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Blockierte Rettung von Ortskräften: Moralischer Bankrott trifft Führungsversagen

  • Bis zuletzt gab es keine Warnungen davor, wie schnell die Taliban die Macht in Afghanistan an sich reißen würden.
  • Doch dass die Deutschen und ihre afghanischen Helfer vor den Extremisten gerettet werden müssten, ist seit Monaten klar.
  • Dass Innenminister Seehofer aber aus Prinzip eine unbürokratische Lösung zur Rettung der Ortskräfte blockierte und die Kanzlerin ihn gewähren ließ, ist deshalb unverzeihlich, kommentiert Steven Geyer.
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Berlin. Sicher: An eine so rasante Machtübernahme der Taliban hat bis zum Schluss niemand geglaubt. Was man der Bundesregierung deshalb vorwerfen kann, ist also höchstens, dass es dafür keinen Notfallplan gab.

Doch inzwischen ergibt sich aus vertraulichen Papieren und Ausschusssitzungen ein Bild, angesichts dessen man die Regierung heftig kritisieren muss. Demnach haben Auswärtiges Amt, Verteidigungs- und Innenministerium bereits seit Anfang Juni über die Rettung der Ortskräfte gestritten – jener Menschen, die deutsche Aufbauhelfer und vor allem die Bundeswehrangehörigen jahrelang unterstützten, ihr Leib und Leben beschützten.

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Ende Juni gab es sogar konkrete Flüge für sie, aber Unklarheiten zu Visa und anderen Papieren. Es wäre der Moment gewesen, von deutscher Gründlichkeit auf deutsche Flexibilität umzuschalten, wie Angela Merkel es während der Flüchtlingskrise ausdrückte.

Trauma des damaligen Asylstreits sitzt tief

Doch das Trauma des damaligen Asylstreits sitzt noch immer so tief, dass sich Innenminister Seehofer weigerte, das Verfahren zu vereinfachen oder in Deutschland nachzuholen. Stattdessen beharrte er in Deutschland darauf, weiter nach Afghanistan abzuschieben – und ließ so die Gelegenheit verstreichen, die Menschen rechtzeitig vor den Taliban zu retten.

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Hunderte weitere Menschen, die in Afghanistan festsaßen, sind über Taschkent nach Deutschland in Sicherheit geflogen worden.  © dpa
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Bewusst riskierte Seehofer die Leben jener Afghanen, die den Versprechen und angeblichen Idealen der Bundesrepublik jahrelang geglaubt und sich dafür in Gefahr gebrachten hatten. Ebenso verantwortlich für diesen moralischen Bankrott ist die Kanzlerin, die – wohl auch als Spätfolge von 2015 – den Konflikt mit Seehofer scheute, statt ihn zu überstimmen.

Es ist sicher kritikwürdig, dass der Bundesnachrichtendienst intern bis zuletzt versicherte, dass die „Taliban-Führung derzeit kein Interesse an der militärischen Einnahme Kabuls” habe, und damit Last-minute-Rettungen verhinderte. Aber dass Seehofer wochenlang nur aus Schikane oder Wahlkampfkalkül eine Lösung blockieren konnte, ist schlicht eine Schande.

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