentlich ein Thüringer, der in Hessen Verantwortung trug, während ich selbst aus Hessen nach Thüringen gekommen war.

Sie wollen sagen, ein hessisch-thüringisches Duo wäre auch heute eine gute Sache.

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Janine Wissler hat gezeigt, was es heißt, gute und verlässliche Oppositionsarbeit und stabile Parteiarbeit zu leisten. Susanne Hennig-Wellsow ist eine kraftvolle Frau aus Thüringen, die es geschafft hat, eine Einmaligkeit zu begleiten – nämlich eine rot-rot-grüne Landesregierung unter linker Führung, eine Minderheitsregierung, dazwischen eine Kemmerich-Phase und jetzt eine Corona-Zeit. Diejenige, die dem prominenten Ministerpräsidenten den Rücken frei hält, ist eine sehr starke Frau. Deshalb freut es mich sehr, dass auf einmal zwei Frontfrauen aus Hessen und Thüringen sagen: Wir trauen uns zu, den Fokus der Partei “Die Linke” neu zu schärfen. Sie verkörpern ein breites politisches Spektrum: eine regierungstragende Fraktionsvorsitzende und eine Fraktionsvorsitzende in der Opposition. Dazu strahlen sie Freundlichkeit aus und haben bewiesen, dass sie Parteitage rocken können. Mit beiden wäre ein starker Aufbruch und eine Chance jenseits all der Hinterzimmer in der Partei verbunden.

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Es gibt in diesen Hinterzimmern Einwände, wonach die beiden nicht im Bundestag säßen und nicht das gesamte Spektrum der Partei abbilden würden. Außerdem werde Frau Hennig-Wellsow in Thüringen dringend gebraucht.

Ja, eigentlich kann ich auf Susanne Hennig-Wellsow nicht verzichten. Das ist für mich ein Einschnitt. Aber ich bin dankbar, dass ich sechs Jahre lang den Rücken frei gehalten gekriegt habe. Deshalb muss ich den Preis zahlen. Wer nur an die Flügelspitzen denkt, der wird am Ende auch das Fliegen nicht lernen. Es kommt darauf an, dass wir kraftvolle Flügel haben, die gemeinsam in die richtige Richtung schlagen und den Wind aufnehmen können, um überhaupt höher zu steigen. Das Argument, dass die beiden nicht in Berlin sind und nicht im Bundestag, spricht für sie. Denn eines muss ich einfach mal sagen: Alle, die sich da im Bundestag bewegen, sind verdiente Politiker. Aber manchmal sind sie mehr mit sich beschäftigt als mit den Alltagsproblemen der Menschen. Da sind Janine und Susanne viel näher an den Menschen dran. Wir sollten nicht in der Berliner Arithmetik denken, sondern in der gesamtdeutschen. Darum ist mir lieber, dass wir kraftvoll aus der Mitte Deutschlands kommen als einfach nur aus dem Raumschiff Bundestag.

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Es gibt aktuell auch eine neue rot-rot-grüne Debatte. Dabei geht es vor allem um die Haltung der Linken zur Nato. Wie stehen Sie dazu?

2021 muss man die Frage beantworten: Wofür regieren? Wer sagt, wir dürfen erst regieren, wenn alle unsere Forderungen erfüllt sind, der wird seine Forderungen nie umsetzen, weil er im Kern ja sagt: Ich will gar nicht regieren, sondern einfach nur eine Latte hoch legen. Ich sage: Über die Nato zu debattieren, lohnt sich. Es war nicht nur die Linke, die gesagt hat: Die Nato ist tot. Das war auch Donald Trump, der allerdings nur noch mehr Geld in die Rüstung pumpen will. Jetzt droht er mit der Verlagerung von Truppen in Europa, was zum Unfrieden beiträgt.

Also regieren?

Wir haben Grund, mit SPD und Grünen darüber zu diskutieren, wie sie das sehen, was Trump mit der Nato macht, und wie sie es sehen, was der Nato-Partner Türkei im Moment mit dem Frieden in der Region macht. Darüber und über die europäische Antwort müssen wir mit anderen offen und offensiv reden. Wir sollten nicht nur einfach Dogmen an die Tür nageln.

Noch ein anderes Thema: die Corona-Pandemie. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat gesagt, mit dem Wissen von heute hätte man im Frühjahr manches anders entschieden – etwa bei der Schließung des Einzelhandels. Fühlen Sie sich bestätigt?

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Wir haben früher gar nicht wissen können, was richtig oder falsch war. Deswegen hilft uns da keine Rechthaberei. Wir müssen jetzt nach vorne gucken. Jens Spahn sagt heute, er bitte, die Urlaube im Herbst und Winter in Deutschland zu verbringen. Ich wäre froh, wenn wir jetzt mal auf mehr Rationalität umschalten. Wir müssen mit dem Virus leben. Und mit dem Virus leben heißt, uns nicht in der Wohnung zu verkriechen. Deshalb begrüße ich ausdrücklich, dass der öffentliche Gesundheitsdienst massiv gestärkt werden soll. Da ist noch viel Sand im Getriebe.

Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels? Impfstoffe scheinen ja in Sicht zu sein.

Ja, aber das hängt nicht mit Impfstoffen zusammen, sondern damit, dass die Menschen nach wie vor diszipliniert sind. Eine Firma in Deutschland bekommt jetzt 250 Millionen Euro vom Bund für die Forschung an einem Impfstoff. Da habe ich die Luft angehalten. Denn das ist ein riesiger Kostenberg. Trotzdem sind die Leute, die das mit verantworten, diejenigen, die, wenn drei oder fünf Fälle mehr kommen, immer wieder sofort in so eine Alarmstimmung gehen. Ich bin dafür, dass wir uns das Infektionsgeschehen in Ruhe ansehen. Wir sollten nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

“Staat, Sex, Amen”
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